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04.10.2008
 

Krise am Kap

Südafrikaner entdecken neues Nationalgefühl

Aus Kapstadt berichtet Karl-Ludwig Günsche

Politischer Tsunami am Kap: In Südafrika ist die Regierungspartei ANC heillos zerstritten, die Währung stürzte ab, zudem steht das Land immer noch unter dem Eindruck der blutigen Pogrome vom Frühjahr. Jetzt wächst eine neue Protestbewegung - von unten.

Kapstadt - Eigentlich schien alles ganz unspektakulär. Die südafrikanischen Sozial-Organisationen "Association for the Physically Disabled" (APD) und "Breaking Barriers" wollten auf Diskriminierungen von Behinderten in ihrem Land aufmerksam machen und Verständnis für ihre Probleme wecken.

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu: "Eine Zeit, in der wir uns hässlich fühlen"
DPA

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu: "Eine Zeit, in der wir uns hässlich fühlen"

Doch dann kam alles anders: Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu redete beim Start der Initiative den Südafrikanern ins Gewissen. Die Nation sei immer noch aufgewühlt durch die fremdenfeindlichen Pogrome im Frühjahr und verstört durch die politische Krise des Landes. "Deshalb kommt die Initiative gerade zur richtigen Zeit, einer Zeit, in der wir alle uns ein wenig gebrochen und hässlich fühlen."

Tutu forderte die südafrikanische Zivilgesellschaft deshalb auf: "Wir müssen uns zusammenschließen, voll Vertrauen und Liebe, und unsere Regenbogennation retten." Der Erzbischof rief alle Südafrikaner auf, sich an einer "Kampagne zur Rettung der Regenbogennation" zu beteiligen. Er unterzeichnete in Kapstadt als erster ein feierliches Gelöbnis, das mit den programmatischen Sätzen beginnt: "Ich bin stolz, Südafrikaner zu sein. Ich erkläre hiermit öffentlich, dass ich jederzeit und überall gegen Vorurteile und jede Form der Diskriminierung ankämpfen werde."

Blutige Pogrome trafen die Bürgergesellschaft bis ins Mark

Die Sprecherin der Kampagne, Jeanette Maclean, sagte, die Südafrikaner müssten aufstehen und gegen jüngste Vorfälle protestieren, "die uns als eine intolerante, rassistische und einander sowie den Rest der Welt diskriminierende Nation erscheinen lassen".

Denn ein politischer Tsunami hat das Land überrollt: Innerhalb von nur zwei Wochen wurde Staatspräsident Thabo Mbeki von seiner eigenen Partei davongejagt, der Rand stürzte ab, die Börsenkurse purzelten, Investoren packte die Panik, Kgalema Motlanthe wurde als Nachfolger Mbekis vereidigt, ein Übergangspräsident für nur sieben Monate allerdings auch er. Das alles, nachdem im Frühjahr blutige fremdenfeindliche Pogrome Südafrikas Bürgergesellschaft bis ins Mark getroffen hatten.

Die Kampagne solle nun der "schweigenden Mehrheit" eine Stimme geben, sagt Maclean. Mit dem Verkauf von T-Shirts und Ansteckern, mit Postern und Veranstaltungen soll die Kampagne landesweit ausgedehnt werden. "Unsere Gebete werden erst dann erhört sein, wenn jeder Südafrikaner das Gelöbnis unterzeichnet hat", sagt Maclean.

In Nelson Mandelas Regenbogennation mit ihren vielen Ethnien, ihren elf offiziellen Landessprachen, der Heimat für alle Hautfarben von Schwarz bis Weiß formiert sich - wenn auch noch zaghaft - eine Gegenbewegung gegen Gewalt, Diskriminierung, Korruption, eine Bewegung, die der Nation wieder Stolz, Zuversicht und Selbstvertrauen geben will.

"Wir sind ein sehr gesegnetes Land"

Tutu sagt selbstkritisch: "Wir Südafrikaner haben eine große Schwäche: Wir vergessen die wundervollen Dinge, die um uns herum geschehen. Wir sind ein sehr gesegnetes Land." In fast jedem anderen Land der Dritten Welt, vor allem aber in Afrika, hätte ein politischen Erdbeben, wie es Südafrika in den vergangenen Monaten erschüttert hat, "zu Blutvergießen geführt". Doch Südafrika habe erneut einen friedlichen Wandel geschafft.

Auch Frederik Willem de Klerk, früherer Staatspräsident, der 1993 gemeinsam mit Nelson Mandela den Friedensnobelpreis erhalten hat, wettert öffentlich gegen Miesmacherei und Pessimismus. "Wo auch immer wir hingehen in unserem wundervollen Land: Wir müssten blind sein, um seine Schönheit und sein enormes Potenzial nicht zu erkennen." Südafrika stehe am Scheideweg: Es könne als erstes afrikanisches Land den Durchbruch in die Erste Welt schaffen – oder ebenso wie der Rest des Kontinents in Stagnation, Korruption und Gewalt versinken.

Zweifellos sei die Nation durch die jüngsten politischen Ereignisse verunsichert. Die künftige Rolle von ANC-Präsident Jacob Zuma nähre zudem Zweifel an Südafrikas Zukunft.

Die Aids-Pandemie, die wachsende Armutsschere, die hohe Arbeitslosigkeit und - damit zusammenhängend - die erschreckende Kriminalität seien ernste Herausforderungen. "Aber unser Volk hat eine besondere Fähigkeit, solche Herausforderungen erfolgreich zu überstehen. Wir haben die Welt 1994 in Erstaunen versetzt und wir werden sie in den nächsten Jahren erneut staunen lassen", erklärt der frühere Staatspräsident, der sich heute selbst als Sprecher der Zivilgesellschaft bezeichnet. "Ich glaube, wir haben immer noch die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen." Die Fußballweltmeisterschaft 2010 werde dies der Welt zeigen.

"Vom Gangster-Ghetto zu einem sauberen, sicheren Platz"

Selbst in den Elendsvierteln rund um die Großstädte entstehen Graswurzelbewegungen, die gegen Armut und Kriminalität ankämpfen.

Manenberg vor den Toren Kapstadts ist eine von 25 Townships, in denen die Bürger mobil machen. Unter dem Markennamen "Proudly Manenberg" (Stolzes Manenberg) entwickelt sich die 70.000 Einwohner zählende Vorstadt - wie die "Cape Times" schreibt - "von einem Gangster-Ghetto zu einem sauberen, sicheren Platz, in dem man wieder leben kann".

Der Sprecher der Initiative, Mario Wanza, sagt stolz: "Unsere Idee ist hausgemacht, sie ist hier in Manenberg entstanden. Aber was hier geht, geht auch in Gugulethu, Hanover Park, Langa, Bonteheuwel" - alles Townships, die für ihre erschreckende Kriminalitätsrate berüchtigt sind.

In Khayelitsha, Kapstadts größter Township, hat Manenbergs Beispiel schon gefruchtet. Der Chef der dortigen Selbsthilfeorganisation "Khayelitsha Development Forum", Zamayedwa Sogayise, berichtet sichtlich zufrieden, dass es mit Hilfe der Provinzregierung gelungen sei, Schulen wieder instand zu setzen, Einkaufsviertel wieder zu beleben und Büros zu eröffnen, in denen die Bürger Rat und Hilfe finden können.

Das nächste große Ziel der beiden Selbsthilfeorganisationen: Zur Fußball-WM 2010 wollen sie in ihren Townships eigene Fan-Meilen errichten - überdacht, weil es im Juni und Juli in Kapstadt nicht nur kalt ist, sondern auch viel regnet.

"Wir sind eben ein verrücktes Land"

Doch während die Bürger mobil machen, zerfleischt die Regierungspartei ANC sich selbst.

Thabo Mbeki führt seinen erbitterten Machtkampf mit seinem Rivalen Jacob Zuma inzwischen vor Gericht weiter. Der frühere Verteidigungsminister und Mbeki-Getreue Mosiuoa Lekota hat seiner eigenen Partei in einem offenen Brief vorgeworfen, die jüngsten Praktiken des ANC, die zum Mbeki-Rücktritt geführt haben, gefährdeten die Demokratie.

"Der von Euch eingeschlagene Weg führt in den Untergang", warnt er die eigenen Genossen. Doch die Partei keilt genauso hart zurück: Lekota sei ein Pharisäer, schimpft Zuma-Fan Jeff Radebe, Transportminister im Kabinett des Übergangspräsidenten Motlanthe. Sein Offener Brief sei nichts anderes als "die letzten Huftritte eines sterben Pferdes". Nützen werde es nichts. Denn "der ANC wird ewig bestehen. Leute wie er (Lekota) aber werden vergehen."

ANC-Generalsekretär Gwede Mantashe sieht in Lekotas Brandbrief denn auch die Ankündigung, dass der frühere Verteidigungsminister und andere die Partei verlassen wollen. Gerüchte über eine Parteispaltung wabern weiter, immer wieder genährt durch Lekota.

Da fällt selbst Desmond Tutu nicht mehr viel ein. "Wir sind eben ein verrücktes Land", seufzt der frühere Erzbischof gottergeben.

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