SPIEGEL ONLINE: Herr Semprún, in Ihren Büchern verweben Sie immer wieder Ihre eigene Geschichte mit fiktiven Handlungen. Was bedeutet Erinnerung für Sie?
Semprún: Wenn jemand sich nicht erinnert, weiß er nicht, wer er ist. Für mich ist die Erinnerung etwas ganz Fundamentales, aus persönlichen Gründen. Ich war während des spanischen Bürgerkriegs im französischen Exil, ich wurde ins Konzentrationslager verschleppt, ich lebte später in Spanien im Untergrund. Wenn ich schreibe und mir Figuren ausdenke, beschreibe ich sie in ihrer Beziehung zu der Zeit, zur Vergangenheit, zur Gegenwart, zur Zukunft. Man kann das Leben nicht in der Gegenwart und in der ersten Person erzählen: Am ersten Tag mache ich das, am zweiten dies, am dritten jenes. Das Leben ist viel komplizierter. Wenn du deine Erinnerung verlierst, verlierst du den roten Faden in deinem Leben.
SPIEGEL ONLINE: Sie kämpften ab 1953 gegen das Franco-Regime, sie koordinierten den Widerstand und waren der meistgesuchte Mann Spaniens. Welche Erinnerung hat Sie am meisten geprägt?
Semprún: Die Brüderlichkeit. Mit der Kommunistischen Partei hatte ich meine Probleme, die dazu führten, dass ich 1964 ausgeschlossen wurde. Meine damalige Kritik erhalte ich auch heute noch aufrecht. Aber unabhängig davon ist meine stärkste und positivste Erinnerung an diese Zeit die Brüderlichkeit, besonders in schwierigen Momenten, als Kameraden festgenommen wurden und als sie gefoltert wurden. Diese Solidarität von Menschen, die sehr viel gelitten haben, die im Bürgerkrieg gekämpft hatten, auch die neue Generation, die übernahm und den Kampf fortführte… diese Kameradschaft, das war mir sehr wichtig.
SPIEGEL ONLINE: Der spanische Diktator Franco ist seit über dreißig Jahren tot. Man hat den Eindruck, dass Francos Gewaltherrschaft und der vorangegangene Bürgerkrieg erst jetzt aufgearbeitet werden. Warum?
Semprún: Die Spanier haben sich schon vorher mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt, aber eher über Romane oder Historiker, die zum Bürgerkrieg geforscht haben. Aber es ist wahr, die Aufarbeitung des Bürgerkriegs ist heute viel massiver. Die Demokratie ist sehr gefestigt, wir können uns jetzt sozusagen den Luxus einer umfassenden und selbstkritischen Erinnerungsarbeit leisten. Die äußeren Umstände, die Generation und die gefestigte Demokratie erlauben uns, über diese Dinge zu sprechen und nachzudenken.

Doch die Republikaner wehrten sich und verteidigten die Regierung: Auf der Seite der "Roten" kämpften Kommunisten, Sozialisten, Liberale und antifaschistische "Internationale Brigaden". Sie wurden unterstützt von der Sowjetunion. Der Bürgerkrieg wurde auf beiden Seiten mit einem Höchstmaß an Einsatzbereitschaft, aber auch an Brutalität geführt.
Semprún: Franco kam durch einen dreijährigen Bürgerkrieg an die Macht, der hunderttausende Tote auf beiden Seiten gefordert hat. Er errichtete ein totalitäres Regime, das das Volk sehr, sehr lange und brutal unterdrückte. Dass das Regime durch einen Bürgerkrieg an die Macht gekommen ist, unterscheidet Spanien von anderen Ländern. In der Zeit des Übergangs zur Demokratie gab es den Wunsch nach Amnesie, der wurde mit dem Amnestiegesetz verankert. Das Volk wollte vergessen. Nun will das Volk sich erinnern.
SPIEGEL ONLINE: Der Richter Baltasar Garzón will Massengräber öffnen und die Identität der Opfer feststellen lassen. Er will die "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" des Franco-Regimes untersuchen. Wie bewerten Sie Garzóns Vorstoß?
Semprún: Unabhängig davon, wie man die Initiative von Richter Garzón juristisch bewertet, ist es offensichtlich, dass Spanien eine umfassende Erinnerungskultur braucht. Im Bürgerkrieg wurde die Demokratie zerstört. Heute gelten in der spanischen Gesellschaft die Werte der besiegten Republikaner, demokratische Werte. Trotzdem wird das historische Gedenken oft von den Werten der damaligen Sieger dominiert.
SPIEGEL ONLINE: Der Sieger des Bürgerkriegs war Franco, der von konservativen und faschistischen Gruppen und der katholischen Kirche unterstützt wurde. Zu den besiegten Republikanern gehörten Sozialisten und Kommunisten.
Semprún: Ja. Und von den Republikanern ermordete Priester werden heute selig gesprochen. Die Erinnerung an die getöteten Republikaner hingegen darf nicht wachgerüttelt werden. Dieses Ungleichgewicht kann die Initiative von Garzón überwinden.
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