Aus Khost berichtet Matthias Gebauer
Khost - Von außen, immerhin, glänzt die Studie der Meinungsforscher des afghanischen MRA-Instituts. In leuchtendem Gold erscheint der Umriss Afghanistans auf der ersten Seite der von der Nato in Auftrag gegebenen Umfrage. Mehr als 5600 Interviews wurden für das Papier geführt, das in diesen Tagen auf den Schreibtischen der führenden Nato-Offiziere im Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe Isaf in Kabul und Brüssel liegt.
Britischer Isaf-Soldat in Afghanistan: Kein Gefühl von Sicherheit
Die Ergebnisse der internen Studie, die Ende August dem obersten Nato-Kommandeur in Afghanistan, US-General David McKiernan, vorgestellt wurde, stellt der Arbeit der internationalen Truppen ein frustrierendes Zeugnis aus. Deutlich wie selten attestierten die befragten Afghanen, dass die Schutztruppe Isaf es bisher nicht vermocht hat, ihnen das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.
Die 87-seitige Studie belegt erstmals den Abwärtstrend in Afghanistan und verfolgt ihn über drei Jahre. Die Mission am Hindukusch hat demnach ihr erklärtes Ziel nicht erreicht: Die Afghanen fühlen sich in ihrem eigenen Land nicht sicherer - im Gegenteil. Und das alles Truppenverstärkungen und Ausweitungen des Nato-Einsatzes zum Trotz.
Taliban, Korruption, schwache Regierung
Die aufwendige Studie der Nato sollte eigentlich Wege aufzeigen, wie das Verteidigungsbündnis die eigene Medienarbeit verbessern kann. Doch die ersten 39 Seiten des Papiers beschäftigen sich ausschließlich mit dem Sicherheitsgefühl der Afghanen. Das Ergebnis: "Die Prozentzahl der Befragten, welche die Sicherheitslage als gut bezeichnen, nimmt ab, während eine schlechte Wahrnehmung sich immer weiter verbreitet".
Die Zahlen lassen wenig Raum für Interpretationen: So bezeichneten im August 2005 noch 92 Prozent der Bevölkerung die Sicherheitslage als "gut", nur 6 Prozent schätzten sie als "schlecht" ein. Drei Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Nur noch 45 Prozent der Bevölkerung sahen die Lage im August 2008 als "gut", 42 Prozent sehen sie als "nicht gut oder schlecht", 12 Prozent gar eindeutig als "schlecht".
Die Ergebnisse kommen zu einer Zeit, da die Experten in Washington eine neue Afghanistan-Strategie vorbereiten. Eine Geheimdienstanalyse legt nahe, dass der Wiederaufbau in Afghanistan in Gefahr ist. Die Ursachen sind vielfältig: der zunehmende Einfluss der radikal-islamischen Taliban, die alltägliche Korruption und eine schwache Regierung. Afghanistan drohe gar erneut zu einem Zufluchtsort für Terroristen zu werden. Schon jetzt ist klar, dass die USA diesem Trend mit Zehntausenden zusätzlichen Soldaten begegnen wollen.
"Die Lage sieht finster aus"
Auch die Bundesregierung will mehr Soldaten an den Hindukusch schicken. Schon am kommenden Freitag soll der Bundestag das neue Mandat für die Bundeswehr, die im Norden Afghanistans operiert, beschließen. Wenn dies geschieht, würde die Bundeswehr zusätzlich zu den bisher 3500 Soldaten ab Herbst tausend weitere Einsatzkräfte entsenden. Hauptgrund für die Aufstockung ist die angespannte Sicherheitslage.
Für die Oberen der Nato bietet die Studie allerdings nur wenig Lichtblicke. So haben sich die negativen Zahlen von 2007 bis 2008 minimal verbessert. Jeweils um fünf Prozent nahm das vage Unsicherheitsgefühl zu ("nicht gut oder schlecht"), gleichzeitig wuchs die Zahl derjenigen, die sich sicher fühlten um die gleiche Zahl. "Gleichwohl", so jedenfalls die Einschätzung eines führenden Nato-Generals, "sieht die Lage finster aus."
Die Arbeit der Bundeswehr kommt ebenfalls schlecht weg. Nüchtern stellen die Autoren fest, dass sich "Unsicherheit" zwischen 2006 und 2007 vom Süden des Landes in den Osten, Westen und "schließlich auch in den Norden" ausgebreitet habe. Fühlten sich in der Provinz Kunduz, in der ein Großteil der Bundeswehr stationiert ist, noch 10 von 10 Befragten sicher, waren es im August 2008 nur noch 7 von 10.
Karzai-Truppe "auf dem richtigen Weg"?
Gerade in der Region Kunduz, in der die Bundeswehr in den letzten Wochen massiv durch Anschläge, Raketenangriffe und an den Straßen plazierte Bomben unter Druck geriet, lässt sich die negative Entwicklung laut der Studie besonders deutlich ablesen. Die Arbeit der Isaf erhielt dort ähnlich schlechte Noten wie in den Unruheherden Uruzgan, Kandahar und Wardak, die als Taliban-Hochburgen gelten.
Die Ergebnisse aus drei weiteren Provinzen im Norden müssen die Bundeswehr besonders beunruhigen. Als Ursache der Unsicherheit gab mehr als die Hälfte der Befragten an, diese gehe von Taliban, regierungsfeindlichen Kräften oder gar der Terror-Gruppe al-Qaida aus. Diese Werte aus Sar-i-Pul, Baghlan und Balkh sind ungefähr so hoch wie im Süden des Landes, wo die Taliban die Oberhand haben.
Immerhin ein positives Fazit zieht die Studie - wenn auch nicht für die Arbeit der Nato. Eine Frage der Analysten galt der Arbeit der afghanischen Regierung. Diese gilt als schwach oder gar in vielen Regionen gar nicht vertreten - und doch: 68 Prozent der befragten Afghanen gaben an, die Truppe von Präsident Hamid Karzai sei "auf dem richtigen Weg".
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