Von Peter Ross Range
Ich stand im Lärm einer Bar in Boston, nicht weit vom großen demokratischen Wahlkonvent entfernt. Die Kneipe war voll mit Teilnehmern des Parteitags, die sich für die Partys nach dem Event schon mal auf die nötige Umdrehungszahl brachten. Plötzlich wurde es still im Raum, und alle Gesichter richteten sich auf den TV-Bildschirm. "Es gibt kein linkes Amerika und kein konservatives Amerika", sagte gerade eine starke und junge Stimme, "es gibt einfach die Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt auch kein schwarzes oder weißes Amerika und keines für Latinos und Asiaten. Aber es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika."
Die Partygänger jubelten, und ich hatte Tränen in den Augen.
Das war vor vier Jahren.
Es war der Veteran der Bürgerrechtsbewegung in mir, der diese Emotionen erlebte. Endlich ein junger schwarzer Politiker, der unserem Traum neues Leben einhauchen konnte. Der Erlöser, endlich.
Barack Obama, damals gerade 42 Jahre alt, war der Star dieses Parteitags. Mit seinem dramatischen Auftritt und seinem Potential stellte er sogar die eigentliche Hauptperson in den Schatten, den eben gekürten Präsidentschaftskandidaten John Kerry. Prompt meldeten sich die ersten, die "Obama for President" forderten. Richtig ernst nahm sie niemand.
Selbst als der junge Senator aus Illinois zwei Jahre später offiziell seine Bewerbung anmeldete, sah ihn kaum jemand als den künftigen Präsidentschaftskandidaten. Zu gering schien seine Erfahrung auf der nationalen Bühne - und außerdem hatte er die Clintons gegen sich, die wichtigsten und mächtigsten Figuren innerhalb der eigenen Partei.
Nicht schlecht als Probelauf für Obama, dachte ich damals. Aus dem Jungen wird noch mal was.
Um acht Jahre geirrt
Mein alter Freund und politischer Sparringspartner Andrew Young, Held der Bürgerrechtsbewegung und später der erste schwarze Uno-Botschafter der USA, war ähnlicher Meinung: "Ich will, dass Obama Präsident wird - 2016." Wie Andy stand ich auf der Seite von Hillary Clinton. Nicht zuletzt, weil ich meine Zweifel hatte, ob er mit seiner Erlöserpose mehr als nur die Jugend und die linke Elite der Partei für sich gewinnen konnte. Damit würde er wohl kaum gegen die Kandidaten-Zerstörer von der Republikanischen Partei ankommen - oder?
Jetzt sieht es genau danach aus.
Andrew Young und ich haben uns, wenn die Umfragen stimmen und alles kommt wie prognostiziert, geirrt. Und zwar um acht Jahre.
Wenn doch nur Youngs Boss in der Bürgerrechtsbewegung, der auch mich 1960 als junger Aktivist in North Carolina inspiriert hatte, diesen Triumph noch hätte erleben können - Martin Luther King.
Er träumte von einer "liebevollen Gemeinschaft", ein Konzept, das er bei dem Philosophen und Theologen Josiah Royce entdeckt hatte. King hatte sich auch bei Mahatma Gandhi viel abgeschaut und als globales Ziel das Streben nach einer Welt ausgerufen, in der alle am Wohlstand teilhaben. In der "Liebe und Vertrauen über Furcht und Hass triumphieren werden".
Es klang nach einer großen Utopie, doch King hat immer wieder betont, dass sie auch in einer Welt verwirklicht werden könnte, die von Konflikten bestimmt wird. Ich für meinen Teil hatte zwar lange gedacht, dass die Idee von der "liebevollen Gemeinschaft" tatsächlich irgendwann umgesetzt werden würde - und dann schließlich den Glauben doch verloren. Aber wenn ich heute sehe, welche Unterstützung Obama erfährt - allein 100.000 Menschen bei einer Kundgebung in Missouri -, dann keimt wieder Hoffnung auf, dass die Idee noch am Leben ist.
In Europa jedenfalls scheint man sich diesem lange unterdrückten Traum, dass sich die Löwen mit den Lämmern vertragen, wieder hinzugeben; dieser junge Amerikaner mit der weißen Mutter und dem kenianischen Vater.
Aber bleiben wir auf dem Teppich: Ein Präsident Obama würde ein Land übernehmen in einer Welt, die in Aufruhr ist. Er wird Kriege auch führen müssen und nicht nur beenden. Die Montur des Terrorismus-Bezwingers hält er schon bereit, er hat angekündigt, dass er die Schlacht im Nordwesten Pakistans schlagen will. (Ironie der Geschichte: Die Regierung Bush hat diesen Aspekt der Obama-Doktrin bereits übernommen und attackiert die Terroristen im Grenzgebiet, wo sich Pakistan selbst außerstande sieht einzugreifen.) Obama steht vor harten Entscheidungen; er wird sie treffen, und sie werden Menschenleben kosten.
Tränen in den Augen
Ich schreibe diese Zeilen im Caribou Café in Washington, wo alle anderen Gäste schwarz sind. Am Tisch neben mir sitzen drei Einwanderer, es ist eine fröhliche, angeregte Unterhaltung. Sie sprechen, soweit ich das erkennen kann, Amharisch, also die Sprache Äthiopiens (Washington ist die Stadt mit der zweitgrößten äthiopischen Bevölkerung nach Addis Abeba.) Gelegentlich kann ich das Wort "Obama" heraushören - auch sie sprechen am Vorabend der historischen Wahl also von Politik.
Die Szene macht mir noch einmal deutlich, wie sehr sich die USA schon verändert haben in Fragen der ethnischen Vielfalt und der Einwanderung. Natürlich haben wir noch immer Ghettos und Verbrechen und Rassentrennung - aber wir arbeiten ja daran. Und eine Wahl von Barack Obama wird uns ein großes Stück weiterbringen auf diesem Weg.
In wenigen Stunden wird Amerika vermutlich einen Schritt gehen, den ich in meinem Leben nicht mehr erwartet habe. Es wird, wenn Obama siegt, den Veteranen der Bürgerrechtsbewegung wie auch den Jungen, die King nie gesehen oder gehört haben, Hoffnung geben und einen Grund, selbst politisch aktiv zu werden.
So oder so - nicht wenige werden, wenn diese Wahl gelaufen ist, Tränen in den Augen haben.
Übersetzung: Olaf Kanter
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Hillary und viele andere haben auch Veraenderung gewollt und nicht geschafft, das den Waehlern beizubringen. Das ist es, was ich mit meinem Artikel andeuten wollte. Was ist besonderes an Obama, dass er Massen begeistern kann? [...] mehr...
Ich lebe seit 11 Jahren in den USA. In den letzten 2 Jahren bin ich Zeuge einer Bewegung geworden die nur als der Beginn einer neuen Aera beschrieben werden kann. Meine Enttaeuschung ueber den Mangel an Interesse am politischen [...] mehr...
Ich beurteile dies ausschliesslich danach wie die Amerikaner dies sehen. Zumindest versuche ich es. Aber mal davon abgesehen: Amerika hat nun mal den Sonderstatus in der Welt. Deswegen interessieren sich die Leute dafuer. [...] mehr...
Nun, ich habe andere Wahlen hier verfolgt. Ich muss sagen, dass ich dies bisher nicht gesehen habe, auch nicht wie der Rest der Welt reagiert und welche Anteilnahme hier herrscht. das was sie da sagen, kann auf viele Kandidaten [...] mehr...
Wow. Guter Einstieg ins Spiegel Forum. Gut weil intelligenzmaessig noch extrem ausbaufaehig. mehr...
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