• Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.10.2008
 

US-Wahlkampf-Blog

Wie Obama Hunderttausende zu Wahlkämpfern macht

Politikverdrossenheit und Wahlverweigerung? Nicht in Amerika, wo die Jugend gerade die Politik neu entdeckt. Und das ist, meint SPIEGEL-ONLINE-Blogger Peter Ross Range, vor allem ein Verdienst Barack Obamas, der die Leute mit einer cleveren Taktik zum Mitmachen bewegt.

Meine Frau hat vor kurzem eine interessante E-Mail von BarackObama.com bekommen. Baracks Leute (und seine Computer) haben nämlich registriert, dass sie eine Wahlkampfspende von 20 Dollar überwiesen hat. Damit qualifizierte sie sich für die nächste Stufe des Engagements - und wird nun gefragt, ob sie nicht selbst Wahlkampf für Obama machen möchte.

Kandidat Obama: Höchstpersönlich am Telefon zur Wählerwerbung
REUTERS

Kandidat Obama: Höchstpersönlich am Telefon zur Wählerwerbung

Es ist ein cleveres System: Weil es zum einen mehr Leute erreicht als die seit Jahrzehnten bewährte Praxis, treue Parteigänger zusätzliche Helfer für den Wahlkampf von Haustür zu Haustür rekrutieren zu lassen. Oder die Leute bei einer Kundgebung auf lokaler Ebene zu überreden, in ihrer Nachbarschaft Flugblätter zu verteilen. Nein, heute benutzt man eben das Internet für eine Spendenkampagne, die sich wie ein Virus verbreitet - und den Wahlkämpfern Hunderttausende Adressen beschert, mit denen sie ihre "phone bank" füttern können, eine Art Wahl-Call-Center.

Europäer kennen dieses Wahlkampfinstrument vielleicht nicht so gut wie wir in Amerika: Bei uns sitzen tatsächlich Dutzende Freiwillige in speziell für diesen Zweck ausgerüsteten Telefonzentralen - und machen stundenlang nichts anderes, als möglichst viele Wähler anzurufen. Die Nummern haben sie in der Regel aus den offiziellen Wähler-Registrierungslisten. Obwohl manche Opfer diese Anrufe nervig finden - und prompt aufhängen -, lassen sich eben doch viele Leute in ihrer Entscheidung beeinflussen oder wenigstens dazu überreden, überhaupt zur Wahl zu gehen (was in den USA alles andere als selbstverständlich ist). Und gelegentlich kommt sogar der Kandidat höchstpersönlich vorbei und setzt sich ans Telefon.

Obama hat die Telefon-Kampagne perfektioniert

Obamas Wahlkampfteam bringt diese Technik nun auf ein höheres Niveau. Man analysiert die Lawine der neuen Kontakte und E-Mail-Adressen und überlegt sich genau, wer wo als Helfer nützlich sein kann. Nehmen wir unser Beispiel: Wir leben in Washington D.C., das für Obama sowieso eine Bank ist. Also wird meine Frau nicht gebeten, die Nachbarn anzurufen, sondern vielmehr Bürger im fernen Swing-State Pennsylvania. Eine zweite E-Mail liefert die konkreten Details: Sie möge sich vor allem an Frauen wenden; die Liste mit Namen und Telefonnummern finde in den angegebenen Links. Viel Glück und danke schön!

Heute Nacht hat meine Frau ihre ersten Anrufe gemacht. "Es waren in der Hauptsache Latinas", hat sie aus Namen und Akzent geschlossen. "Und sie waren größtenteils sowieso begeistert von Obama." Also formulierte sie ihre Botschaft so: "Dann vergesst um Himmels Willen nicht, wählen zu gehen!" (Latinos direkt anzusprechen ist, nebenbei gesagt, ein weiterer, kaum erwähnter Geniestreich der Obama-Wahlkämpfer.)

Tatsächlich hat meine Frau ihre Anrufe dann von Kalifornien aus erledigt, wo sie gerade unterwegs war. Weil sie dort drei Stunden hinter der Ostküsten-Zeit zurücklag, musste sie ihren Einsatz genau planen: Nachmittag in San Diego entsprach genau der Zeitspanne vor dem Abendessen in beispielsweise Allentown, Pennsylvania. Mit ihrem privaten Handy rief meine Frau also in ihrer Freizeit eine Wählerin am anderen Ende des Landes an. "Sie hat mir erzählt, dass sie sich Sorgen um ihren Sohn macht, der in den Irak geht", sagte sie.

Und dann sagte meine Frau noch den bemerkenswerten Satz: "Das macht süchtig. Ich möchte es wieder tun."

Es macht süchtig - und das ist eine interessante Beschreibung für das Lauffeuer, das Obama entfacht hat. Ich gebe zu, dass ich lange zum Lager der Skeptiker gehörte, als die Obama-Bewegung zunächst meine Favoritin Hillary Clinton besiegte. Dieser geballte Idealismus, die vage Programmatik, der jugendliche Überschwang - das erinnerte mich an die letzte geplatzte "Bewegung" der Demokraten: an den desaströsen Wahlkampf von George McGovern 1972. Er war eigentlich ein guter Typ, der aber mit seinem einen Linksaußen-Antikriegs-Kurs geradewegs ins politische Desaster steuerte. Er gewann gegen Richard Nixon gerade mal einen Bundesstaat - und verlor 49. Ich hatte Angst, Obama würde es nicht viel besser ergehen.

Aber da lag ich eben falsch.

Denn Obama hat die "Bewegung" in der Politik neu erfunden. Und einer der Gründe, warum das heutzutage funktioniert, besser jedenfalls als 1972, ist das Internet. Heute erreicht man alte wie junge Leute direkt - und kann sie sogar dazu bringen, aus einem Hotelzimmer in San Diego andere Wähler anzurufen. Meine Sorge, dass junge Leute in sieben Tagen möglicherweise nicht wählen gehen könnten, sind aus historischer Sicht gut begründet. Aber es sieht so aus, als läge ich auch in dieser Frage daneben.

Allerdings gibt es noch einen entscheidenden Punkt, der mich an der aktuellen Bewegung so beeindruckt. Zum ersten Mal seit den frühen Siebzigern scheinen sich junge Leute für etwas einsetzen zu wollen, das über ihre privaten Belange hinausgeht. Plötzlich ist es cool, Amerika zu verändern, ein Teil der Bewegung zu sein. Es fühlt sich an wie ein Revival von 1968.

Durch Obama ist Politik wieder cool geworden

Oder anders gesagt: Die jungen Leute erinnern mich an meine eigene Vergangenheit - und an meine Freunde aus den Sechzigern. Unsere Generation fühlte sich wie in einer heiligen Mission verpflichtet, die Welt zu retten - in der Bürgerrechtsbewegung, im Peace Corps, im Wahlkampf der beiden Kennedys, in der Antikriegs-Bewegung. Wahrscheinlich sind wir im gleichen Maß gescheitert, wie wir Erfolg hatten. Aber die Welt zu retten, war dennoch cool - und außerdem eine Superparty.

In den vergangenen Jahrzehnten suchten junge Amerikaner ihre Partys anderswo. Bei der ersten Generation nach den 68ern zählte nur das Ich. In der folgenden Generation X war dieses Ich sogar noch wie mit Steroiden aufgepumpt. Und danach ging es eigentlich nur noch um die Wall Street. Die jungen Leute faselten schon von Aktienpaketen, bevor sie auch nur eine einzige Aktie kaufen konnten.

Heute schaut die Jugend - aus vielerlei Gründen - wieder auf das Gemeinwesen, das Schicksal aller. Noch vor der Krise der Märkte hatte Obama diese neue Quelle eines jugendlichen Idealismus' entdeckt, und er musste sie nur noch anzapfen. Wie viele Erwachsene hatte ich dafür keine Antenne. Hillary auch nicht. Genauso wenig McCain.

Und es sind nicht nur die Jugendlichen, die mich an die Sechziger erinnern. Erst am Dienstag habe ich mich mit Richard Williams unterhalten, einem Weggefährten von damals, er ist ein pensionierter Schuldirektor aus Kentucky. Sein letzter politischer Einsatz datiert von 1968, als er - damals ein junger Student - sich für den Präsidentschaftswahlkampf von Robert F. Kennedy engagierte. Aber Kennedy wurde Opfer eines Attentats. Seitdem hat mein Bekannter keine Hand mehr für die Politik gerührt - und nun telefoniert er wie meine Frau durch die Gegend, um Leute in Swing States zu erreichen. Auch ihn hat diese Sucht erwischt.

"Ich habe mich nicht mehr so gefühlt, seitdem ich für Robert Kennedy gekämpft habe", sagte er. "Ich habe in den vergangenen Jahren nicht einmal gespendet, gar nichts habe ich getan. Jetzt arbeite ich diese Telefonlisten ab. Am liebsten würde ich mein Haar wieder wachsen lassen."

Kann sein, dass ich da zu viel hinein interpretiere. Aber vielleicht auch nicht.

Übersetzung: Florian Gathmann

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema US-Präsidentschaftswahl 2008

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP