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23.10.2008
 

Finale Strategie gegen Obama

McCain predigt Freiheit statt Sozialismus

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Weniger Steuern, weniger Staat: John McCain hat im Finale des US-Wahlkampfs doch noch eine Kernbotschaft gefunden. Er diffamiert Barack Obama als volksfernen Sozialisten und preist sich selbst als Marktliberalen - entgegen aller Trends.

John McCain kommt zu Wahlkampfveranstaltungen nicht mehr allein, auch in New Hampshire nicht. Er klettert auf die Bühne - und schon nach ein paar Sätzen taucht Joe neben ihm auf: Joe der Klempner, der berühmteste Handwerker der USA. Der Mann, der mit bürgerlichem Namen Samuel Worzelbacher heißt, hatte Barack Obama bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio zur Rede gestellt: Ob Obamas Pläne bedeuteten, dass seine, Joes, Steuern erhöht würden, wenn er ein Geschäft mit mehr als 250.000 Dollar Umsatz kaufe?

McCain in New Hampshire: Wahlkampf mit einem Klempner an seiner Seite
REUTERS

McCain in New Hampshire: Wahlkampf mit einem Klempner an seiner Seite

Der demokratische Kandidat antwortete, es schade nicht, den Reichtum etwas umzuverteilen. Es war eine Steilvorlage für McCain. Im letzten TV-Duell der Präsidentschaftsbewerber erwähnte er Joe prompt 15 Mal.

Seither steht der Klempner ständig an seiner Seite - nicht leibhaftig, aber rhetorisch. "Joe wollte nicht berühmt werden, er hat nur über die Obama-Steuererhöhung nachgedacht", ruft der Republikaner am Mittwoch dem Publikum in New Hampshire zu. "Dank ihm haben wir endlich herausgefunden, was wirklich dessen Wirtschaftsplan ist: Obama will den Wohlstand umverteilen."

An dieser Stelle seiner Rede buhen McCains Zuhörer regelmäßig oder rufen: "Sozialist". McCain braucht Joe - jede Erwähnung des Namens ist ein Höhepunkt seiner derzeitigen Wahlkampf-Auftritte.

Joe der Klempner - oder Joe der Hedge-Fonds-Manager?

Die Beschwörung der Person Joe wirkt so eindrücklich, dass nun auch Obama oft über Joe redet. "Jetzt tut mein Rivale so, als ob er für Klempner kämpfe", sagte er unlängst und schüttelte demonstrativ den Kopf. Dann sprach Obama davon, wie seine Steuerpolitik den Krankenschwestern, den Feuerwehrleuten und, ja, auch den Klempnern helfen würde. Der Demokrat betonte: "Mein Rivale kämpft nicht für Joe den Klempner. Er kämpft für Joe den Hedge-Fonds-Manager."

Doch die Sätze klingen einstudiert, abstrakt - und können das Wahlkampf-Phänomen Joe nicht schmälern. Erst kürzlich hat McCains Team einen TV-Spot geschaltet, in dem Besitzer kleiner Geschäfte in die Kamera sprechen: "Ich bin Joe der Klempner. Ich soll härter arbeiten, nur um mehr Steuern zu zahlen."

Es ist bislang der wirkungsvollste Schachzug McCains, der seinen Endspurt auf ein republikanisches Kern-Mantra ausrichtet: Weniger Steuern, weniger Staat. Eine Art amerikanische Version von "Freiheit statt Sozialismus", aufgehängt an Joes banger Frage an Obama: Muss ich mehr Steuern zahlen?

Worte, die direkt auf den Bauch zielen, nicht den Kopf. "Niemand mag Steuern", gab Obama im Gespräch mit Joe zu. "In puncto Emotionen sind republikanische Wahlkämpfer den Demokraten immer überlegen", sagt Drew Westen von der Emory University. Sie haben es geschafft, das Steuerzahlen zu stigmatisieren - und präsentieren sich so geschickt als Anwälte des kleinen Mannes. Ungeachtet der rasant gestiegenen sozialen Ungleichheit unter der Bush-Regierung. Ungeachtet McCains Vorschlag, Bushs massive Steuersenkungen für Reiche auszubauen - die er einst nicht "guten Gewissens" unterstützen mochte.

Joes Hilfe kommt zu spät für McCain

Die Strategie ist nicht neu. Thomas Frank hat in seinem Buch "What's the matter with Kansas?" untersucht, wie Republikaner in ärmeren Regionen wie Kansas US-Wähler zur Stimmabgabe gegen ihre wirtschaftlichen Interessen bewegen. Durch Fixierung auf kontroverse Themen wie Abtreibung oder Schwulen-Ehe - aber auch durch Appelle an den uramerikanischen Optimismus.

Denn viele Amerikaner tolerieren niedrige Steuern für die Reichen, weil sie selbst hoffen, einmal reich zu werden. Frank zitiert im "Wall Street Journal" Ronald Reagans Meinungsforscher Richard Wirthlin, der in einer Notiz festhielt: "Leute agieren auf der Basis ihrer Wahrnehmung der Realität."

Also passt auch McCains Team derzeit die Realität ihren Wahlslogans an. Als herauskam, dass Joes avisiertes Geschäft wohl kaum je mehr als eine Viertelmillion Dollar erwirtschaften wird, wurde in den Reden des Kandidaten blitzschnell "Joes Traum" daraus. Und wer will sich schon mit dem amerikanischen Traum anlegen?

So verpufften auch die Konter der Demokraten. Gut, Joe heißt eigentlich anders, hat selbst Steuerschulden und ist kein zugelassener Klempner. Doch wen stört das? Je bodenständiger Joe wirkt, desto wirkungsvoller ist McCains Vorwurf, der Rhetoriker Obama sei durch eine einfache Frage entlarvt worden.

Damit hat McCain ein Bild gefunden, das ähnlich effektiv sein könnte wie einst die imaginären "welfare moms", die Ronald Reagan im Kampf gegen einen exzessiven Sozialstaat bemühte: Sozialhilfe-Abzockerinnen, die im dicken Cadillac herumkurvten. McCains Bild ist sogar besser: Denn Joe ist anders als Reagans imaginäre "welfare moms" eine reale Person - und er steht für eine positive Vision.

Doch Joes Hilfe kommt wohl zu spät für McCain. Zwar glauben Umfragen zufolge angesichts der Klempner-Rhetorik mittlerweile 40 Prozent der Amerikaner, Obama wolle die Steuern für die Mittelklasse erhöhen (was die Fakten nicht belegen). Doch die Umfragen sehen McCain gleichzeitig mit bis zu 14 Prozentpunkten im Rückstand. Zudem fruchten seine "Sozialismus"-Vorwürfe kaum, wenn gleichzeitig die republikanische US-Regierung Banken teilverstaatlicht. "McCain müsste eher eine starke Initiative zeigen, wie er die Wirtschaft wieder ankurbeln will", sagt David Gergen von der Harvard Universität.

Außerdem: In den letzten beiden Bush-Wahlkämpfen brauchten die Republikaner keinen Klempner. Sie karikierten Al Gore direkt als Besserwisser und John Kerry als Zauderer. Obama hingegen hat alle Versuche des McCain-Lagers, ihn zu einer Karikatur zu verbrämen, smart weggelächelt. McCain versuchte, ihn wegen seiner Kontakte zum Ex-Terroristen Bill Ayers als radikal abzustempeln. Doch wenige Amerikaner interessieren sich für einen "abgehalfterten Terroristen", wie McCain selbst Ayers bezeichnet. Außerdem sind die Bande zwischen den beiden tatsächlich dünn: Obama saß mit Ayers im Vorstand einer Stiftung, der auch Republikaner angehörten.

Wenn McCain seinen Kontrahenten wirkungsvoll attackieren wollte, müsste er noch eine andere Person als Joe den Klempner auf seine Bühne holen: Obamas radikalen Ex-Pastor Jeremiah Wright. Von dem Geistlichen kursieren einprägsame Videoaufnahmen ("Gott verdamme Amerika"). Wright taufte Obamas Kinder und schloss seine Ehe. Fragen bleiben: Hat Obama wirklich nie eine radikale Wright-Predigt gehört? Warum hat er sich dann schon vor seiner Präsidentschaftskandidatur diskret von Wright distanziert?

Der schwarze Pastor könnte in den letzten Tagen des Wahlkampfes noch zu der negativen Person werden - ähnlich wie 1988, als das Bush-Team die Schandtaten des dunkelhäutigen Mörders Willie Horton als Ergebnis der liberalen Justizpolitik des Demokraten Michael Dukakis beschwor. Über Wright, hoffen manche Republikaner, ließe sich Obama doch noch als zorniger schwarzer Mann zeichnen.

McCains Lager hat angedeutet, es wolle den Prediger nun aus der Versenkung des Wahlkampfgetümmels holen. Doch bislang hat sich der republikanische Kandidat geweigert, seinen Beratern nachzugeben. Vielleicht erinnert er sich an die Bush-Schmierattacken im republikanischen Vorwahlkampf 2000 gegen ihn selbst. Vielleicht will er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, mit einer persönlichen Attacke rassistische Vorurteile zu bedienen. Fest steht: Ob McCain diese Grenze überschreitet, könnte den Endspurt dieses Wahlkampfes entscheiden - und auch die Frage, in welcher Erinnerung der Republikaner bleiben will.

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