Aus Chicago berichtet Gregor Peter Schmitz
Chicago - Es war kurz nach elf Uhr Abends in Chicago, als Barack Obama seinen Triumph feierte. Der Jubel im Grant Park war längst ausgebrochen, frenetisch begrüßten ihn Hunderttausende - es war der Augenblick, auf den Millionen von Menschen in den ganzen USA gewartet hatten. Als Obama mit Ehefrau Michelle und den beiden Töchtern Sasha und Malia die Bühne betritt, gibt es kein Halten mehr. "Yes, wen can! Yes, we can!", skandieren die Menschen.
Obama beschwor die Bedeutung des Augenblicks. Er verglich die Größe der Stunde mit der Landung der US-Astronauten auf dem Mond. Mit dem Fall der Berliner Mauer. Obama zählte aber auch die gewaltigen Herausforderungen auf, die nun vor ihm liegen. "Die Straße vor uns wird lang sein. Der Hang wird steil sein. Wir werden nicht alles in einem Jahr oder in einer Amtszeit erreichen", sagt er. "Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben."
Die US-Zeitungen berichten, dass Obama wohl noch in dieser Woche erste zentrale Personalentscheidungen bekanntgeben wird - vor allem, wer sein Stabschef im Weißen Haus sein soll. Als ein Favorit gilt der Abgeordnete Rahm Emanuel, der schon unter Bill Clinton gedient hat. Der noch amtierende Präsident George W. Bush hat seinem Nachfolger eine reibungslose "Transition" versprochen, wie die mehrmonatige Amtsübergabe bis zur Amtseinführung im Januar genannt wird.
Noch sind es 76 Tage bis dahin (mehr Details zum Fahrplan ...). Doch schon beim geplanten Weltfinanzgipfel, auf dem noch Bush die USA vertritt, dürfte Obama schon ein Wörtchen mitreden. Sein Team plant eine eilige Machtübernahme - angesichts der immensen Probleme, die vor dem neuen Präsidenten liegen.
Der Mann, der Obamas Transition schon seit Monaten plant, klingt jedenfalls ziemlich nüchtern-realistisch. John Podesta, einst rechte Hand von Bill Clinton und nun Chef von Obamas Übergangsteam, war vor einigen Tagen zu Gast bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington. Es sollte um transatlantische Annäherung gehen, doch Polit-Profi Podesta kehrte in der Debatte immer wieder zu seinen Job als Chefkoordinator des Machtwechsels zurück. "Man fühlt sich wie ein Fluglotse", sagte Podesta und lächelte fast ein bisschen. "Mit einer Welt um einen herum, die völlig aus der Kontrolle geraten ist."
Der schlanke Marathonläufer Podesta hechelte wie im Sprint durch die wichtigsten Herausforderungen für den nächsten US-Präsidenten: Rekord-Jobverluste, ein Einkommensgefälle so ausgeprägt wie seit 1929 nicht mehr, eine Staatsverschuldung von fast zehn Billionen Dollar, weit mehr Amerikaner arm und ohne Krankenversicherung als vor acht Jahren bei Bushs Amtsantritt. "Eigentlich sollte ich nicht hier sein", lachte Podesta.
Ist das mächtigste Amt der Welt inzwischen ein Himmelfahrtskommando? Podesta hätte ja noch weitermachen können: Die USA führen nach wie vor Kriege in Irak und Afghanistan, der von Bush erklärte "Krieg gegen den Terror" ist längst nicht gewonnen. Das Land ist so unbeliebt in der Welt wie noch nie.
Die Tage zwischen der Wahl und der offiziellen Amtseinführung am 20. Januar dürften dem neuen Präsidenten diesmal noch weniger Raum zum Durchatmen lassen als gewöhnlich. Schon seit Wochen durchleuchtet das FBI potentielle Regierungskandidaten, die Bush-Regierung hat bereits mit den Teams möglicher Nachfolger Vorbereitungstreffen abgehalten, um sie auf den neuesten Stand zu bringen. Alles soll diesmal gleich übergabebereit sein.
Aber bereit wozu? Obamas Wahlprogramm, darin sind sich die meisten Experten einig, wird ihm kaum als Leitfaden dienen können. Zwar hat der Demokrat im Wahlkampf darauf beharrt, dieses sei trotz aller Krisen nach wie vor umzusetzen - etwa eine umfassende Reform der Krankenversicherung, die zumindest alle Kinder umfassen soll.
Welche Probleme muss Obama angehen? SPIEGEL ONLINE gibt den Überblick über die Agenda des Präsidenten:
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