Berlin - 11. September 2001 - die meisten Menschen auf der Welt können sich erinnern, wo sie waren. Was sie gerade taten, als sie erfuhren, dass Terroristen drei entführte Flugzeuge in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers und das Pentagon stürzen ließen, während ein vierter Jet auf einem Feld zerschellte.
New York, 11. September 2001: Wo steht al-Qaida heute?
Seit diesem Tag vor genau sieben Jahren haben die USA den "Globalen Krieg gegen Terror" ausgerufen. Sie sind mit Unterstützung der Nato in Afghanistan einmarschiert und haben das Taliban-Regime gestürzt. Im Irak haben die USA einen zweiten Krieg angefangen, der mit 9/11 begründet wurde - fälschlicherweise, wie heute alle wissen und 2003 nicht wenige wussten.
Nicht nur in den USA, sondern fast überall auf der Welt hat ein völlig neues Sicherheitsdenken Einzug gehalten. Der globale Terrorismus, wie ihn al-Qaida praktiziert, kennt keine einfach zu identifizierenden Ziele: eine dänische Botschaft in Pakistan, ein Nachtclub auf Bali, Vorortzüge in London und Madrid, Hochzeitsgesellschaften in Jordanien, eine Synagoge in Tunesien, eine britische Bank in Istanbul.
Um sich zu schützen, haben westliche wie nicht-westliche Staaten neue Gesetze erlassen - zum Teil drakonische. Die USA haben das Gefangenenlager in Guantanamo Bay eingerichtet, es ist immer noch nicht aufgelöst.
Die CIA hat Terrorverdächtige auf der ganzen Welt entführt - auch solche, die nicht besonders verdächtig waren und längst als unschuldig gelten. Arabische Staaten schlossen dubiose Auslieferungsabkommen, um Terrorverdächtige hin- und herzuschieben. Russland und China nutzen den "Krieg gegen den Terror" auf ihre Weise: Die einen erklären die Tschetschenen, die anderen die Uiguren zu potentiellen Terroristen. Die für überwunden geglaubte Debatte über das Für und Wider von Folter hat eine ungeahnte und in Teilen unrühmliche Renaissance erfahren.
Und al-Qaida?
Al-Qaida ist nicht besiegt. Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri sind nach wie vor auf freiem Fuß. Es wurde zwar eine Reihe hochrangiger Qaida-Kader getötet oder eingesperrt: Chalid Scheich Mohammed, Ramzi Binalshibh und andere. Aber der Terror wurde nicht gestoppt. Im Irak musste al-Qaida vielleicht Rückschläge hinnehmen, in Pakistan aber gewinnt sie an Einfluss und Rückzugsräumen. Ebenso in Nordafrika.
Doch ein eindeutiges Bild von al-Qaida und dem gegenwärtigen Zustand des Terrornetzwerks gibt es nicht. Aus der Kaderorganisation mit Memos vom Chef und Urlaubsanspruch für die Kämpfer ist ein Netzwerk geworden, in dem nicht mehr jeder jeden kennt. Oder ist es gar eine Bewegung? Sind al-Qaidas Kapazitäten heute geringer als früher oder ist ein zweites 9/11 doch vorstellbar? Zählt al-Qaida heute weniger Anhänger als vor 9/11 - oder mehr?
Anlässlich des Jahrestages des 11. September hat SPIEGEL ONLINE renommierte Terrorexperten aus sieben Ländern befragt, wie sie al-Qaida heute sehen - und wie sie die Bedrohung durch das Terrornetzwerk einschätzen. Sie sind allesamt einflussreiche Analytiker, Buchautoren, Beobachter der globalen dschihadistischen Bewegung. In vielem sind sie sich einig, in einigem aber nicht. Das betrifft die Einschätzung künftiger Ziele ebenso wie die Maßnahmen, die Erfolg versprechen im Kampf gegen den Terror.
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