Aus Nashville berichtet Gregor Peter Schmitz
Nashville - Tom Brokaw, das amerikanische TV-Urgestein, lugt streng von seinem Pult hoch. Er fasst die beiden Kandidaten ins Auge, die erwartungsvoll vor ihm sitzen. "Gesundheitswesen, Energiepolitik, die sozialen Sicherungssysteme", knurrt Brokaw mit seiner tiefen Stimme. "Was ist Ihre Top-Priorität? In welcher Reihenfolge geht es weiter?"
John McCain blickt auf den Block neben seinem Stuhl, er scheint zu sinnieren: Welche Punkte waren das jetzt noch mal? Moderator Brokaw wiederholt seine Frage, und da springt McCain beinahe auf. "Wir können alle drei auf einmal angehen", ruft er energisch. "Wir sind Amerikaner. Wir können das schaffen."
McCain attackiert, Obama kontert kühl
Es sind nur Momentaufnahmen aus der ersten halben Stunde der zweiten TV-Präsidentschaftsdebatte an der Belmont University in Nashville. Und doch fassen sie den Abend perfekt zusammen, denn auch John McCain verfolgt mehrere Ziele auf einmal. Er will den US-Wählern zeigen, dass er Lösungen zur Wirtschaftskrise parat hat. Er will ihnen den Glauben wiedergeben, dass Amerikaner alles meistern können. Und: Er will klarmachen, dass Barack Obama die falsche, die riskante Wahl ist.
Doch der Zuschauer sieht live, wie McCain mit seinen Ambitionen scheitert. Obama kontert kühl, man müsse als Präsident eben doch Prioritäten setzen. Erst einmal ginge es doch um die Energiepolitik. "Ihr zahlt 3,80 Dollar für eine Gallone Benzin hier in Tennessee", wendet der Demokrat sich leutselig an sein Publikum. Danach solle man natürlich das Gesundheitswesen angehen. Und außerdem: Schlage McCain nicht 200 Milliarden Dollar an neuen Steuersenkungen für die Reichen vor? Müsse nicht auch gerechte Steuerpolitik eine Priorität sein?
So geht das Szene um Szene bei diesem TV-Gipfel, der sich zu einem großen Teil mit der Wirtschaftslage befasst. McCain geht in die Offensive, verkneift sich dabei aber persönliche Attacken, wie sie seine Vizekandidatin Sarah Palin jüngst geleistet hat. Doch sein Rivale pariert jedes Mal geschickt.
Dabei hatten McCains Strategen durchaus große Hoffnungen auf dieses Treffen gesetzt. Denn die Fernsehdebatte war als eine Art Bürgersprechstunde angelegt. 80 unentschlossene Wähler, sorgfältig ausgewählt, stellen die Fragen an die Kandidaten. McCain liebt solche Runden.
Die Hypothek der Busch-Jahre
Und so war er um kurz nach 20 Uhr lächelnd auf die Bühne gesprungen und hatte herzlich Obamas Hand geschüttelt - weit herzlicher als im ersten TV-Duell, bei dem er seinen Kontrahenten noch nicht einmal anguckte. Der 72 Jahre alte Senator läuft bei seinen Antworten in weiten Kreisen über die Bühne, er stützt sich einmal auf ein Geländer, um näher an den Bürgern zu sein. Und feuert immer wieder die Slogans ab, die seinen Wahlkampf prägen. "Ich weiß, wie man das macht", lautet einer. "Wir müssen weniger ausgeben in Washington", ein anderer. Und: "Ich bin immer ein Reformer gewesen."
Keine Rede davon, dass seine Partei seit acht Jahren an der Macht im Weißen Haus ist. Im Gegenteil. "Es ist nicht der Plan von Senator Obama, es ist nicht der Plan von Präsident Bush - es ist mein Plan", sagt McCain zur Lösung der Finanzkrise. Als es um Energiepolitik geht, erwähnt er einen Gesetzentwurf mit Milliardengeschenken an die Ölindustrie, entworfen von "Bush/Cheney" - deren Namen spricht er aus, als sei das Duo im Weißen Haus Teil der Achse des Bösen, keine Parteifreunde. "Ratet mal, wer dafür gestimmt hat", sagte er und deutet auf Obama. "Der da. Nicht ich."
Doch Obama lässt McCain die Hypothek der Bush-Jahre nicht vergessen. Gleich in der Antwort auf die erste Frage zur Bankenkrise sagt Obama: "Es ist die schlimmste Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise. Es ist das Urteil über acht Jahre der Bush-Wirtschaftsphilosophie - die von Senator McCain unterstützt wurde."
Der so Gescholtene versucht einen Gegenangriff: Die Demokraten, hält er Obama vor, hätten die Regulierung der nun bankrotten Riesen-US-Hypothekenbanken doch immer behindert. "Während sie Geld von ihnen bekommen haben." Obama auch, gerade er.
Es könnte eine wirkungsvolle Attacke sein. Doch Obama kennt die Umfragen: Amerikaner sehnen sich derzeit nach Lösungen, nicht nach Schlammschlachten. Und so ignoriert er den Vorwurf, er wandert zum Fragesteller und verkündet: "Sie sind nicht interessiert an gegenseitigen Vorwürfen unter Politikern."
Selbst als McCain die für Demokraten immer gefährliche Steuer-Keule zückt - "Obama würde Steuern für 50 Prozent der kleinen Geschäftsleute erhöhen" - gibt sich dieser keine Blöße. "Ich werde die Steuern für 95 Prozent der Bürger senken", bekräftigt der Demokrat - und spielt seine Trumpfkarte: Wolle McCain nicht im Schnitt 700.000 Dollar Steuernachlass an die Bosse der größten US-Unternehmen geben? In Zeiten der Finanzkrise merken sich Wähler solche Zahlen.
"Es stimmt, dass ich einige Sachen nicht verstehe"
Es dauert fast eine Stunde, bis die erste Frage zur Außenpolitik kommt. McCains Domäne, jetzt wird er staatstragend: Er spricht von der Erfahrung und der Urteilskraft, die der erste Mann im Staat mitbringen müsse. "Wir haben einfach keine Zeit, den Präsidenten erst im Job anzulernen." Der Unterton ist wieder da: Vertraut mir, ich weiß, wie das geht. Doch auch zu diesem Argument hat Obama den passenden Konter einstudiert. "Senator McCain sagt immer wieder, ich verstünde davon nichts." Kunstpause, dann die wohlüberlegte Pointe: "Es stimmt, dass ich einige Sachen nicht verstehe. Etwa, warum man in ein Land einmarschiert, das mit den Anschlägen vom 11. September nichts zu tun hatte." Es ist ein Satz, der hängenbleiben könnte.
Noch fast eine halbe Stunde debattieren die Rivalen, es geht um Genozid und Russland, um Pakistan und Afghanistan. Doch die Angriffe sind vertraut, die Konter auch. Obama blickt McCain weiter aufmerksam an, wenn der spricht - doch er wirkt nicht mehr wachsam wie zu Beginn, eher entspannt.
Im Journalistenzelt löst sich auch bei Obamas Strategen die Anspannung. Laut ersten Umfragen konnte ihre Kandidat klar punkten. Über die TV-Schirme flimmert außerdem die vielleicht wichtigste Zahl des Abends: 508. Um so viele Punkte schmierte der Dow-Jones-Index am vergangenen Dienstag ab.
Ringsum erzählen sich Reporter von Reisen in bislang umkämpfte Bundesstaaten: Florida, Michigan, Pennsylvania, Ohio. Überall klagen die Menschen über die Wirtschaftslage, überall haben sie die Dow-Jones-Zahlen parat, die verheerende Arbeitslosenstatistik - und überall liegt Obama nun vorne, oft deutlich.
Einige Veteranen im Journalistenpulk warnen jedoch davor, McCain bereits abzuschreiben, er sei eben ein zäher Wahlkämpfer. Doch Amerika stimmt in weniger als vier Wochen ab, ein Ende der Finanzkrise ist nicht in Sicht, nur noch eine TV-Debatte steht an. Unter den Experten wächst die Skepsis gegenüber dem Republikaner. "Es war wieder eine verpasste Gelegenheit", urteilt CNN-Wahlkampfguru David Gergen, "für John McCain".
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