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TV-Duell Palin gegen Biden High Noon in St. Louis

2. Teil: Palin übt täglich - im "Debatten-Camp auf McCains Ranch in Arizona

Aber genau das war der Kardinalfehler. Auf sich alleine gestellt, kann Palin die Massen bewegen, strahlt einen rustikalen Charme aus, der die "Wal-Mart-Moms" begeistert. Doch dann begann ihr das McCain-Camp "Talking Points" einzubläuen: "Country First", "Freiheit", "Wandel", "Wir sind zwei Querdenker". Die rezitiert Palin jetzt wie eine Sprechpuppe.

Ein PR-Fiasko: CBS lancierte die Interview-Ausschnitte über mehrere Tage hinweg - jeder Clip schlimmer als der vorherige. "Palin lässt keine Anzeichen erkennen, dass sie sich mit den dringenden nationalen und internationalen Fragen der Zeit ernsthaft beschäftigt hat", stichelt die "New York Times".

Die Umfragen kippen. Late-Night-Talker und Comedy-Shows wie "Saturday Night Live" nehmen sie aufs Korn - und müssen ihre Worte dabei gar nicht mal ändern. MSNBC unterlegte ein uraltes Video, auf dem sie Querflöte spielt, mit den peinlichen CBS-Zitaten.

Auch die ersten Republikaner murren. Die Kolumnistin Kathleen Parker forderte sie im "National Review" zum Rücktritt auf: "Sie ist eindeutig überfordert." Das "Wall Street Journal" attestierte ihr "Frischeverfall". Die Vorzeige-Konservativen David Frum und David Brooks kritisierten sie scharf, Edelfeder George Will räumte hinter verschlossenen Türen ein: Palin sei "offensichtlich nicht qualifiziert".

Ein Ausstieg Palins wäre der Todesstoß für McCain

Ein Ausstieg Palins ist jedoch unwahrscheinlich - es wäre der Todesstoß für McCain. "Es würde eine heftige Gegenreaktion geben", warnte der Ökonom Steven Fazzari von der Washington University hier gestern. "Vor allem bei konservativen Republikanern und Frauen."

Stattdessen beorderte das McCain-Team Palin zu Couric zurück, um das Schlimmste wieder auszubügeln - mit McCain zur Seite, wie ein Vater, dessen Tochter zum Nachsitzen bestellt wurde. Bei manchen Fragen schnitt er ihr das Wort ab und antwortete lieber gleich selbst.

Auch in mehreren Übungsdebatten soll Palin versagt haben. Schnell wurde sie nach Arizona verbracht, wo sie seither täglich probt - unter direktem Kommando vom Wahlkampfmanager Rick Davis und vom Chefstrategen Steve Schmidt. "Das kann ihr helfen", sagt Jo Mannis, Polit-Reporterin der hiesigen Zeitung "St. Louis Post-Dispatch", "oder nach hinten losgehen."

Denn das Timing ist brisant: Jüngste Umfragen geben dem Demokraten Barack Obama seinen bisher größten Vorsprung, landesweit wie in einzelnen Staaten - nicht zuletzt dank des Krimis um das Wall-Street-Rettungspaket, der McCain mit ins Tief gerissen hat. "Wären die Wahlen heute", sagte Ex-Präsidentenberater David Gergen auf CNN, "würde Obama gewinnen".

Doch die Wahlen sind nicht heute, und noch kann sich alles wieder ändern. Denn auch Senatsveteran Joe Biden ist, wie die "New York Daily News" weiß, eine "tickende Zeitbombe".

Joe Biden, die Fauxpas-Maschine

Wird er seinem eigenen Ruf als "Fauxpas-Maschine" gerecht werden? Wird er sich wieder mal zu einer Übertreibung hinreißen lassen wie neulich, als er zweimal prahlte, sein Helikopter sei in Afghanistan "zum Landen gezwungen" worden? Von Schnee und nicht von Schüssen, was er aber tunlichst zu erwähnen vergaß.

Vor allem aber: Wird er in die Sexismusfalle tappen? "Wie kritisiert man eine Frau, ohne andere Frauen gegen sich aufzubringen?", fragte die republikanische Ex-Abgeordnete Susan Molinari gestern hämisch. "Viel Glück!"

In den Gouverneurs-Debatten in Alaska, dokumentiert in unscharfen Videoclips, schlug sich Palin prächtig - und stach selbst ihre erfahreneren, männlicheren Rivalen aus. Ihre Kunst: flotte Sprüche, serviert mit stahlhartem Lächeln - doch gerne ohne jegliche Substanz.

Noch einen Vorteil hat Palin heute - trotz und gerade wegen all des jüngsten Trubels: "Die Erwartungen an sie sind jetzt so niedrig", sagt der Politologe James Pfiffner von der George Mason University zu SPIEGEL ONLINE, "dass sie schon dann als Siegerin hervorgehen wird, wenn sie sich ohne Fehler durchschlägt."

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