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Hamburg - Ihren Hang, profane Dinge religiös aufzuladen, hat Sarah Palin mehrfach bewiesen. Den Bau einer 30 Milliarden Dollar teuren Gaspipeline in Alaska nennt sie "Gottes Wille", den Krieg der USA im Irak eine "von Gott gegebene Aufgabe". An Schulen will sie neben der Evolutionsbiologie gleichwertig die biblische Schöpfungsgeschichte lehren lassen, und auf Sexualkunde in Schulen will die Gouverneurin von Alaska und Kandidatin für die US-Vizepräsidentschaft am liebsten ganz verzichten.
Nun kommt ans Licht, woher ihre Fixierung auf Gott und Religion rührt: Für mehr als zwei Jahrzehnte war Palin praktizierende Pfingstlerin. Bis 2002 gehörte sie in der 10.000-Einwohner-Stadt Wasilla zu einer Pentekoste-Gemeinde namens "Versammlung bei Gott", seither besucht sie die nichtkonfessionelle "Bibel-Kirche".
Die Pfingstbewegung (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) legt besonderen Wert auf die "Ausgießung des Heiligen Geistes". Kommt dieser über die Gläubigen, verleiht er ihnen besondere, im Neuen Testament beschriebene "Charismen" wie die Zungenrede, die Gabe der Prophetie oder der Heilung. Auch die Mitglieder der "Versammlung bei Gott" glauben an Wunderheilungen und leben in einer Endzeiterwartung. Sie stellen sich vor, ein gewaltiger Umbruch läute das Ende der Zeit und die Wiederkunft Christi ein.
Tim McGraw, bis 1998 Palins Pfarrer, sagt nach Informationen des US-Senders CNN, auch in der Gemeinde in Wasilla (Alaska) gebe es Anhänger dieser Lehren und Mitglieder, die in Zungen sprächen. Er habe jedoch nie gesehen, dass auch Palin in diesem tranceartigen Zustand kommuniziert habe (mehr zur Zungenrede auf SPIEGEL WISSEN...). Caroline Spengler von der Pfingstgemeinde beschreibt es so: "Wenn der Geist über dich kommt, sprichst du auf eine Art, die niemand verstehen kann ... nur Gott kann verstehen, was aus deinem Mund kommt."
Bei den Republikanern, für die John McCain und Sarah Palin den Wahlsieg holen sollen, wird dieser Glaubenshintergrund der 44-jährigen fünffachen Mutter heruntergespielt. In Person von Sprecherin Meghan Stapelton räumt McCains Lager zwar freimütig ein, Palin sei tiefreligiös - was bei den meisten konservativen Wählern insbesondere im sogenannten Bible Belt gut ankommt. Doch gleichzeitig versuchen die Wahlstrategen, den religiösen Enthusiasmus der Spitzenkandidatin nicht allzu groß erscheinen zu lassen. Die Gouverneurin betrachte sich selbst nicht als Pfingstlerin, heißt es lapidar.
Heimatpfarrer McGraw kann sich denken, warum die Partei nicht sonderlich auf die pfingstlerische Prägung Palins abhebt: "Glaubensfragen könnten missverstanden oder von Leuten ausgenutzt werden, die nichts davon verstehen", sagte er CNN.
Frommer Unterricht in pfingstlerischen Glauben
Hat sich Palin nicht längst viel zu weit vorgewagt, als dass ihre politischen Ansichten nicht als Resultat ihres Glaubens erscheinen müssen? Kann Palins Glaubenswelt tatsächlich nur von Gleichgesinnten beurteilt werden?
McGraw versucht zu beruhigen. Er sei sich sicher: Palins religiöse Überzeugungen beeinflussten ihre politischen Entscheidungen in Staatsämtern nicht.
Doch bis zuletzt kehrte Palin zu ihrer angestammten Gemeinde zurück, wo sie laut McGraw frommen Unterricht nahm, um ihren pfingstlerischen Glauben zu stärken und um eine bessere Führungsperson zu werden - zu einer Zeit, als sie bereits Bürgermeisterin von Wasilla war. Und sie kehrt zur Herde der Pfingstler keineswegs nur als Privatperson zurück, sondern als Amtsträgerin.
Erst im Juni besuchte sie eine Examensfeier von Theologiestudenten in Wasilla. Nicht etwa, dass sie sich darauf beschränkt hätte, den angehenden Pfarrern ein paar erbauliche Worte für ihren Dienst am Herrn mit auf den Lebensweg zu geben. Nein, Palin sprach mit den Studenten im fernen Alaska über den Irak-Krieg. "Betet für unsere Soldaten und Soldatinnen, die im Irak darum eifern, das Rechte zu tun", sagte die Politikerin, deren Sohn sich freiwillig für den Einsatz im Irak gemeldet haben soll. Die Geprüften sollten auch beten "für dieses Land, damit unsere Führer und nationalen Führer sie (die Soldaten, d. Red.) aussenden für eine Aufgabe, die von Gott kommt. Dessen müssen wir uns sicher sein, wenn wir beten - dass es einen Plan gibt, und dieser Plan ist Gottes Plan."
"Gottes Wille muss getan werden"
Unverblümt tut Palin so, als ob politische Entscheidungen direkt göttlichem Ratschluss entstammten - und als ob die republikanische Lesart dieses Ratschlusses die allein richtige sei.
Auch in Sachen Gas-Pipeline verband sie das politische und wirtschaftliche Geschäft mit ihrer persönlichen Auffassung über die göttliche Vorsehung. Sie forderte ihr Publikum auf, für die geplante und umstrittene 30-Milliarden-Röhre durch Alaska zu beten: "Ich denke, Gottes Wille muss getan werden, Menschen und Firmen zusammenzubringen, damit diese Gas-Pipeline gebaut werden kann."
Doch damit nicht genug. Am 17. August besuchte Palin laut CNN eine Veranstaltung ihrer jetzigen Gemeinde, der "Bibel-Kirche" - einen Tag bevor sie durch die Vize-Kandidatur ins Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit trat. Einer der Prediger auf der Versammlung war David Brickner, Gründer der Bewegung "Juden für Jesus". Er versuchte den Brüdern und Schwestern klarzumachen, dass man in den Terroranschlägen in Israel Gottes Gericht über die Juden zu sehen habe, die sich noch nicht zum Christentum bekehrt haben. "Wenn ein Palästinenser aus Ostjerusalem mit einem Bulldozer eine Reihe Autos plattmacht und etliche Menschen tötet", dann sei er untrüglich Instrument des göttlichen Gerichts, sagte Brickner.
Und wieder versuchte das McCain-Lager alles, um dem religiösen Milieu, aus dem Palin kommt, möglichst wenig Bedeutung zuzumessen. Die Ausführungen Brickners spiegelten nicht die Ansichten der Politikerin wider. Palin sei proisraelisch eingestellt.
Für das fundamentalistische Milieu steht auch Pastor Ed Kalnin, einer der Gemeindeleiter der Pfingstkirche Palins. Vor vier Jahren zog er gegen den Katholiken John Kerry zu Felde, den damaligen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Wer Kerry wähle, komme nicht in den Himmel, sagte er.
Später veröffentlichte die "Versammlung bei Gott" eine Erklärung: Man entschuldige sich dafür. Kalnin habe lediglich einen Scherz gemacht.
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