Von Hasnain Kazim
Hamburg/Berlin - Auf der Tribüne des pakistanischen Parlaments hatten die Töchter von Benazir Bhutto und Asif Ali Zardari Tränen in den Augen. Die beiden Teenager umarmten Freunde, eine hielt ein Porträt ihrer ermordeten Mutter in der Hand. Unten im Plenum skandierten die Abgeordneten der pakistanischen Volkspartei PPP: "Lang lebe Bhutto!", draußen riefen die Anhänger: "Zardari ist unser Führer!"
In einer kurzen Ansprache vor seinen Anhängern wies Zardari Vorwürfe zurück, dass er das Land spalten werde. An die Adresse seiner Gegner gerichtet sagte er: "Demokratie ist die beste Vergeltung" - ein bekannter Ausspruch seiner Ende 2007 getöteten Frau.
Es waren Momente voller Emotionen, nachdem die Wahlkommission am Samstag die ersten Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen bekanntgegeben hatte und feststand: Asif Ali Zardari, 52, hat die Präsidentschaftswahl in Pakistan deutlich gewonnen.
Benazir Bhuttos Witwer tritt als Staatschef die Nachfolge von Pervez Musharraf an, dessen Entmachtung er als faktischer Chef der PPP erfolgreich betrieben hatte. "Das ist nicht nur ein Sieg für Asif Ali Zardari und die Pakistanische Volkspartei, das ist auch ein Sieg für Benazir Bhuttos Traum von einem demokratischen politischen System", sagte eine Parteisprecherin.
Der neue starke Mann in Pakistan ist eine schillernde und umstrittene Figur, dessen Weg ins Präsidentenamt keineswegs vorgezeichnet war. Noch im Dezember, kurz nach der Ermordung seiner Gattin, glaubte niemand, dass Zardari so schnell an die Macht kommen würde - zu tief saß die Erinnerung daran, dass er sich einst als polospielender Playboy in die Familie einheiratete, dass er seine Frau geschlagen haben soll, zu tief die Erinnerung daran, wie sehr er ihre zweimalige Regierungszeit genutzt hat, sich selbst zu bereichern. Nur 26 Prozent der Pakistaner, ergab eine Gallup-Umfrage, wollten Zardari als Staatschef.
Comeback des "Mister zehn Prozent"
"Mister zehn Prozent" - diesen wenig schmeichelhaften Namen hat ihm eine schier endlose Reihe von Korruptionsvorwürfen eingebracht. Die Pakistaner haben noch sehr lebhaft die Bilder von Zardaris Nobelhäusern in Pakistan, Dubai und Großbritannien vor Augen, die durch die Presse gingen. Villen, so die Überzeugung, die mit veruntreuten pakistanischen Steuergeldern erworben wurden.
Mehr als zehn Jahre verbrachte Zardari im Gefängnis. Erstmals kam er 1990 hinter Gitter, kurz nachdem seine Frau, die bis dahin schützend ihre Hand über ihn gehalten hatte, als Premierministerin entmachtet worden. Zardari wurde vorgeworfen, einen Geschäftspartner zur Herausgabe einer hohen Geldsumme gezwungen zu haben. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, soll er dem Opfer eine Bombe ans Bein gebunden haben.
Neben Korruption und Erpressung warfen seine Gegner ihm auch Drogenschmuggel und sogar einen Mordkomplott gegen seinen Schwager Murtaza Bhutto vor. Ein rechtskräftiges Urteil gab es nie und Zardari beteuert, er sei allein aus politischen Gründen in Haft gewesen.
Zardaris Kandidatur spaltete Koalition
Wieder in Freiheit verließ Zardari Pakistan, lebte mit seiner Frau im Exil in London und Dubai. 2007 kehrte Benazir Bhutto nach einer Amnestie für die Familie in ihre Heimat zurück. Zardari reiste erst nach Pakistan, nachdem die Oppositionspolitikerin am 27. Dezember durch Schüsse und eine gewaltige Bombe getötet worden war.
Zu dieser Zeit waren sich selbst unerschütterliche Anhänger Bhuttos einig: Ein Mann mit einem zweifelhaften Ruf wie Zardari könne kein wichtiges Amt in der pakistanischen Politik bekleiden. Es wunderte niemanden, als die PPP nach dem Anschlag auf Benazir Bhutto nicht den Witwer, sondern den erst 19-jährigen Sohn Bhuttos, Bilawal Zardari, zum neuen Parteioberhaupt erkor. Vater Zardari zog allerdings fortan als Parteivize aus dem Hintergrund die Fäden, da der Sohn noch in England studiert.
Die Trauer um Bhutto spülte die PPP im Februar an die Macht. Gemeinsam mit der konkurrierenden Muslimliga um Nawaz Sharif - Bhuttos Erzfeind - schmiedete sie eine Koalition, die damit drohte, den amtierenden Präsidenten Musharraf seines Amtes zu entheben.
Musharraf trat freiwillig zurück, doch bald darauf zerbrach auch die Regierung am Streit über die Wiedereinsetzung von Richtern, die Musharraf entlassen hatte - und an der Kandidatur Zardaris. Denn dieser nutzte die Gunst der Stunde und ließ sich von der PPP zum Bewerber für die Präsidentschaftswahlen küren.
Koalitionspartner Sharif hatte zwar seine Unterstützung für einen PPP-Kandidaten erkennen lassen, doch er forderte einen Konsenskandidaten. Der sollte die nach seiner Wahl vor allem von Ex-General Musharraf erweiterten Befugnisse des Staatsoberhauptes wieder zurücknehmen und sich künftig weitestgehend auf repräsentative Aufgaben beschränken. Die PPP ließ sich auf diesen Deal jedoch nicht ein.
Prozesseinstellung dank Psycho-Gutachten
Nun aber tauchten Dokumente von Ärzten aus Dubai und New York auf, die Zardari "schwere psychische Probleme" attestierten. Demnach litt Zardari noch im vergangenen Jahr unter "Demenz", "schwereren psychischen Störungen" und "posttraumatischem Stresssyndrom", ausgelöst durch angebliche Folterungen während der langjährigen Haftzeit. Er sei "emotional instabil", könne sich nicht konzentrieren und nicht an die Geburtstage seiner Frau und seiner Kinder erinnern.
Die Gutachten von New Yorker Psychologen und Psychiatern hatten Zardaris Anwälte bei einem britischen Gericht eingereicht, um die Einstellung, zumindest aber die Verschiebung eines Korruptionsprozesses in England zu erwirken. Tatsächlich wurde das Verfahren im März dieses Jahres eingestellt. Jüngst teilten auch die Schweizer Justizbehörden mit, man habe Ermittlungen wegen Geldwäsche gegen Zardari eingestellt und eingefrorene Konten in Höhe von 60 Millionen Dollar wieder freigegeben.
In Pakistan wie im Ausland fragen sich jetzt Kommentatoren, ob Zardari überhaupt in der Lage ist, ein strategisch wichtiges Land wie Pakistan, zudem eine Atommacht, zu führen. "Ein Irrer will die Macht in Pakistan", urteilte ein Journalist der englischsprachigen Zeitung "Dawn" vor der Wahl auf SPIEGEL ONLINE. "Aber mit Irren an der politischen Spitze hat unser Land ja Erfahrung", sagt er und lacht. "Wenn man ehrlich ist, sind solche Leute bei uns ja eher die Regel als die Ausnahme."
Kurswechsel ist nicht zu erwarten
Tatsächlich steht Zardari vor enormen Herausforderungen: Pakistan steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, zugleich attackieren militante Islamisten immer offener die bestehende Ordnung. Noch am Samstag tötete ein Selbstmordattentäter im unruhigen Nordwesten des Landes mindestens zehn Menschen. Den Kampf gegen den Terrorismus erklärte Zardari schon zu einer seiner wichtigsten Aufgaben.
Ein grundsätzlicher Kurswechsel ist von ihm nicht zu erwarten, auch die bislang engen Beziehungen zu den USA stehen wohl nicht zur Disposition. Daran ändern wohl auch die Angriffe von US-Truppen auf pakistanischem Gebiet nichts, die sich gegen Anhänger der Taliban und des Terrornetzwerks al-Qaida in der Grenzregion richten. Dabei werden aber immer wieder auch Unschuldige getroffen, was in Pakistan für große Empörung sorgt.
Zardari wird daher darauf achten müssen, dass er sich nicht zu eng an die USA anlehnt, da ihn dies die Unterstützung der Bevölkerung kosten könnte. Trotz aller Kritik wird sich Pakistan aber nicht von den USA abwenden können, dazu ist das Land viel zu sehr auf die Milliarden Dollar der US-Wirtschaftshilfe angewiesen.
Mit Material von dpa/Reuters/AP/AFP
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