Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington - Barack Obama ist zu Gast bei TV-Spaßvogel David Letterman. Eigentlich sollte er jetzt ein paar lockere Witze reißen, doch dann kommt das Gespräch natürlich auf Sarah Palin - John McCains Vizekandidatin und Polit-Star der Stunde. Obama hat kurz vorher in einer Rede gesagt, wenn die Republikaner nun über Wandel redeten, den sie gar nicht meinten - das sei wie "putting lipstick on a pig". Wie Lippenstift auf ein Schwein aufzutragen.
Demokraten Clinton, Obama: "Wenn ich es rein technisch so gemeint hätte, dann wäre sie ja der Lippenstift."
Die Republikaner heulten prompt auf, Obama nenne Palin also ein Schwein - weil die in ihrer Parteitagsrede selbst gescherzt hatte, zwischen einer "Hockey-Mom" wie ihr und einem Pitbull sei Lippenstift der einzige Unterschied. Sie haben einen TV-Spot geschaltet, der dem Demokraten vorhält, er wolle Palin "zerstören" - und er sei doch eigentlich ein Sexist.
Obama will das nun kontern auf der Letterman-Couch, er argumentiert konzentriert - aber viel zu kompliziert: "Wenn ich es rein technisch so gemeint hätte, dann wäre sie ja der Lippenstift. Und die verfehlte Politik von John McCain wäre das Schwein. Ich meine, wenn man nur mal der Logik dieser unlogischen Situation folgt."
Letterman guckt verwirrt.
Obama ist nicht mehr die größte Attraktion
Es ist gerade eine Art Wandel in diesem US-Wahlkampf zu beobachten - aber gewiss nicht der, den das Obama-Team als Motto für seine Kampagne erkoren hat. Seit der Palin-Benennung und ihrem umjubelten Auftritt beim Republikaner-Parteitag in St. Paul ist Obama erstmals nicht mehr die größte Medienattraktion. Im Vergleich zur kecken Ex-Schönheitskönigin wirkt selbst der junge Senator wie ein Teil des Polit-Establishments.
"Sie hat sich in Barack Obamas Kopf geschlichen", frohlockt Ex-Bush-Wahlkampfstratege Karl Rove. Fest steht: Das Obama-Team tut sich schwer damit, wie sehr die Berufung von Palin den Kampf ums Weiße Haus umgekrempelt hat - und wie geschickt die Republikaner die Demokraten derzeit im Wahlkampf vor sich her treiben.
Der Lippenstift-Patzer und Obamas ungelenke Erklärungsversuche sind dafür ein gutes Beispiel: Die Bemerkung bezog sich nämlich überhaupt nicht auf Palin. Ihr Name kam in der Passage gar nicht vor. "To put lipstick on a pig", ist in den USA vielmehr eine gebräuchliche Redewendung. John McCain hat sie selbst mehrmals verwendet, unter anderem über Hillary Clintons Politik - ohne dass sich irgendjemand aufgeregt hätte.
"Die Republikaner stürzen sich auf unschuldige Bemerkungen und versuchen sie aus dem Kontext zu reißen", argumentiert also Obama. "Wisst Ihr, wer da am Ende verliert?", fragte er Wähler. "Nicht der Demokrat, nicht der Republikaner. Sondern ihr."
US-Demokraten in der Feminismus-Falle?
Aber Obama könnte durchaus selbst der Verlierer sein. Damit haben die US-Demokraten gewisse Erfahrung. 2000 mussten sie hilflos ansehen, wie das Wahlkampfteam um Polit-Leichtgewicht George W. Bush den erfahrenen Vizepräsidenten Al Gore als Aufschneider abstempelte. Vier Jahre später verleumdeten die Bush-Leute den hoch dekorierten Vietnam-Veteranen John Kerry als irgendwie wankelmütig und unpatriotisch.
Nun fürchten manche Demokraten Ähnliches: Ihre Partei, stolz auf den langen Kampf für Frauenrechte, könnte sich ausgerechnet in der Feminismus-Falle verfangen - gestellt von der Republikanischen Partei, die nicht gerade als Hort der Frauenbewegung bekannt ist. Dieses Jahr haben von Republikanern ernannte konservative Richter am Obersten Gerichtshof in einem spektakulären Verfahren gegen eine Frau entschieden, die über Jahrzehnte weit weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen erhalten hatte.
John McCain hat vor kurzem im Senat gegen ein Gesetz für gleiche Entlohnung für weibliche Arbeitnehmer gestimmt. Auf dem Republikaner-Parteitag in St. Paul warb Rudy Giuliani, der Ex-Bürgermeister von New York, donnernd für Respekt vor Kandidatinnen - Giuliani gab die Trennung von seiner Frau einst auf einer Pressekonferenz bekannt, und informierte sie erst danach.
Die fünffache Mutter Sarah Palin selbst plädiert für Privatsphäre, wenn es um die Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter geht - aber lädt Journalisten gerne ein, über die Entsendung ihres Sohns in den Irak zu berichten.
Doch solche Widersprüche scheinen im Moment niemandem aufzufallen.
Die "Walmart-Moms" laufen ins McCain Camp über
Doch jüngste Umfragen müssen dessen Strategen zu denken geben. "Washington Post" und "ABC News" fanden heraus, dass McCain nun unter weißen Wählerinnen zwölf Prozentpunkte vorne liegt. Vor dem Republikaner-Parteitag und der Palin-Benennung führte Obama in dieser Gruppe noch mit acht Prozentpunkten.
"Wal-Mart"-Moms hat "TIME" diese neuen McCain-Fans schon getauft. Frauen zwischen 40 und 50, die sich Sorgen machen um das Geld für die College-Ausbildung ihrer Kinder oder die Pflege für ihre gebrechlichen Eltern. Sie schienen schon vor der Palin-Benennung skeptisch gegenüber Obama - und sind nun zumindest neugierig auf Palin. Hingegen ist noch keine Abwanderungsbewegung unter den einstigen Unterstützerinnen von Hillary Clinton zu erkennen. In Umfragen ist deren Unterstützung für Obama sogar gewachsen - trotz des Grummelns in ihren Reihen, Hillary sei im demokratischen Vorwahlkampf Opfer von Sexismus gewesen.
Frauenversteher Bill Clinton soll helfen
Das Obama-Team will die Palin-Debatte nun weg von ihrer Person hin zu ihren Ansichten lenken - ihre umstrittene Bilanz als Bürgermeisterin einer Kleinststadt und als Gouverneurin von Alaska, ihre sehr konservativen Ansichten zu Abtreibung, Klimaschutz oder Religion. Sie hoffen auch auf die Fernseh-Debatte am 2. Oktober zwischen Palin und dem demokratischen Vizekandidaten Joe Biden.
Doch die Republikaner haben es bislang geschafft, selbst berechtigte Fragen nach Palins Erfahrung und Vorbereitung als Sexismus-Attacke darzustellen. In der TV-Debatte darf Biden, seit 36 Jahren im US-Senat und anerkannter Außenpolitikexperte, die junge Gouverneurin nicht zu sehr in die Enge treiben. Sonst könnte diese ihn leicht als typisch arrogantes Mitglied der Washingtoner Elite abstempeln. Biden ist in diese Falle bereits diese Woche getappt, als er Wählern sagte: "Sie ist offensichtlich für Frauen ein Schritt zurück."
Schon raten Top-Demokraten Obamas Team daher, Palin lieber komplett zu ignorieren - und auf ihre Entzauberung durch die Medien zu hoffen.
In jedem Fall scheint Obama Rat zu suchen. Am heutigen Donnerstag trifft er sich in Harlem mit Wahlkampf-Altmeister Bill Clinton - zum ersten Mal seit dem fieberhaften Vorwahl-Ringen mit dessen Ehefrau. Clinton gilt nicht nur als Frauenversteher, er hat auch wohl mehr Erfahrung mit Krisen und Gegen-Attacken als jeder andere US-Politiker. Im Vorfeld verlautete, der Ex-Präsident wolle mit Obama darüber reden, wie man dessen Wahlkampf auf die Zukunft ausrichten könne, nicht auf die Vergangenheit.
Obama kann nur hoffen, dass Clinton auch ein paar Tipps für die Gegenwart parat hat.
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