Sonntag, 22. November 2009

Politik



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15.09.2008
 

Opposition in Georgien

"Saakaschwili wollte Krieg"

In Moskau sammeln sich Gegner des georgischen Präsidenten Saakaschwili. Ihr Ziel: ein Machtwechsel in der Heimat. Der Oppositionspolitiker Teimuras Chatschischwili sprach mit SPIEGEL ONLINE über Putschgerüchte, zornige Militärs und die Zukunft eines zerrissenen Landes.

SPIEGEL ONLINE: Was werfen Sie Saakaschwili vor?

Chatschischwili: Seine Macht ist nicht demokratisch. Er hat Wahlen gefälscht und Andersdenkende einsperren lassen. Am 7. November hat er den Ausnahmezustand verhängt und ist mit Gewalt gegen Bevölkerung und Massenmedien vorgegangen. Es ist wie in einem Besatzungsregime. Hinter jedem Minister, hinter jedem leitenden Beamten, hinter jedem führenden Militär steht ein Berater aus den USA. Die georgische Führung hat sich geweigert, Nichtangriffsverträge mit Abchasien und Südossetien abzuschließen. Diese Weigerung war kriminell. Saakaschwili wollte den Krieg.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sie als jemand, der wegen eines Terroranschlages auf den Vorgänger von Saakaschwili verurteilt wurde, das Vertrauen der Georgier gewinnen können?

ZUR PERSON

Teimuras Chatschischwili, 47, war in den neunziger Jahren Innenminister und Vizeminister für Staatssicherheit Georgiens. Verurteilt wegen eines gescheiterten Mordanschlages auf den damaligen Präsidenten Eduard Schewardnadse im Jahre 1995 saß der Generalmajor a.D. sieben Jahre im Gefängnis. Unter Präsident Saakaschwili befand er sich zwei Wochen in Untersuchungshaft wegen des Verdachts hochverräterischer Umtriebe. Derzeit lebt Chatschischwili in Moskau, wo er georgische Oppositionelle im Exil sammelt und wo SPIEGEL- Korrespondent Uwe Klußmann mit ihm sprach.
Chatschischwili: Die Anklage wurde aus politischen Gründen fabriziert, um meine Freunde und mich als politische Opposition zu diskreditieren. Als ich nach meiner Haftentlassung 2002 die Partei der Zentristen gründete, schrieben sich dort in wenigen Monaten 50.000 Mitglieder ein. Das georgische Volk will Freundschaft mit Russland. Und dieses Bestreben des Volkes kann niemand aufhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre unmittelbaren Forderungen?

Chatschischwili: Saakaschwili muss zurücktreten. Wir brauchen wirklich freie Parlamentswahlen, gemeinsam garantiert von Russland und dem Westen. Wir wollen eine parlamentarische Demokratie. Die unbegrenzte Macht aller drei bisherigen Präsidenten, Gamsachurdia, Schewardnadse und Saakaschwili, hat jedes Mal zu Machtmissbrauch und zu Kriegen in unserem Land geführt. Darin sind sich viele Georgier und weite Teile der Opposition inzwischen einig.

SPIEGEL ONLINE: Die Georgier aber unterstützen Saakaschwili derzeit mit Massenkundgebungen und wollen in die Nato.

Chatschischwili: Weil das Regime ihnen einredet, der Westen, die USA und die Nato würden unsere territorialen Probleme lösen, was eine Illusion ist. Und weil Saakaschwilis Propaganda jeden, der anders denkt, zum Agenten Moskaus stempelt. Die Option für die Nato wurde uns von Lobbyisten aus den USA aufgedrängt, von Leuten wie dem McCain-Adlatus Randy Scheunemann, der zuvor als Geschäftsführer eines "Komitees für die Befreiung des Irak" die Bush-Regierung in den Irak-Krieg getrieben hat.

SPIEGEL ONLINE: Im Westen und Norden Georgiens befinden sich immer noch russische Truppen. Stört Sie das nicht?

Chatschischwili: Die Truppen ziehen jetzt einer Vereinbarung gemäß ab. Aber es freut mich nicht, dass sich russische Truppen in meinem Land befinden. Man muss jedoch sehen, dass Saakaschwili diese Situation mit seinem nächtlichen Angriff auf die schlafende Stadt Zchinwali provoziert hat. Unser Land, unsere Hauptstadt Tiflis befinden sich faktisch in den Händen der US-Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis zwischen Georgiern, Osseten und Abchasiern ist nach dem Krieg so schlecht wie nie zuvor. Was tun?

Chatschischwili: Saakaschwilis Regime vertieft den Graben zwischen Osseten und Georgiern. Aber das ist kein Graben zwischen den Völkern. Die wahre Trennlinie verläuft zwischen der gegenwärtigen Staatsmacht und den Völkern Georgiens. Wir wollen eine Volksdiplomatie in Gang setzen, Gespräche zwischen Berufskollegen, Bürgerrechtlern, Schriftstellern.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Russlands einseitiger Anerkennung von Abchasien und Südossetien?

Chatschischwili: Ich habe bereits vor dem Krieg vorgeschlagen, dass Georgien beide Regionen zunächst als Staaten anerkennt und dann mit ihnen eine Konföderation bildet. Der neue, gemeinsame Staat sollte in seiner Verfassung verankern, dass er neutral bleibt und keinen Militärblöcken beitritt. Denn die Nato-Mitgliedschaft ist für die Osseten und Abchasen nicht akzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind auch Sie gegen den Nato-Beitritt Ihres Landes?

Chatschischwili: Georgien sollte freundschaftliche Beziehungen zu Russland pflegen und gleichzeitig auch zum Westen, vor allem zu Europa. Mit Russland verbindet uns seit Ende des 18. Jahrhunderts eine besondere Beziehung. Unter dem Druck südlicher Nachbarn haben sich die Georgier damals dafür entschieden, sich an Russland anzulehnen, um als Volk zu überleben. Heute wohnen und arbeiten über eine Million Georgier in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Die Mehrheit der Georgier will das Land an den Westen binden. Wie wollen Sie das ändern?

Chatschischwili: Die USA werden keinen Weltkrieg vom Zaun brechen, um Saakaschwili die Kontrolle über Südossetien zu ermöglichen. Mir müssen Realisten sein. Wir leben im Kaukasus. Dort ist Russland die stärkste Macht, auch wirtschaftlich. Mit Russland müssen wir Handel treiben und zu einer guten Nachbarschaft kommen. Glauben Sie, in Kalifornien wird man unseren Wein trinken? Außerdem sind wir alle, Georgier, Osseten, Abchasen und Russen, rechtgläubige Christen, wir haben dieselbe Religion.

SPIEGEL ONLINE: In einer Glaubensfrage haben Sie einen Dissens mit der georgischen Führung. Die glaubt nämlich, Sie planten einen Putsch, unterstützt vom russischen Geheimdienst.

Chatschischwili: Alles Unsinn. Wir planen keinen Putsch, wir wollen einen demokratischen Machtwechsel mit friedlichen Mitteln. Seit georgische Generäle gegenüber der Nato gesagt haben, sie seien gegen den Einmarsch nach Südossetien gewesen, wissen wir: Auch viele Militärs fühlen sich vom Regime Saakaschwili missbraucht für einen selbstzerstörerischen Krieg.

Das Interview führte Uwe Klußmann

KONFLIKT IM KAUKASUS - GEORGIEN, SÜDOSSETIEN, ABCHASIEN

Georgien und die Abtrünnigen

DER SPIEGEL
Südossetien hat sich in einem Krieg Ende 1990 bis Anfang 1992 von Georgien gelöst und ist seither de facto unabhängig. Nach Abschluss einer Waffenstillstandsvereinbarung 1992 wurde eine gemischte Friedenstruppe mit russischer Beteiligung stationiert. Ebenso wie das abtrünnige Abchasien gehört die Bergregion völkerrechtlich weiter zu Georgien, wird jedoch wirtschaftlich von Russland unterstützt. Die meisten Menschen, die dort leben, haben einen russischen Pass.

Zweimal - 1992 und 2006 - stimmten die südossetischen Einwohner für die Unabhängigkeit von Georgien. International wurden die Referenden jedoch nicht anerkannt. Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili will die abtrünnigen Regionen wieder unter Kontrolle der Zentralregierung in Tiflis bringen. Bislang haben lediglich Russland und Nicaragua die Unabhängigkeit der beiden Provinzen anerkannt, stoßen damit aber international auf scharfe Kritik.

Stichwort Abchasien

Stichwort Südossetien

Die Rolle Russlands

Die Rolle der USA

Russlands Konflikt mit der Nato

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