Aus Sarasota, Florida, berichtet Marc Pitzke
Als Obama am Donnerstag für zwei Tage das Wahlkampffeld räumt, um ans Krankenbett seiner Großmutter zu fliegen, wittert McCain seine Chance. Schnell begibt er sich auf eine Bustour quer durch Florida, den Staat, den er als Muss am 4. November bezeichnet. Die "Joe-der-Klempner-Tour" beginnt in Ormond Beach an der Ostküste - und endet eben hier, in der wankenden Hochburg an der Westküste Floridas.
Während Obama noch Anfang der Woche im sowieso demokratisch geneigten Südflorida nach Stimmen fischte, konzentriert sich McCain nun auf den "I-4-Korridor" - jene Vorstadttrasse, die dank ihrer Wechselwähler bei Politikern besonders umworben ist. Hier muss McCain punkten, will er den Staat gewinnen. Hier sucht er nach seinen "Joes".
In Ormond Beach findet er "Tom, den Holzhändler", in Altamonte Springs "David, den Zahnarzt", in Daytona Beach "Richard, den Floristen", in Cape Coral "Bob, den Bootsbauer". Am Ende ist es ein kleines Heer von Toms, Davids, Richards und Bobs, die sich dem Tross anschließen, um in Sarasota auf der Tribüne hinterm Rednerpult winken zu dürfen.
McCains Vorredner hier ist Gouverneur Charlie Crist. Der hat sich vorhalten lassen müssen, er tue zu wenig für McCain, womöglich um im Fall einer Niederlage seine eigene Haut zu retten. "Uns bleiben zwölf Tage", ruft Crist jetzt artig. "Ihr wisst also, was Ihr zu tun habt: Wählt John McCain und Sarah McCain - äh - Palin!"
Mit ungekannter Energie
McCain liest seine übliche Rede Wort für Wort vom Teleprompter ab, wirkt dabei jedoch erfrischend energischer als in den letzten Wochen. Die Rolle des Underdogs lag ihm immer schon. Er verspricht sich weniger, provoziert eine Orgie aus Buhrufen gegen Obama - und schafft es, die Feindbilder des Publikums zu einem Wort zu verschmelzen: "Nancy-Pelosi-Harry-Reid-Barack-Obama."
Ob der telegene Aufstand der Joes reicht? "Wir müssen Boden wettmachen", sagt McCains Chefstratege Steve Schmidt, "aber wir glauben, dass wir das schaffen können." In einigen Umfragen konnte McCain in Florida zwar wieder etwas zu Obama aufschließen. Anderswo aber sieht es weniger gut aus: In den meisten entscheidenden Swing States genießt Obama längst einen soliden Vorsprung.
Und trotz der Joe-Tournee durch Florida reißen die Hiobsbotschaften nicht ab. Immer mehr Republikaner setzen sich ab und kündigen an, für Obama zu stimmen - zuletzt jetzt Bushs Ex-Sprecher Scott McClellan. Auch legt Obama bei Wählergruppen zu, die 2004 noch klar auf Bushs Seite standen (verheiratete Frauen, Vorstädter, weiße Katholiken, weiße Männer). Und die "New York Times", die wohl einflussreichste Zeitung der Welt, spricht Obama offiziell ihre Wahlempfehlung aus.
"Es wird ein Kampf um jede letzte Stimme", prophezeit John Haynes. "Wir sind bereit." Da ist McCain schon längst wieder verschwunden und auf dem Weg ins einst sichere Colorado.
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