Die Republikaner erwiesen sich dabei als viel disziplinierter als die Demokraten, die in der Woche zuvor ihr eigenes Familiendrama aufgeführt hatten - zwischen den Clintons und den Obamas. Sie blieben strikt bei ihrer Botschaft, "on message" sagen sie hier, trotz Hurrikan "Gustav". Die Männer warfen mit Worten wie "Ehre", "Pflicht", "Nation", "Krieg" und "Sieg" nur so um sich. Die Frauen, in steifen Kostümen, folgten Palins Aufruf zum neuen Geschlechterkampf um die Wechselwähler.
Sie alle kamen unter massivem Polizeiaufgebot zusammen. In St. Paul waren die Cops viel sichtbarer, wirkten viel martialischer als in Denver. Sie trugen schwarze Kampfuniformen, mit Schlagstöcken und Tränengas am Gürtel.
Jeden Tag empfingen mich am Parkhaus des Xcel Centers acht uniformierte Secret-Service-Beamte und durchsuchten meinen Mietwagen nach Bomben. Ein Spürhund beschnüffelte den Kofferraum. Ein Beamter leuchtete unter die Motorhaube, ein anderer guckte mit einem Spiegel unter die Karosserie. Am Ende kannten wir uns so gut, es wurde kameradenhaft salutiert.
Da konnten auch die 10.000 Demonstranten wenig ausrichten, die am ersten Sitzungstag durch die Stadt zogen, weitgehend ignoriert von den TV-Networks. Es gab ein paar Scharmützel, es wehte sogar Tränengas durch die Straßen. Mehr als 300 Personen wurden festgenommen, darunter die prominente linke Journalistin Amy Goodman. Das Video, das zeigte, wie ihr die Arme verdreht wurden, wurde zum YouTube-Hit der Woche.
Die Medien käuen kritiklos Wahlkampfkost wider
"In diesem Herbst steht die Freiheit auf dem Wahlzettel", rief Senator John Ensign am Donnerstag. Die Pressefreiheit hat er wohl nicht gemeint.
Freiheit - dieser abgegriffene, doch wirksame Schlachtruf, mit dem sie schon 2004 George W. Bush zur zweiten Amtszeit verholfen hatten. Nun fährt McCain den gleichen Kurs.
Auffällig, wie oft sie in diesen Tagen und vor allem am Donnerstagabend 9/11 erwähnten, in Ton und Bild. Und den Umstand, dass wir "in einer gefährlichen Welt leben" (Senator Mel Martinez), also keinen Grünschnabel wie Obama an die Macht kommen lassen dürfen.
Jede Rede, jeder Auftritt zeichnete diesen Gegensatz: McCain, der Patriot. Obama, der Exot, der "wunderschön reden kann", doch den Wal-Mart- und Nascar-Wählern fremd ist.
Spätestens Palins Brandrede peitschte sie da vollends auf. Siegesgewiss johlten sie einander zu. Einige steckten sich triumphierend Zigarren in den Mund. Kalte natürlich - im Xcel Center herrscht politisch korrektes Rauchverbot.
Die Scheinheiligsten von allen aber waren die US-Medien. Weitgehend kritiklos käuten sie die vorgesetzte Wahlkampfkost wieder. Und wenn sie mal forsch nachhakten, wie Campbell Brown von CNN, ließen sie sich widerspruchslos vom McCain-Team abstrafen.
Nur die Kabarettisten von der "Daily Show" behielten einen klaren Kopf. Sie entsandten einen "Korrespondenten" zum Airport, wo dieser live vom Klo in Concourse G, Gate C-11 berichtete - jenem Abort, in dem sich der Abgeordnete Larry Craig voriges Jahr beim Füßeln mit einem feschen Undercover-Cop erwischen ließ.
"Jesus ist das Maß", stand auf einem Plakat, das ein greises Ehepaar auf seinen Truck geschnallt hatte, in Solidarität mit den Gästen. "Wahrheit statt Toleranz." Drinnen im Ballsaal griff sich Janet Thomas noch eine Crevette. "Wir gewinnen im Kampf um Gott an Boden", frohlockte sie und klopfte mir beruhigend auf die Schulter. "Und du wirst mit dabei sein."
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