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Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington - Eigentlich ist alles wie jedes Jahr. Auf den Büchertischen liegen Bände mit dem Titel: "How to be like Jesus". An einem Stand lässt sich herausfinden, warum Abtreibungsbefürworter sicher in die Hölle kommen. An einem anderen, weshalb Homosexualität durch Gebet gut heilbar ist. Eine Pop-Band trällert, Christus ins Herz der Kinder zu lassen. Es laufen Filme über Steinigungen in islamischen Ländern, Podien debattieren den teuflischen Einfluss der linken Medien.
Republikaner Palin, McCain: Die religiöse Rechte atmet auf
Alles wirkt vertraut beim "Value Voters Summit", der jedes Jahr rund 2500 Vertreter der religiösen Rechten in die US-Hauptstadt führt. Darunter viele Evangelikale, die eine besonders strenge Auslegung der Bibel propagieren - und gegen Abtreibung, Homosexualität, Pornografie und Islamismus kämpfen.
Und doch ist alles anders. Gleich am Eingang zu erkennen: Da sind nicht mehr die Sticker von Evangelikalen-Ikonen wie Ronald Reagan der Verkaufsschlager - sondern von John McCain als Präsident. Die waren vor einem Jahr noch nicht einmal gestanzt.
Damals sprach McCain zwar auch zu den Evangelikalen. Doch niemand hörte ihm wirklich zu. Alle Augen richteten sich auf andere aussichtsreiche republikanische Präsidentschaftskandidaten. Den Ex-Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani. Den Mormonen Mitt Romney oder den ehemaligen Baptistenprediger Mike Huckabee. In einer Probeabstimmung landete McCain abgeschlagen auf dem letzten Platz: Mit 1,4 Prozent der Stimmen. "Ich bete, dass er es nicht wird", sagte James Dobbins, einflussreicher Evangelikalensprecher.
Das alles ist nun vorbei: Vor allem wegen des zweiten Namens, der auf McCains Wahlkampfstickern prangt: Sarah Palin, seine Überraschungskandidatin für die Vizepräsidentschaft aus Alaska. "Auf jeden Delegierten hier, der von McCain begeistert ist, kommen zehn Palin-Fans", sagt Sarah Pulliam, bei der Fachzeitschrift "Christianity Today" für die Evangelikalen-Berichterstattung zuständig.
Richard Land von der mächtigen "Southern Baptist Convention" jubelt: "Taten sagen mehr als tausend Worte - und die Ernennung von Sarah Palin spricht Bände." Vor allem zu dem Thema, das die konservativen Gläubigen umtreibt wie kein anderes: der Kampf gegen die Abtreibung. Robert George, konservativer Professor in Princeton, spricht vom Kampf um das heilige Leben wie von einem Kreuzzug. Harte Kerle brauche Gott in diesem Kampf nun einmal, donnert George in die Tagungshalle. Die Zuhörer klatschen selig. Klar, jetzt haben sie ja mit Palin eine harte Lady - die Abtreibung strikt ablehnt und fünf Kinder austrug, darunter einen Sohn mit Down-Syndrom.
Es ist, als gehe ein gewaltiges Aufatmen durch die religiöse Rechte der Republikaner. Als Palins Ernennung Ende August bekannt wurde, erhoben sich bei einem Treffen in Washington 40 Religionsvertreter und applaudierten ausgelassen, berichtet "Newsweek". Sie hatten befürchtet, McCain werde einen Vertrauten wie den Ex-Heimatschutzbeauftragten Tom Ridge oder Senatskollegen Joe Lieberman an seine Seite holen, beides Abtreibungsbefürworter. Das wollte McCain auch - bis die einflussreichen Erzkonservativen seinen Beratern unmissverständlich klarmachten, dass er in diesem Fall ihre Unterstützung abschreiben könne.
Nun feiern sie Palins Sieg als ihren. So groß ist die Begeisterung, dass McCain es gar nicht mehr nötig hat, selbst zu erscheinen. Obwohl er laut Terminplan eigentlich Zeit gehabt hätte. "Ich verstehe, dass er uns nicht besuchen konnte", sagt der Evangelikale Phil Buress aus Ohio großmütig dem US-Sender Bloomberg. Der Kandidat müsse sich ja auch um andere Wähler kümmern.
So punktete er gegen Obama, der sich beim selben Forum zur unglücklichen Bemerkung verstieg, die moralische Beurteilung von Abtreibung übersteige seine Kompetenz. McCain hingegen ließ ins Grundsatzprogramm beim Republikaner-Parteitag in St. Paul einen Appell zum Kampf gegen Abtreibung aufnehmen.
Nun hoffen McCains Strategen, dass die wichtige evangelikale Basis ähnlich für ihn marschiert wie einst für George W. Bush. 2004 stellte diese rund jeden vierten Wähler - und stimmte zu fast 80 Prozent für Bush. Die Hoffnung scheint berechtigt: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew im August stellte McCain rund 70 Prozent der evangelikalen Stimmen in Aussicht.
Dabei umwirbt Obamas Team seit Monaten gezielt vor allem jüngere Evangelikale. Sie wissen: Viele sind die Wahl- und Kulturkämpfe der Altvorderen leid und haben neue Themen entdeckt. Globale Armut, HIV, Klimaschutz oder den Kampf gegen Völkermord. Der Nachwuchs will lieber für Arme und den Umweltschmutz kämpfen, als gegen Schwule zu hetzen. Es ist möglich, dass Palins Benennung die Jüngeren der klassischen Basis weiter entfremdet. Immerhin vertritt die Ex-Schönheitskönigin aus Alaska zu Fragen wie dem Klimaschutz fast reaktionäre Ansichten - und weckt mit ihren polarisierenden Reden Ängste vor neuen Kulturkämpfen.
Aber: "Selbst jüngere Evangelikale sind in Abtreibungsfragen sehr konservativ. Da ist der Gegensatz zwischen Obama und Palin besonders offensichtlich und wirksam", sagt Journalistin Pulliam. Zwei Drittel der Evangelikalen schließen in Umfragen aus, für einen Kandidaten zu stimmen, der Abtreibung befürwortet.
Ein weiteres Hindernis für Obama: die vor allem im Internet kursierenden Gerüchte, er sei Muslim. Laut Umfragen glauben bis zu zwölf Prozent der Amerikaner daran. Unter religiösen Rechten dürfte der Anteil noch höher sein. Zumal die von ihren Wortführern wie Richard Land regelmäßig Sätze hören wie: "Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das letzte Hindernis für die Weltherrschaftspläne radikaler Islamisten."
Auf der Tagung in Washington gibt es an einem Stand Waffelteig mit der Aufschrift "Obama-Waffeln" zu kaufen. Das soll dessen angeblich wechselnde politische Positionen aufs Korn nehmen. Doch oben auf der Packung steht: "Für besseren Geschmack nach Mekka drehen". Als sei der Christ Obama eben doch ein Muslim.
Der Verkauf der "Obama-Waffeln" läuft blendend - bis die Medien sich auf das Thema stürzen. Nach Protesten stoppten die Veranstalter den Verkauf. Aber die Schachteln kursieren weiter unter den Tagungsteilnehmern. Und am Ausgang ist auf einem Zettel mit Vorschlägen fürs nächste Jahr zu lesen: "Wir müssen noch mehr erfahren über die Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus."
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