Aus St. Paul berichtet Marc Pitzke
St. Paul - Janet Thomas ist so aufgeregt, sie krallt ihr Gegenüber beim Unterarm und drückt fest zu. Sie sei Christin, sagt sie mit bebender Stimme, "in einem Haus großgezogen, in dem man an den Herrn glaubt". Und deshalb werde sie nicht zulassen, "dass die Liberalen unser Land kaputtmachen". Vor allem aber werde sie "bis zum letzten Atemzug" für das ungeborene Leben kämpfen. Sie hält inne, um den Nachhall ihrer Worte zu genießen, und fügt dann das Wichtigste hinzu. Die Konsequenz all dessen: "Ich bin mehr als je zuvor ein begeisterter Fan von Sarah Palin."
Thomas steht, das Haar sorgsam auftoupiert, in einem Ballsaal in St. Paul, der Hauptstadt von Minnesota. Die Delegierte aus Mississippi trägt ein Kostüm in den Landesfarben und am Revers einen Button: "McCain/Palin". Solche Buttons tragen viele der mehr als 700 Gäste hier: meist Frauen, meist patriotisch und allesamt Schützerinnen des ungeborenen Lebens - also flammende Sarah-Palin-Fans.
Dienstag, am Rande des Wahlparteitags der US-Republikaner: Die Republican Coalition for Life, eine Lobbygruppe christlich- konservativer Abtreibungsgegner, feiert sich selbst, ihre Sache - und ihr diesjähriges Ehrenmitglied. Und das ist niemand anderes als Alaskas Gouverneurin Sarah Palin, die Vize-Kandidatin John McCains, die dank ihres etwas unkonventionellen Familienlebens widerwillig zum Hauptgesprächsthema hier geworden ist.
Dabei war der Cocktailempfang für Palin lange geplant. Lange bevor sie McCain zur Frau an seiner Seite auserkor. Und lange bevor all die Schlagzeilen über sie erschienen: die Schwangerschaft ihrer 17-jährigen Tochter, das Ethikverfahren daheim, die Probleme des Gatten mit der Polizei. Die "Pro-Lifer", wie sie sich nennen, haben Palin immer schon verehrt - als "konservativen Star" und eine, so die Einladung unter ausdrücklichem Hinweis auf Palins eigenes, behindertes Baby, die Abtreibung ablehnt und "das Leben schützt".
So ist es eigentlich reiner Zufall, dieses gesellige Beisammensein bei Häppchen, Knoblauch und White Zinfandel - Zufall ausgerechnet an diesem Tag, an dem hier alle von nichts anderem reden als eben Sarah Palin. Die Nachricht, dass Palins ledige Tochter Bristol schwanger ist und ihre Biografie auch sonst noch einige ungeklärte Stellen aufweist, hat seit Montag alles andere auf diesem Parteitag überschattet. Nicht nur die Medien fragten sich: Wie wird die Basis reagieren?
Der Fehltritt wird zum Fanal
In dieser Runde jedenfalls ist die Antwort klar - obwohl der Star des Empfangs selbst, von der Parteitagsregie mit Hausarrest belegt, sich entschuldigen ließ. "Diese Familiengeschichte wird folgenlos bleiben", wiegelt auch die Delegierte Rita Meyer aus Wyoming ab und nagte weiter an ihrer Crevetten-Pastete. "Als Abtreibungsgegnerin bin ich sehr zufrieden, dass sie Bristols Baby zur Welt bringen werden und als Familie gemeinsam dahinterstehen."
Der Fehltritt wird zum Fanal: Solche Worte sind hier gestern fast überall zu hören. Beim Anti-Abtreibungs-Büfett wie auch ein paar Straßen weiter im Xcel Energy Center, wo der Parteitag nach unplanmäßiger Hurrikan-Verzögerung gestern in seine erste richtige Plenarrunde ging. Einen Tag lang haderten sie, wie sie mit dem "Fall Palin" umgehen sollten. Privatsache? Politkrise? Doch dann war die Linie klar: Die Republikaner formieren sich fast geschlossen hinter ihrer Vize-Kandidatin.
Das ist nicht zuletzt auch bei den Ansprachen des Abends zu spüren. Da schütteln die Republikaner die Pflichtpietät des Montags ab und beginnen Stimmung gegen die Gegner zu machen. Ein Redner nach dem anderen hebt dabei Palin lobend hervor, als sei die obskure Gouverneurin seit jeher eine Parteilegende. Und zwar tun sie das mit auffallend ähnlichen Worten, die ihnen das McCain-Camp souffliert, das jedes Manuskript hier vorher absegnet.
Palin wird zur Märtyrerin, die Medien zum Sündenbock
Spätestens da ist klar: Die Republikaner sind fest entschlossen, die Affäre Palin auszusitzen und auch alle Zweifel an McCains Urteilskraft, die dadurch aufgeworfen werden, stoisch zu ignorieren. Vorausgesetzt natürlich, so der Stratege Matthew Dowd, "dass keine weiteren Enthüllungen kommen" von dieser Frau, über die selbst McCains engster Zirkel bisher kaum Informationen besaß.
Dass all diese Solidaritätsbekundungen zentral koordiniert sind, offenbart sich auch, als McCain ein Interview mit CNN-Talker Larry King absagt. Grund: CNN hatte McCain-Sprecher Tucker Bounds zu Palin ungewöhnlich scharf ins Kreuzverhör genommen.
Palin, so bestätigte das McCain-Team in der Nacht, werde allen gegenteiligen Berichten zum Trotz heute wie geplant ihre Kandidatenrede halten. Mehr noch: McCains Vasallen schicken sich an, die Kontroverse sogar zu ihrem Vorteil zu drehen - indem sie Palin zur Märtyrerin erheben, verfemt und verfolgt von der linken "Medienelite", jenem beliebten Sündenbock.
"Es gibt keine größere Bedrohung für die Elite in diesem Land als eine starke Frau", wettert die konservative Radiotalkerin Laura Ingraham, die gestern anstelle von Palin vor den Abtreibungsgegnern auftritt - mit einer ihrer üblichen schrillen Tiraden gegen die Linke.
Phyllis Schlafly, konservative Ikone, Urmutter der US-Abtreibungsgegner und Gründerin der Republican National Coalition for Life, kann dem nur zustimmen. "Sarah Palin hat die Partei mit neuem Leben beseelt", sagt sie und nestelt an ihren zwei Broschen - einem Sternenbanner in Herzform und einem Elefanten, dem Maskottchen der Republikaner.
Drüben in den Wandelgängen des Xcel Centers hält derweil Gary Bauer Hof, der Präsident der christlich-konservativen Aktivistengruppe American Values. Der zierliche Mann gilt als Barometer der Basis, seine Reaktion auf die Palin-Affäre ist für viele hier besonders wichtig.
"Christliche Familien ringen mit den gleichen Problem wie andere Familien auch", diktiert Bauer den Reportern in die Blöcke. "Der Unterschied ist: Wir verzeihen." Auch Bauer befolgt die Sprachregelung von oben: Palins Tochter habe einen "Fehler" gemacht, doch statt Palin und ihre "typische amerikanische Familie" verdienten die "parteilichen Medien" Schelte - für ihre "absolut ekelhafte" Kritik.
Palin selbst wird von all dem strikt ferngehalten. Sie schreibe an ihrer Rede, heißt es, und werde bis dahin keine Interviews geben. Nur einmal bekommen die Medien sie gestern zu sehen - per Foto, das das McCain-Lager an die Reporter emailt. Es zeigt die Gouverneurin in einem Sessel, offenbar in einem Hotelzimmer. Auf der Couch daneben sitzen Laura Bush und McCains Ehefrau Cindy. Alle drei lächeln um die Wette.
Bei den Abtreibungsgegnern ist freilich nicht allen zum Lächeln zumute. Zweimal wird die Anti-Abtreibungs-Gala von Mitgliedern der Frauengruppe Code Pink gestört, die mit Protestplakaten ans Mikrofon springen. Die Republikaner überstimmen sie jedoch mit einem spontanen Choral ("God Bless America!"), und drei Sicherheitsbeamte zerren sie fort.
"Gott", seufzt Phyllis Schlafly triumphierend, "was liebe ich dieses Land!"
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