Aus Chicago berichtet Marc Pitzke
Chicago - Amerika inszeniert historische Momente gerne mit optischem Bombast. Auch hier in Chicago: Der Grant Park im Schatten der Skyline ist zur riesigen Open-Air-Arena mutiert. Zwei Dutzend Sternenbanner flankieren eine Bühne, ein Laufsteg führt zum Rednerpult hinter Panzerglas. Auf einem Tribünengerüst haben die ersten von Hunderten Kamerateams Position bezogen. "Test, eins, zwei, drei", schallt es durch die Nacht. Generalprobe.
Kein Zweifel: Hier soll präsidiale Geschichte geschrieben werden. Hier soll Barack Obamas fast zweijährige Wahlkampf-Odyssee zu Ende gehen. Mit einer Siegesrede - oder auch, man weiß ja nie, mit dem Eingeständnis der Niederlage.
So oder so: Es wird die größte Party werden, die Chicago je erlebt hat. 70.000 Schaulustige werden allein auf der Hauptwiese erwartet. Weitere Zehntausende im Umfeld des Parks. Und rund eine Million in den Straßen der Innenstadt, die dafür abgesperrt werden.
McCain-Hemden sind Ladenhüter
Da kann selbst Celine Dion nicht mithalten. Der Megastar der Pop-Balladen sollte hier zeitgleich vor 20.000 Fans im United Center singen, einer großen Sporthalle. Nun sagte sie kurzfristig ab: "Rachenreizung", so die Begründung - etwa eine Ausrede? "Dion wirft gegen Obama das Handtuch", spottete der Lokalsender CBS2.
Diese Nacht darf nur einen Star haben. Chicago rüstet sich für die Heimkehr seines prominentesten, wenn auch nicht immer geliebtesten Sohnes - eine triumphale Heimkehr, so jedenfalls die Erwartung. Seit Tagen steht die Stadt Kopf, glühen die Blogs, gellen die Schlagzeilen. Am Vorabend des großen Tages ist die Spannung besonders zu spüren.
Gruppen von Jugendlichen ziehen schon jetzt über die Michigan Avenue, die Schlagader der Innenstadt, sie winken mit "Obama"-T-Shirts. "Unser Augenblick ist gekommen", jubelt Kevin Richards, ein Politikstudent am Columbia College.
Chicago zollt Obama stolz Respekt. In den Fenstern des Johnson-Verlags unweit des Grant Parks hängen acht monumental vergrößerte Cover der Magazine "Ebony" und "Jet" - alle geziert von Mr. und Mrs. Obama. Selbst die Auslage des Kramladens "Where The Buffalo Roam" ist mit Obama-Devotionalien dekoriert. Dazwischen ein einsames McCain- Hemd: "Ladenhüter", grinst der Verkäufer Jose.
500 Dollar für ein Ticket
Eine Vorahnung des Historischen liegt in der Luft. Der erste schwarze Präsident. Der erste Präsident aus Chicago. Vielleicht sogar der erste seit Jahrzehnten mit einer überwältigenden demokratischen Mehrheit im Kongress. Wundert es einen da, dass die Einlasskarten für den Wahl-Event altmodisch verschnörkelt bedruckt sind wie Einladungen zum Hofball? 65.000 dieser begehrten Tickets hat die Partei ausgegeben für die besten Stehplätze im Grant Park, der auf dem Trümmerschutt des großen Stadtfeuers von 1871 entstand und nach einem republikanischen Präsidenten benannt ist. Sie waren sofort vergriffen, trotz der drakonischen Verbote, die der Secret Service erlassen hat: kein Alkohol, keine Taschen, keine Klappstühle.
Der Internet-Schwarzmarkt strotzt vor wilden Offerten. Bei Ebay wurden Obama-Tickets am Montagabend für bis zu 500 Dollar gehandelt. Auf der Online-Börse Craigslist.com forderte ein Ehepaar sogar 1000 Dollar - man müsse ja "drei Kinder durchs College bringen". Einer namens "hot4obama" lockte dagegen mit Gratis-Begleitung. Einzige Bedingung: "Schicke mir mindestens drei sexy Fotos von dir."
"Dies ist ein Ereignis ohnegleichen", sagt Raymond Orozco, der Chef des hiesigen Katastrophenschutzes. Doch in die Euphorie mischt sich auch stille Furcht vor dem Schock - und den Folgen einer durchaus möglichen Niederlage.
Chicagos Polizei hat die höchste Alarmstufe ausgerufen. Spezialkommandos sind ebenso im Einsatz wie eine neue Anti-Gang-Sondereinheit namens Mobile Strike Force. Und von den Dächern der Gebäudeklötze am Rande des Parks spähen schon seit Tagen Vorhut-Beamte des Secret Service.
Eigentlich kann sich die Stadt Obama nicht leisten
Feuerwehrleute mussten ihre gesamte Ausrüstung mit nach Hause nehmen, sicher ist sicher: Maske, Helm, Stiefel, Handschuhe, Atemgerät. "Wir wollen keine Dummheiten", hat Polizeichef Jody Weis gewarnt, ein früherer FBI-Agent. "Wir brauchen keinen Unfug."
Schließlich sind Zusammenstöße zwischen Cops und Demonstranten in Chicago Tradition. Nicht nur nach ganz normalen Football- oder Baseballspielen - sondern gerade auch in der Politik: Vor 40 Jahren gerieten hier die Proteste gegen den Vietnamkrieg am Rande des demokratischen Wahlparteitags außer Kontrolle. Die Polizei schlug brutal zurück, Hunderte Demonstranten wurden verletzt.
1968 war der Moment der Schande, an den sich Chicago bis heute erinnert. Der Ort der schwersten Zusammenstöße war derselbe, an dem sie nun Obama feiern wollen - der Grant Park. Der damalige Bürgermeister Richard J. Daley war der Vater des heutigen, Richard M. Daley.
Der Demokrat ist ein beseelter Obama-Jünger und sieht dem Massenaufmarsch gelassen entgegen: "Warum soll ich die Leute nicht einladen?", sagte Daley, als Reporter ihn fragten, ob die seine Party-Werbung nicht zum Risiko für die Sicherheit der Stadt werde. "Dies ist ein Fest."
Doch auch die Kosten des Events - schätzungsweise zwei Millionen Dollar - haben Daley schon einige Kopfschmerzen bereitet. Denn für eine Stadt, die um fast eine halbe Milliarde Dollar in den Miesen steckt, ist das eigentlich untragbar. "Doch können Sie sich vorstellen, dass ich zu Senator Obama Nein sage?", lachte Daley. "So dumm bin ich nicht!"
Auf Daleys Wunsch wird deshalb nun Obamas Wahlkampforganisation alle Extrakosten selbst tragen, Geld haben sie ja genug. Also nicht nur die Aufbauten im Park (VIP-Zelte, Tribünen, Leinwände, Zäune, Panzersperren, 265 Klohäuschen). Sondern auch dessen tagelange Sperrung, die Blockade der Innenstadt, die Überstunden der Polizei und Feuerwehr, die Abschaltung von Gasleitungen aus Sicherheitsgründen, die nächtlichen Zusatzfahrten der Verkehrsgesellschaft CTA, "bis auch der letzte nach Hause gegangen ist".
Trauer über Tod der Großmutter
Für Obama selbst wird die Wahlnacht, wie er es selbst formulierte, auch bei einem Sieg einen "bittersüßen" Beigeschmack haben: Seine 86-jährige Großmutter Madelyn Dunham, die er im Oktober noch am Krankenlager in Hawaii besucht hatte, starb am Montag. Die Frau, die ihn großzog, würde seinen politischen Zenit nicht mehr erleben.
"Sie ist heimgekehrt", sagte Obama bei seinem abschließenden Wahlkampfauftritt in North Carolina, mit der brechenden Stimme eines Mannes, der fast am Ziel angelangt ist, nach einem unendlichen Marathon. Tränen rannen ihm über die Wangen, und für einen Augenblick verschmolz die Gewalt des politischen Moments mit dem Schmerz des privaten.
Zur gleichen Zeit schraubten die Handwerker im Grant Park die letzten Bühnenteile zusammen, schoben die letzten Panzerglasplatten in die Stahlrahmen am Rednerpult, verlegten die letzten Kabel über den weichen Grasboden. Ein Helfer zupfte fast zärtlich eines der Sternenbanner zurecht. Flutlicht tauchte die Szene in gespenstisches Licht. Das letzte Mal, dass es hier eine vergleichbare Mammutveranstaltung gab, war 1979 - eine Messe von Papst Johannes Paul II.
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