Von Peter Ross Range
Washington - Zwölf Tage vor der US-Wahl haben wir auf der Spannungskurve einen seltsamen Punkt erreicht. Barack Obama hat es in der Hand, alles zu gewinnen. Nicht nur die Wahl zum Präsidenten, sondern auch eine riesige Mehrheit im Kongress. Treue Demokraten und Fans leben in einem Zustand zwischen Hoffnung und Spannung einerseits, Furcht andererseits.
Favorit Obama (in Virginia): Schafft er den historischen Linksruck?
270 Wahlleute auf sich zu vereinen - das ist das Minimum für Obama, um am 4. November einen Sieg davonzutragen. Mehr als 300 Wahlleute - das wäre ein Triumph, und er könnte es schaffen, laut den aktuellen Umfragen (siehe Grafik).
Es wäre die größte Mehrheit eines Demokraten seit Lyndon B. Johnson 1964. Wenn Obama das schafft, würde aus dem einfachen Sieg eine echte "Transformation", wie Colin Powell es formuliert hat, der General und Außenminister a.D., der prominenteste Obama-Anhänger unter den Republikanern.
Obama hat als Strategie ausgegeben, in allen 50 Staaten um den Sieg zu kämpfen. Es läuft nicht schlecht. Er liegt sogar in jahrzehntelang sicheren Republikaner-Staaten wie Virginia vorn. Er setzt McCain unter Druck, weil er in dessen Revier wildert.
Und trotzdem ist die Strategie nicht ohne Risiko. Obama kann eben auch noch alles verspielen. Nämlich wenn er zu viel Zeit und Geld dafür verplempert, auch noch US-Staaten zu erobern, die er gar nicht braucht, um zu siegen. In allen 50 Staaten gewinnen zu wollen, statt nur auf Machbares zu setzen, das hat Züge eines Glücksspiels. Und wirkt, nebenbei, unnötig angeberisch.
Die historische Chance ist verführerisch für Obama - doch was, wenn er seinen Fokus verliert und damit den Sieg riskiert?
"Wie weiland John F. Kennedy"
Viele Demokraten wollen keinen Gedanken auf derlei Gefahren verschwenden. Sie zeigen einen Optimismus wie lange nicht mehr. Sie reden eigentlich nur noch im Futur: Wie sich Obama unmittelbar nach der Wahl mit der Bekämpfung der Wirtschaftskrise befassen wird, wie er dabei nicht einmal seine Amtseinführung am 20. Januar 2009 abwarten wird. Oder, um ein unglückliches Zitat seines Vizekandidat Joe Biden zu zitieren: wie sich Obama binnen eines halben Jahres nach seiner Wahl in einer internationalen Krise bewähren wird - "wie weiland John F. Kennedy".
Die Demokraten sind auch deshalb so euphorisch, weil ihnen die Umfragen neben Obamas Triumph auch spektakuläre Zugewinne im Kongress vorhersagen. Im Abgeordnetenhaus sieht es derzeit aus, als würden sie ihre Mehrheit um 25 bis 30 Sitze ausbauen. Im Senat könnten sie bald 60 der 100 Sitze haben - was den Republikanern nicht einmal mehr erlauben würde, Gesetze durch Endlosdebatten zu verhindern, das sogenannte Filibustern. Gar nicht zu reden davon, was das für die anstehende Ernennung neuer Oberster Richter am Supreme Court bedeuten würde.
| Linksruck im Kongress: Demokraten in Prognosen weit vorn | |||
| Zahl der Sitze, die wahrscheinlich an die Demokraten gehen | noch zu unsicher für eine Prognose | Zahl der Sitze, die wahrscheinlich an die Republikaner gehen | |
| Abgeordnetenhaus | 245 | 24 | 166 |
| Senat | 57* | 4 | 39 |
| *darin enthalten: 2 parteiunabhängige Senatoren, die in der Regel mit den Demokraten stimmen. Quelle: www.pollster.com | |||
"Washington wird eine linke Regierung haben, wie sie die Geschichte noch nicht gesehen hat",warnte das rechte Magazin "Weekly Standard". Konservative sprechen schon von einer "O.P.R.-Regierung" - mit Obama als Präsident, Nancy Pelosi als Sprecherin des Abgeordnetenhauses und Harry Reid als Mehrheitsführer im Senat. Für Republikaner ist dieses Szenario eine Alarmparole im Wahlkampf.
Was, wenn er wie Carter wird?
Weder Demokraten noch Republikaner haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Mehrheit gehabt, wie Obama sie nun erreichen könnte. Das macht nicht wenige Wähler nervös, und selbst Demokraten warnen schon vor potentiellen Gefahren, wenn das politische System der USA von ihrer Partei überwältigend dominiert würde.
Wenn man über diese Risiken nachdenkt, kommt man als erstes auf eine mögliche Wiederholung der Fehler, die Jimmy Carter sich geleistet hat. Wie Obama erschien er plötzlich vom linken Flügel im Spiel. Niemand hätte gedacht, dass dieser unerfahrene Gouverneur aus dem Süden, dieser Erdnussfarmer aus Georgia alle anderen Demokraten aus dem Feld schlagen und schließlich sogar den amtierenden Präsidenten Gerald Ford besiegen würde. Aber weil ihnen das Unglaubliche gelang, führten sich Carter und seine Entourage ziemlich überheblich auf. Weil sie ein politisches Wunder geschafft hatten, dachten sie wohl sogar, sie könnten über Wasser wandeln. Damit kamen sie im Kongress, im politischen Establishment gar nicht gut an.
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