Von Hans-Jürgen Schlamp
An einem lauen Mittwochabend im März soll es gewesen sein, im Brüsseler Edelrestaurant "Comme chez soi". Das heißt zwar übersetzt "Wie zu hause" - aber so nobel isst vermutlich nicht einmal die Queen daheim.
Im prächtigen Jugendstil-Saal servieren beflissene Kellner Sieben-Gänge-Menüs aus der Zwei-Sterne-Küche für 190 Euro. Wer es lieber à la Carte mag, kann mit "Royal Belgian Caviar" als Vorspeise beginnen. Für 159 Euro. Sein Mahl rundet er dann mit Weinen für 2000 Euro ab.
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In dem exklusiven Lokal sitzen zwei Briten und ein Deutscher zusammen. Die Männer aus London sind Lobbyisten, im Dienste eines chinesischen Klienten, sagen sie. Per E-Mail haben sie ihren Gast eingeladen, man kannte sich zuvor nicht. Der Dritte, Fritz Harald Wenig, ist einer der mächtigsten deutschen Beamten in Brüssel - jedenfalls war er das noch an jenem Abend im März.
In der Generaldirektion Handel leitete er die wichtigste Abteilung (Directorate B - Trade Defence), zuständig dafür, Europas Wirtschaft vor unfairen Dumping-Importen zu schützen. Die Recherchen und Einschätzungen von Wenigs etwa 170 Mitarbeitern entscheiden zum Beispiel darüber, ob chinesische Schuhe, Kerzen oder Unterwäsche mit hohen Anti-Dumping-Zöllen belegt werden oder so auf den EU-Markt kommen dürfen.
Genau das interessiert die beiden Briten. Sie arbeiten für einen Geschäftsmann aus Hongkong, Zhou Li Ping - sagen sie zumindest. Sie hätten für seine Firma Tsinghi Ltd gerne konkrete Informationen über die Anti-Dumping-Aktivitäten von Wenig und Kollegen. Man verabredet ein zweites Treffen, diesmal mit Ping, natürlich wieder in einem Top-Restaurant.
Was der Deutsche nicht ahnt: Er wurde im "Comme chez soi" nur angefüttert, zutraulich gemacht und auf den Prüfstand geschoben. Denn seine Gastgeber sind keine Lobbyisten. Sondern Journalisten der "Sunday Times". Den Mann aus Hongkong und seine Firma haben sie schlicht erfunden, ihre Darstellung des Abends inzwischen veröffentlicht.
Guter Ruf in Berlin
Der Brüsseler Spitzenbeamte wird in Berlin hoch geschätzt. Als der heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier noch Gerhard Schröders Kanzleramtschef war, ließ er eine Runde aus Staatssekretären und Ministerialdirektoren von Zeit zu Zeit das deutsche Top-Personal bei den internationalen Organisationen taxieren - bei der Uno in New York zum Beispiel, bei der OECD in Paris, aber auch bei der EU in Brüssel. Die Regierung wechselte, die Personalbeschau blieb, und von Wenig erwartete man stets viel. Er gehörte regelmäßig zu denen, die einen Positiv-Vermerk bekamen: für höhere internationale Aufgaben geeignet.
Nur dessen Chef in Brüssel sah das anders - der britische Handelskommissar Peter Mandelson. Er geriet regelmäßig mit seinem Abteilungsleiter aneinander.
Wenig fand, der Brite wolle unüberlegt alles dem freien Spiel der Märkte überlassen - auch wenn manche Akteure unfair agierten. Er dachte mehr an den Schutz der heimischen Produzenten vor unlauterer Konkurrenz und blockierte Mandelsons Freihandelspolitik immer wieder.
Gegen "die Recherchekapazitäten und das Faktenimperium" der Wenig-Abteilung hatte Mandelson meist keine Chance, sagt ein Berliner Insider. Zumal Wirtschaftspolitiker aus Berlin, Paris und Rom dem kessen Deutschen notfalls beisprangen. Wenig gab sich im Zweikampf mit Mandelson knallhart, ließ freilich auch seinem Hang zum "Pompösen und Präsidentiellen", wie es in Brüssel heißt, immer ungehemmter freien Lauf.
Und wohl auch seiner Liebe zum feinen Diner.
Das nächste Schlemmermahl nehmen Wenig und seine spendablen Gastgeber laut "Sunday Times" im Restaurant "La Truffe Noire" ein, berühmt für seine Trüffeln, wie der Name es verheißt. Als Vorspeise ("Truffe du Périgord", mit Portwein gekocht, mit geröstetem Brot und getrüffelter Butter) für 100 Euro serviert, wird die kostbare Knolle dort ebenso feilgeboten wie etwa auf einem Scheibchen Keule vom Pyrenäen-Milchlamm mit Rosmarin für 120 Euro pro Teller.
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