Aus Miami berichtet Helene Zuber
Miami - Seine Gäste begrüßt der Hausherr mit kräftigem Händedruck und einem sehr amerikanischen "Howdy". Die Guayabera, die leichte kubanische Hemdjacke, die der Staatsanwalt für den Empfang in seiner Villa in Coral Gables angelegt hat, ist aus edelstem Popeline mit eleganten Nadelstreifen in gelb und blau, erlesener Miami-Chic.
Gleich neben dem Swimmingpool haben die Gastgeber die Bar aufbauen lassen. Gereicht wird Mojito, das Nationalgetränk ihrer heimatlichen Zuckerinsel aus Rum, Limettensaft und Soda mit ein paar Blättern Minze, außerdem kalifornischer Wein oder Bier.
Die stark geschminkten Frauen in kurzen Seidenkleidern stöckeln auf High Heels herum. Ihre Begleiter unterhalten sich in der hohen Eingangshalle, deren Wände mit Gemälden kubanischer Künstler bedeckt sind, meist auf Spanisch. Sie warten auf den Ehrengast: Joe García, Sohn von Kubanern, der als Demokrat nach den Wahlen im November für den 25. Distrikt von Florida in das Washingtoner Repräsentantenhaus einziehen will. Sein republikanischer Konkurrent sitzt seit Jahren im Kongress und ist ein Neffe Fidel Castros.
Fidels Revolution vor bald 50 Jahren und die Errichtung einer kommunistischen Diktatur auf Kuba haben die meisten Gäste des reichen Staatsanwalts schon vor Jahrzehnten in die USA getrieben. Ihre Kinder sind im Exil geboren, wie beispielsweise der Kandidat Joe, getauft als José Antonio. Der Demokrat, im dunklen Anzug mit dichter grauer Lockenmähne und auffallender Designerbrille, packt seine Zuhörer sofort mit einer Provokation: "Kuba darf nicht unser einziges Thema sein."
Es gehe vielmehr darum, wirbt er in akzentfreiem Miami-Englisch, sich um gute Schulen, Gesundheitsvorsorge und Steuererleichterungen für Unternehmer hier in Florida zu kümmern. Denn "wir müssen akzeptieren, dass wir hier bleiben und dass unsere Zukunft in Florida liegt". In der Garderobe sind Spendenlisten ausgebreitet, die geladenen Cuban-Americans, Amerikaner kubanischer Herkunft, zeigen sich großzügig.
Eine kleine Revolution bahnt sich in diesen Tagen in Miami an. Jahrzehntelang war die Stadt, die nur 400 Kilometer Seeweg von Havanna trennen, und in deren Großraum bereits knapp eine Million Kubaner leben, bekannt als die Hochburg der extremen Castro-Feinde, derjenigen, die Kuba notfalls auch mit Waffengewalt zurückerobern wollten. Diese Exilanten ließen nichts unversucht, um bisher zehn US-Präsidenten gegen das Regime zu Hause aufzuhetzen. Doch alle Mühen waren vergebens. Sowohl die Invasion Kubas mit der Landung einer vom US-Geheimdienst CIA trainierten 1400 Mann starken Truppe in der Schweinebucht als auch Sabotageaktionen der militanten Castro-Gegner oder die staatlich unterstützten Mordanschläge auf den Máximo Líder – alles war gescheitert.
"In absurder Weise auf Fidels plötzlichen Tod vorbereitet"
Besonders die mächtige Exil-Kubaner-Lobby, die sich unter dem rührigen Vorsitzenden Jorge Mas Canosa ab 1981 in der Cuban American National Foundation (Canf) organisierte, wollte Speerspitze der Reconquista sein. Die Cuban-Americans, die in Florida jetzt 32 Prozent der Einwanderer stellen, wurden schnell zu wichtigen Mehrheitsbeschaffern für die Republikaner, die sie nach deren Wahlsiegen zu immer weiteren Verschärfungen des Handelsembargos gegen das Castro-Regime anstachelten.
Schon am Tag nach Fidel Castros Tod, so träumten die Miami-Kubaner, würden sie die Macht in Havanna übernehmen und ihren Landsleuten Wahlen, Parteien und Demokratie bescheren. "Wir hatten uns alle in absurder Weise auf einen plötzlichen Tod Fidels vorbereitet", sagt einer der wichtigsten Exilaktivisten, Carlos Alberto Montaner, 65, Chef der Liberalen Kubanischen Union.
Doch nun ist alles ganz anders gekommen. Kurz vor dem 50. Jahrestag der kubanischen Revolution und angesichts der Krankheit des Despoten steht Miami im Zeichen der Versöhnung. Der Ruf nach Rache verhallt, Einpeitscher Mas Canosa ist seit über zehn Jahren tot, seine Nachfolger verkünden, die Veränderung auf Kuba müsse von innen kommen. Ein Demokrat im Weißen Haus scheint da eher geeignet, den Wandel einzuleiten.
Die "politics of passion", die vom Hass auf das Regime in Havanna getriebene Politik, müsse Platz machen für die"politics of affection", besorgte Anteilnahme an Kubas Entwicklung. Um das durchzusetzen, hat ein ehemaliger Hardliner, der Selfmademan Carlos Saladrigas, 60, das Kunststück vollbracht, 20 Organisationen und Parteien des Exils – von den Konservativen der Canf über Montaners Liberale bis zu den Linken – unter dem Schirm des "Consenso Cubano" (Kubanischer Konsens) auf ein 18-Punkte-Basisprogramm zu vereinen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH