ThemaWest WingRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.10.2008
 

Finanzdebakel

Weltkrisen sind Chefsache, basta!

Globale Finanzkrise? Die Bundesregierung wirkt derart unbeholfen, dass man sich nach kompetenter Führung sehnt. Ein Kanzler wie Helmut Schmidt, glaubt Gabor Steingart, würde in solchen Zeiten andere Prioritäten setzen - und die Welt mit einem Neun-Punkte-Plan retten.

Wenn die Finanzindustrie das Herz der Weltwirtschaft ist, dann erleben wir gerade ein Herzflimmern.

Alt-Bundeskanzler Schmidt: Leider a.D.
Zur Großansicht
DDP

Alt-Bundeskanzler Schmidt: Leider a.D.

Besserung ist versprochen, aber bisher nicht zu verspüren. Im Gegenteil: Banken misstrauen nun auch Banken, weshalb in den Arterien der Weltwirtschaft das Blut stockt.

Die amerikanische Regierung will zur Verdünnung 700 Milliarden Dollar in den Kreislauf pumpen. Der Infarkt kann dennoch nicht ausgeschlossen werden. Wir stehen mutmaßlich am Beginn einer weltweiten Tragödie, nicht an deren Ende.

In dieser Situation verhält sich die deutsche Regierung wie der Notarzt, der mit der Straßenbahn anreist. Der Finanzminister spricht von der amerikanischen Krise, bevor ihn die Meldung einer bevorstehenden Bankenpleite aus München aufschreckt. Die Bundeskanzlerin schweigt erst zu staatlichen Garantien für Spareinlagen, bevor sie eine Generalgarantie übernimmt. Ein europäisches Rettungspaket für die angeschlagenen Banken wird von ihr als überflüssig angesehen.

Man sehnt sich förmlich zurück nach den Zeiten, in denen wirtschafts- und finanzpolitisch kompetent regiert wurde. Unwillkürlich ertappt man sich bei der Frage: Was hätte beispielsweise der Bundeskanzler und Weltökonom Helmut Schmidt in einer solchen Lage getan?

Der Altkanzler ist - wie er uns in seinem neuesten Buch mitteilt - "Außer Dienst", und deshalb kann hier nur spekuliert werden. Kaum vorstellbar jedenfalls, dass er so passiv geblieben wäre, sein Verständnis von Führung sieht anders aus. Und so hätte er sein eigenes Programm aufgelegt, um die Krise zu meistern, einen kompromisslosen Neun-Punkte-Plan, der möglicherweise so ausgesehen hätte:

  • Erstens: Schmidt hätte diese komplexe Krise - Ursache, Wirkung, Therapie - seinem Volk selbst erklärt. Weltwirtschaftskrisen sind per definitionem Chefsache. Auf eine Arbeitsteilung - der Finanzminister gibt eine Regierungserklärung ab und der Kanzler der "Bild"-Zeitung ein Interview -, hätte sich Schmidt nicht eingelassen. Er hätte beides getan. Der Altkanzler beherrscht bis heute zwei deutsche Sprachen: Die mit und die ohne Komma.
  • Zweitens: Die Worte wären von Taten begleitet gewesen. Helmut Schmidt hätte nicht gewartet, bis der französische Staatspräsident ihn zu einem Krisengipfel einlädt. Er hätte dieses Treffen selbst initiiert, auch wenn die anderen ihn wieder als anstrengend und arrogant empfunden hätten. Führung war für Schmidt immer eine Frage der Notwendigkeit, nicht der Nützlichkeit.
  • Drittens: Dass auf eine internationale Finanzkrise - auch wenn sie in den USA ihren Ursprung hat - eine internationale und keine deutsche, irische und portugiesische Antwort zu erfolgen hat, hätte ihm keiner erklären müssen. Eine europäische Lösung hätte er nicht abgelehnt. Er hätte sie gefordert.
  • Viertens: Mit großer Sicherheit hätte Schmidt - direkt oder indirekt - auf die Europäische Zentralbank einzuwirken versucht. Zusätzliche Liquidität ist angesichts einer sich anbahnenden Kreditklemme das A und O. Sture Inflationsbekämpfung durch Geldverknappung kann in dieser Situation tödlich sein.
  • Fünftens: Auch die Sparziele der eigenen Regierung hätte er - im Lichte der Ereignisse überprüfen lassen. Nur Papageien wiederholen sich selbst. Was gestern richtig war, kann im Lichte einer globalen Finanzkrise falsch sein. Lieber fünf Milliarden zusätzliche Schulden als zwei Millionen zusätzliche Arbeitslose.
  • Sechstens: Schmidt hätte die Amerikaner zu überzeugen versucht, dass eine Vertrauenskrise nicht allein mit Geld bekämpft werden kann. Frisches Geld zu den alten Bedingungen - das bringt nicht viel. Zusätzliche Transparenz auf den Finanzmärkten aber schafft zusätzliches Vertrauen. Ausgangspunkt der Krise war ja nicht Geldknappheit, sondern Geldüberfluss, der sich in spekulativen und kaum verstehbarem Geldanlagen ergoss.
  • Siebtens: Schmidt wäre in dieser Frage glaubwürdig gewesen. Er hätte das Thema seit Jahren verfolgt und es nicht zugunsten des jeweiligen Modethemas der Saison nach hinten gestellt. Beim deutschen Weltwirtschaftsgipfel 2007 in Heiligendamm hätte er nicht das schickere Thema, die "Klimakatastrophe", aus dem Hut gezaubert, sondern das dickere Brett weitergebohrt. Der Nordpol schmilzt langsamer als das Finanzkapital.
  • Achtens: Ein Bundeskanzler Schmidt würde sich spätestens jetzt um eine Neuordnung der deutschen Bankenlandschaft bemühen. Wenn das drittgrößte Industrieland der Welt nur eine einzige international ernstzunehmende Bank, die Deutsche Bank, beheimatet, ist das ein Zeichen der Schwäche. Zu Schmidts Zeiten waren sowjetische SS-20-Mittelstreckenraketen die große Bedrohung, heute sind es eher chinesische oder amerikanische Großbanken. Schmidt würde sich auch hier um Nachrüstung bemühen.
  • Neuntens: Das Thema hinter dem Thema hat wenig mit Banken und viel mit Werten zu tun: Welchen Kapitalismus will das Land? Welche Rolle soll der Staat künftig spielen? Wie lässt sich Marktwirtschaft erneuern? Diese Neujustierung hätte Schmidt wohl kaum einem wie Oskar Lafontaine überlassen.

Bislang hat sich der Altkanzler mit öffentlichen Ratschlägen an seine Nach-Nach-Nachfolgerin zurückgehalten. Aber vielleicht sollte Helmut Schmidt diese Praxis nun überdenken.

Gilt nicht für Bundeskanzler, dass sie immer im Dienst sind?

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 186 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.02.2009 von rabenkrähe: Basta-Chefs

..... Vor allem werden solchen Basta-Krisen von den Basta-Chefs die Wege bereitet! rabenkrähe mehr...

03.02.2009 von atzigen: Pleite

Jeder führt sich soo, auf als ob er der einzige ist der de fakto Pleite ist. Bin ja gespannt wie lange es noch dauert bis es allen dämmert das die Menschheit als ganzes Pleite ist. Wer pleite ist braucht in irgend einer vorm [...] mehr...

18.10.2008 von shinnian: Steingarts 9 Punkte Plan ist Bullshit und in sich wiederspruechlich!

Da wird von der Kanzlerin gefordert, eine europäische Lösung zu suchen, und gleichzeitig wird bemängelt, wenn sie es dem Europäischen Ratpräsidenten ueberläßt, Einladungen zum Krisengipfel auszusprechen. Europa heißt eben auch, [...] mehr...

12.10.2008 von p.k.: was hätte Helmut Schmidt gemacht...

ein sehr guter Artikel von Gabor Steingart. mehr...

10.10.2008 von werner51: -

Warum äußern Sie sich denn hier? Sie sind mir schon eine "Hilfskraft". Echt! mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema West Wing

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP