Samstag, 21. November 2009

Politik



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31.10.2008
 

Wahlkampf-Strategie

Latinos sollen Obama zum Sieg im Westen tragen

Von Gregor Peter Schmitz, Las Vegas

Die Wahlkampf-Landkarte der USA hat sich radikal verändert. Demokrat Obama setzt auf Siege in einstigen republikanischen Hochburgen im Westen - und tatsächlich hat er allen Grund dazu: In Nevada, Colorado und New Mexiko könnten Latinos ihm die Präsidentschaft sichern.

Las Vegas - Die Sonne strahlt, und Las Vegas strahlt mit. Golden schimmert die Silhouette des "Trump International Hotel", im noblen "Wynn" funkelt ein paar Straßen weiter ein roter Ferrari, das stolze "Bellagio"-Hotel lässt seine Wasserfontäne zu den Klängen der US-Nationalhymne in die Luft sprudeln.

Obama in Las Vegas: Den Wähler-Jackpot in Nevada knacken
REUTERS

Obama in Las Vegas: Den Wähler-Jackpot in Nevada knacken

Doch in den Straßen rings um die "Bonanza High School" erstrahlt wenig. Hier sind die prunkvollen Casinotürme nur aus der Ferne zu bestaunen. Ganz nah in den Fenstern hängen Schilder wie das von Anwalt Frank Sorrentino: "Wir stoppen Zwangsversteigerungen", daneben "Se habla espanol", man spricht Spanisch.

Es ist der Hinterhof von Las Vegas, die Viertel, in denen viele Latinos leben, die jeden Tag im Bauch der Casinos verschwinden - als Kellner, Putzmänner, Wäscher, Zimmermädchen. Doch Barack Obama springt auf die Bühne an der "Bonanza High School" so strahlend, als beleuchteten Kronleuchter die Kulisse: "Ich bin so glücklich, hier zu sein", ruft er.

Obama weiß: Genau die Menschen in diesen Straßen könnten ihm den Sieg in Nevada bescheren - und ihm helfen, sich die Präsidentschaft zu sichern.

Die Zahl der registrierten hispanischen Wähler hat sich hier gegenüber der vergangenen Wahl verdoppelt, sie stellen nun jede zehnte Stimme. Latinos bilden den Schlüssel für die "Western Strategy", die Obama im Wahlkampf-Endspurt verfolgt. Zielgruppe: Nevada, Colorado und New Mexico - drei Bundesstaaten im Westen der USA, die Präsident George W. Bush vor vier Jahren knapp gewann, doch in denen der Demokrat in Umfragen nun blendend dasteht. Wer hier siegt, kann einen der großen Bundesstaaten im Wahlmännergremium wie Ohio oder Pennsylvania ausgleichen.

"Si, se puede!"

Also kämpft Obama in der Spielerstadt um sein Glück. Er spricht mit lauter Stimme, vom Wandel, von Hoffnung, von Amerikas Größe, dreißig Minuten lang, er sagt: "Si, se puede!" - sein "Yes, we can!" auf Spanisch. Die rund 18.000 Zuschauer klatschen begeistert.

Viele von ihnen sind in die Region eingewandert, weil sie boomte - Las Vegas ist eine der am schnellsten wachsenden Städte des Landes. Sie arbeiten in den Casinos, doch in denen funkelt nicht mehr alles. Die Zahl der Fluggäste ist im vorigen Jahr zweistellig gesunken, die Zwangsversteigerungen sind so hoch wie nirgendwo in der Nation. In den Straßen rund um die "Bonanza High School" stehen viele Häuser leer.

"Wir Latinos machen uns Sorgen um die Wirtschaft", sagt Johan de la Torre. Der 22-jährige Student hat für Obamas Auftritt ein himmelblaues Gewerkschafts-T-Shirt angezogen, er steht neben seinen Eltern. Die sind aus Mexiko gekommen, "und Obama steht für die Werte, die wir Latinos verstehen", meint de la Torre. "Harte Arbeit, Gewerkschaften, Teamgeist, Familie." Seine Eltern flüstern zustimmend, auf Spanisch.

Ihnen gibt Obama den Mittelklassekämpfer. Er fragt in die Runde, wer hier weniger als 250.000 Dollar verdiene - und so unter seinem Plan keinen Cent mehr Steuern bezahlen müsse, obwohl ihn Rivale John McCain als Steuererhöher brandmarke. Fast alle heben die Hand, manche wedeln ausgelassen mit beiden. Obama nickt zufrieden: "Wir brauchen eine Politik, die jeden Amerikaner aufsteigen lässt. Nicht nur die Besitzer der Casinos - sondern auch die, die darin arbeiten."

Wenig später ist seine Frau Michelle da, in einer ähnlichen Nachbarschaft. Es ist nach neun Uhr abends, das Sportfeld eines Gemeinschaftscenters funkelt hell erleuchtet, rund tausend Zuhörer tanzen zu Motown-Musik. Die mögliche "First Lady" tritt federnd auf die Bühne, sie trägt schlichte schwarze Hosen, sie spricht von ihrem Vater, der nie einen Arbeitstag verpasste, von ihren beiden Töchtern, an die sie morgens zuerst denke, von ihrem Mann Barack, den sie bewundere und liebe: "He gets it", ruft sie, er versteht das. Eine Gruppe Latina-Mädchen kreischt: "Si, se puede."

Lange bangten Obamas Berater, ob die Latinos ihn umarmen würden. Bei den demokratischen Vorwahlen hängte Hillary Clinton ihn unter hispanischen Wählern ab. Obama war vielen sozial konservativen Latinos zu liberal, weil er das Recht auf Abtreibung und Schwulenehe vehement befürwortet. Auch seine Hautfarbe bleibt vielen suspekt.

McCain kann nur noch auf jede vierte Latino-Stimme hoffen

Am Eingang der Bonanza High School steht Ixchel Cruz-Gonzalez und versucht, Freiwillige für den Wahltag zu rekrutieren. Die Studentin ist aus Los Angeles extra nach Vegas gekommen, ihre Eltern sind aus Lateinamerika eingewandert. Sie hat Asiaten auf ihrer Liste, viele Afro-Amerikaner. Nicht so viele Latinos. "Manche Latinos haben noch immer Vorurteile gegen Schwarze", sagt Cruz-Gonzalez. "Die Minderheiten haben so lange konkurriert, Rassismus lebt fort. In meiner Familie können sich viele nicht vorstellen, für einen Schwarzen zu stimmen."

Doch die miese Wirtschaftslage hat in den Umfragen diese Themen verdrängt - und Obamas Team nutzte die Gelegenheit entschlossen. Sie erinnerten sich an Präsident Bushs Wahlkampfstrategie: Der kam als Texaner gut mit Latinos aus, er schaltete Werbespots in Spanisch. Noch bei der letzten Wahl gewann Bush so fast die Hälfte der hispanischen Stimmen.

McCain kann in Umfragen derzeit nur noch auf jede vierte Stimme von ihnen hoffen - weil Obama in Werbespots die richtigen Themen für sie zu finden scheint. Etwa Bildung: Ein Obama-Streifen zeigt ihn in einem Klassenzimmer, er spricht in die Kamera, dort habe sein Aufstieg begonnen. "Mir ist Bildung ganz wichtig", sagt bei Obamas Vegas-Auftritt Dante Rocha, 18. Er ist im ersten College-Jahr in Las Vegas, seine Familie kam aus Mexiko. McCain schalte auch viele Spots, sagt Rocha, "doch über Bildung redet der selten." Johan de la Torre ergänzt: "Meinen Vater hat sehr beeindruckt, dass Obama am Vatertag schwarzen Vätern ins Gewissen redete, sich um ihre Kinder zu kümmern. Denn auch bei uns drücken sich viele vor der Verantwortung."

McCains Berater hatten lange auf die Latino-Stimmen gehofft - immerhin hat der Senator aus Arizona gegen seine Parteioberen für eine humanere Einwanderungspolitik gekämpft. Doch sein Vorstoß scheiterte, und im Wahlkampf fordert er nun sichere Grenzen, um den rechten Flügel seiner Partei nicht zu verschrecken. Wenn er im Westen des Landes vor Latinos auftritt, buhlt McCain selten offen um deren Stimme - er greift lieber Obama an. "Er ist noch nicht einmal in Lateinamerika gewesen", höhnt McCain. Sein Rivale stemme sich gegen Freihandelsabkommen dort. "Wer ist der wahre Barack Obama?", donnert der Republikaner.

Obama allerdings scheint eine Antwort gefunden zu haben, die bei den Latinos ankommt: "Wir werden nicht zulassen, dass Bush das Zepter an John McCain übergibt", ruft er zum Ende seines Auftritts in Vegas. Genüsslich zitiert er McCains Satz, er, Obama, werde das Bush-Vermächtnis fortsetzen - der Republikaner hingegen für Wandel sorgen. "Das ist "crazy", ruft Obama. "Loco", sagt er auf Spanisch.

Da jubeln die Menschen, in beiden Sprachen.

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