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11.09.2008
 

Dubiose Schlemmerdiners

Deutscher Spitzenbeamter in Brüssel unter Korruptionsverdacht

Von Hans-Jürgen Schlamp

2. Teil: Wie ein britischer Konservativer den Fall ins Rollen brachte

Die Briten brachten nach eigener Darstellung einen Chinesen mit, den sie als Mr. Ping präsentierten. Der sei an Einzelheiten der Brüsseler Anti-Dumping-Verfahren gegen Schuhe und Kerzen aus dem Reich der Mitte interessiert - das hatten sie Wenig schon vorab per E-Mail mitgeteilt. So soll der EU-Beamte zwischen den köstlichen Häppchen und Schlückchen im "La Truffe Noir" viele Details zu den gewünschten Themen erzählt haben. So jedenfalls schreiben es die britischen Undercover-Journalisten.

Wenig musste in jener Zeit die Abteilung wechseln, wurde auf einen zwar ranggleichen, aber weniger einflussreichen Posten versetzt - zumindest ein kleiner Erfolg seines Chefs Mandelson. Doch er sei weiter über alles bestens informiert, soll er den Reportern zufolge beim Diner gesagt haben. Die Männer offerierten ihm im Gegenzug einen Top-Job als Ping-Repräsentant mit 600.000 Euro Jahressalär oder - wenn er dies nicht wolle - eine Belohnung in bar von 100.000 Euro.

"Gefährlicher Interessenkonflikt"

Wenig, 62, soll die Angebote abgewehrt haben, wenn auch etwas eigenartig. Bis er in den Ruhestand gehe, könne er weder Geld noch Job annehmen - so schildern die Journalisten die Unterhaltung. Man beschloss erst einmal, den netten Kontakt fortzusetzen.

Am Anfang der britischen Recherchen gegen den redseligen Deutschen stand auch ein Hinweis des konservativen englischen Europaabgeordneten Syed Kamall. Wie Wenigs Chef Mandelson ist Kamall ein radikaler Verfechter freier Märkte. Er soll den "Sunday Times"-Leuten von engen Beziehungen zwischen EU-Beamten und Lobbyisten und Firmen und von einem "gefährlichen Interessenkonflikt" erzählt haben. Dazu hätten sie "präzise Informationen" bekommen, behaupten die Reporter. Diese führten sie offenbar zu Wenig. Den trafen sie, ohne Herrn Ping, ein letztes Mal in der vergangenen Woche.

Wieder war das Restaurant von der feinsten Sorte, diesmal die efeuumrankte vornehme "Villa Lorraine". Und während ein Trüffel so groß wie ein Apfel über die Jakobsmuschel geraspelt wurde, vertiefte man sich den Reportern zufolge in Details über geplante Brüsseler Anti-Dumping-Aktionen. Wenig soll die Entscheidung über eine mögliche Bezahlung seiner Dienste erneut auf später verschoben haben, so schreiben es jedenfalls seine Gesprächspartner. Er versprach demnach aber weitere Informationen.

Deutschlands Einfluss wird geringer

Dazu wird es nun kaum noch kommen. Am Wochenende veröffentlichten die "Sunday Times"-Reporter ihre Erlebnisse. Jetzt ermittelt die EU-Kommission gegen ihren Top-Beamten. Und die Europäische Anti-Betrugsbehörde Olaf prüft, ob sie ein Korruptionsverfahren einleiten soll.

Wenig fühlt sich unschuldig - was er erzählt habe, sei ohnehin "halb öffentlich" gewesen. Er ist einstweilen "im Jahresurlaub". Gegenüber der "WAZ" verteidigte er sich: "Er sei ein Opfer von 'Gestapo-, KGB- und Stasi-Methoden'". Geld sei nie geflossen, beteuerte Wenig demnach, abgesehen von den Restaurantkosten. Im Übrigen habe er lediglich signalisiert, "man könne mal darüber reden", was er für die Firmen tun könne, "wenn ich pensioniert bin". Eine Untersuchung findet Wenig nach eigenen Worten dennoch "völlig richtig", er werde bei der Aufklärung helfen. "Meine Persönlichkeitsrechte wurden mit den Füßen getreten."

Dennoch: Wenigs Chancen, sagt ein EU-Jurist, stünden wohl nicht gut. Denn jeder Brüsseler Beamte müsse sich "jeder nicht genehmigten Verbreitung von Informationen enthalten, von denen er im Rahmen seiner Aufgaben Kenntnis erhält". Es sei denn, diese Informationen seien schon veröffentlicht.

Noch sind die Fakten nicht geklärt, und die Bewertung von möglichen Geld- und Jobangeboten steht ebenso aus wie die juristische Quittung der Einladung zu Wein und Trüffel.

Doch eines scheint schon klar: Deutschland hat in der Brüsseler Eurokratie an Einfluss verloren. Großbritanniens Kommissar hat beste Chancen, einen störenden Mitarbeiter loszuwerden - und Belgiens Spitzengastronomen werden Herrn Wenig künftig wohl eher seltener bewirten dürfen.

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