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US-Wahlkampf Wie Obama von Fidel Castro profitiert

2. Teil: Jahrelang spielten Castros Gegner dem Despoten in die Hände

Die Wende kam für Saladrigas wie für viele andere Exil-Kubaner mit der Fehde um das Schicksal des kleinen Elián González. Im November 1999 war dessen Mutter bei der Flucht über die Meerenge von Florida ertrunken. Eliáns Verwandte wollten den überlebenden Sechsjährigen in Miami behalten. Doch Castro ließ den daheimgebliebenen Vater öffentlichkeitswirksam um die Rückkehr des Sohnes kämpfen. Die Schlacht um Elián nutzte der Revolutionsführer für eine internationale Publicity-Kampagne aus.

Die Exil-Kubaner zeigten dagegen ihr hässlichstes Gesicht: Wochenlang belagerten sie Eliáns Haus. Auf Befehl von Bill Clintons Justizministerin holten schließlich bewaffnete Polizisten den Jungen ab; und die Mehrheit der Amerikaner gab Clinton – und damit auch Castro – recht. Der Unternehmer Saladrigas, Mitbegründer der größten rein hispanischen Firma in den USA, beobachtete während des Gezerres mit wachsendem Entsetzen, wie die eifernde Exilgemeinde ihr Image zerstörte: "Wir mussten einsehen, dass es nichts brachte, jedes Mal die Keule zu schwingen, wenn Fidel einen Ball warf."

Mit einer Gruppe von Geschäftsleuten organisierte Saladrigas die "Cuba Study Group". Und ließ untersuchen, warum Castros Regime sich trotz miserabler Lebensbedingungen auf der Insel noch halten konnte. Die Castro-Gegner aus Miami mussten feststellen, dass sie selbst Castro in die Hände gespielt hatten. Je hitziger sie im US-Exil gegen ihn wüteten, desto besser gelang es ihm, sie als "gusanos", Würmer, zu brandmarken und ihre Rückkehr als Bedrohung hinzustellen.

Im Little Havanna der Nostalgie

Die Calle Ocho, die Hauptachse von Little Havanna, Schauplatz so vieler Protestmärsche gegen das Regime, ist inzwischen still geworden. Längst wohnen hier nicht mehr hauptsächlich Kubaner, da die meisten in den Jahrzehnten des Wartens zu Wohlstand und schönen Villen im Grünen gekommen sind. Zentralamerikaner, Rentner und vereinzelte Touristen schlendern zwischen den niedrigen Häusern unter rot blühenden Flammenbäumen, trinken an einem der Stände einen kleinen schwarzen kubanischen Kaffee oder spielen Domino im Máximo-Gómez-Park. Ein paar Blocks entfernt lockt die Kaufhalle "Sentir Cubano". Hier können Kubaner traditionelle Havanna-Spezialitäten erhalten – vom süßen Softdrink, der längst nur noch in Florida hergestellt wird, über Zigarren, Kaffeebohnen, bis zu Guayaberas für die ganze Familie, und alles notfalls auch im Internet bestellbar.

Eigentümerin María Vázquez, 58, die schon 48 Jahre in Miami lebt, konserviert in ihrem Laden den Lebensstil der fünfziger Jahre: "Das alles hier ist eine Erinnerung an die Welt unserer Eltern." Verkaufsschlager neben alten Schildern und Fotografien ist das Telefonbuch von Havanna aus dem Jahr 1958. "Wir wollen zurück nach Kuba", sagt Vázquez, "aber nur nach freien Wahlen" und wenn es sich lohnt, dort in ein Geschäft zu investieren.

Wohl nur noch in diesem Little Havanna der Nostalgie hören die Flüchtlinge Radio Mambí, auf dessen Welle in die Jahre gekommene Kommentatoren noch jeden Tag von Neuem versuchen, den Hass auf Castro frisch anzuheizen. Ihr Held ist der republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus Lincoln Diaz-Balart, 54, der diesen Sitz vor 15 Jahren zum ersten Mal erobert hat.

Diaz-Balart ist ein Neffe von Fidel Castros erster Frau Mirta und stolz darauf, 2004 seinen Präsidenten George W. Bush zu einer Einschränkung der Reisemöglichkeiten und Geldzuwendungen nach Kuba gedrängt zu haben: Nur noch Verwandte ersten Grades dürfen seither alle drei Jahre auf der Insel besucht werden, höchstens 300 Dollar im Quartal kann man ihnen noch zukommen lassen. Das schmerzt: Jährlich zwei Milliarden Dollar hatten die "remesas", die Geldsendungen nach Kuba, Castros Untertanen bis dahin eingebracht.

Revolution der Gesinnung eingefleischter Castro-Gegner

Auf den Tod seines Onkels wartet Diaz-Balart schon seit Jahren und John McCain, dem Präsidentschaftskandidaten seiner Partei, hat er geraten, das Embargo als Druckmittel beizubehalten: "Ich selbst habe drei Bedingungen für dessen Aufhebung hineingeschrieben", rühmt sich der noch in Havanna geborene Jurist. Nur wenn alle politischen Gefangenen freigelassen, alle Parteien und Gewerkschaften erlaubt werden, die Presse frei berichten darf und Wahlen angesetzt sind, sollen die USA den Waren- und Personenaustausch mit der benachbarten Zuckerinsel wieder aufnehmen dürfen. Mit "mediokren Gangstern" wie Raúl Castro, Fidels Amtsnachfolger und jüngerer Bruder, zu verhandeln, wie das die EU-Regierungen beschlossen haben, sei ein großer Irrtum. Die USA sollten den totalen Zusammenbruch des Regimes abwarten.

Doch der kommende Mann der kubanischen Exilgemeinde in Miami sieht das ganz anders. Die Ultrarechten hätten das Embargo zu einer Religion erhoben und verlangten vom kubanischen Regime "gewissermaßen den Selbstmord", schimpft Joe García, 44. Es sei "unverantwortlich und unrealistisch", hier im Wohlstand abzuwarten, bis sich nach dem Big Bang ein demokratischer Staat aus der Asche erhoben habe.

Aufgewachsen ist der Demokrat García in Little Havanna, wo sein Vater anfangs Autos wusch und die Mutter kellnerte. Mas Canosa holte den Jurastudenten 1988 für ein Projekt zur Ansiedlung kubanischer Flüchtlinge in seine Canf. Mit ihm arbeitete er bis kurz vor dessen Tod. Nicht zuletzt García ist der Meinungsumschwung zu verdanken, den sogar eingefleischte Castro-Gegner in jüngster Zeit vollzogen haben. Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Barack Obama, versprach bei einem Abendessen der Canf im Mai, Reisen auf die Insel künftig wieder uneingeschränkt zu erlauben, und schloss einen Dialog mit dem Regime nicht aus.

Der schwarze Superstar wurde auch im Canf-Milieu gefeiert, obwohl die meisten Mitglieder weiß sind und sich bis dahin, wenn überhaupt zu einem Demokraten, dann zu seiner Rivalin Hillary Clinton bekannt hatten.

45.000 Kubaner in einem Jahr

In den vergangenen 13 Jahren, seit die Clinton-Regierung sich bereit erklärt hat, jährlich 20.000 Einwanderungsvisa für Kubaner auszustellen und allen Flüchtlingen Papiere zu geben, die "trockenen Fußes" in die USA gelangen, sind nach Angaben der amerikanischen Küstenwache 450.000 Kubaner in Florida angekommen. In diesem Jahr werden es, so schätzt die Behörde, weitere 45.000 sein. Diese Newcomer aber sind nicht bereit, die Verbindungen nach Kuba abreißen zu lassen. An ihrem unter Mühen erkämpften Wohlstand wollen sie die Verwandten auf der Insel beteiligen und die zurückgelassene Familie besuchen können. Die Reise-Erschwernisse der Bush-Regierung werden deshalb inzwischen von der Mehrheit der Exilanten abgelehnt.

Einen riesigen politischen Fehler hätten die Republikaner da begangen, für den sie bei den Wahlen büßen werden, meint auch der Konsens-Mann Carlos Saladrigas. Die pragmatische neue Bescheidenheit des Exils gewinnt allmählich auch in der Politik die Oberhand, längst ist der Demokrat Joe García nicht mehr die große Ausnahme. Francisco Hernández, der Präsident der Canf, glaubt, die US-Regierung dürfe der Familienzusammenführung keine Schranken setzen.

"Die Exilgemeinde hat sowohl die Mittel als auch den Willen, den Brüdern auf der Insel zu helfen", sagt der zähe kleine Mann. Aber die Protagonisten des Wandels müssten die Kubaner dort selbst sein. Hier in den USA solle man "lieber die Hand ausstrecken, statt mit harter Hand eingreifen" zu wollen.

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