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Ein Kommentar von Gabor Steingart, Washington
Es war die Nacht großer Gefühle. Amerika vibrierte vor demokratischer Leidenschaft. "Mein Präsident", nannte ihn selbst der unterlegene Kandidat der Konservativen, John McCain. Es war der starke Abgang eines schwachen Kandidaten.
Barack Obama wurde nicht wegen seines politischen Programms zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Hillary Clinton war präziser, John Edwards aggressiver, McCain erfahrener. Aber keiner von ihnen traf den Obama-Ton, den Ton dieser Zeit.
Der Obama-Ton schließt Menschen ein und grenzt sie nicht aus. Es ist ein Ton der politischen Romantik. Er löst kein Problem, aber er lindert die Schmerzen. Wo Bush Besorgnis auslöste, sorgt Obama für Beruhigung.
Der Ton ist nur die eine Hälfte des Erfolgs. Der Klangkörper entscheidet, ob er zur Geltung kommt. Im selbstzufriedenen, erfolgreichen Amerika in den neunziger Jahren wäre der Mann als zu weich, seine Überzeugungen als zu bescheiden, sein Ton als zu leise empfunden worden. Der Sieg über die Sowjetunion musste gefeiert werden. Amerika wollte laut sein.
2004 hätte er nicht einmal Außenseiterchancen gehabt
Noch im Jahr 2004 hätte einer wie Obama wahrscheinlich nicht einmal Außenseiterchancen gehabt. Amerika befand sich bereits im Krieg, war aber noch guter Hoffnung, ihn zu gewinnen. Die Wirtschaft brummte, da musste ein Präsidentschaftskandidat, der auf Ablösung drängte, schon ein bisschen forscher vorsprechen, als es John Kerry tat.
Obama brauchte das Wort nicht zu benutzen, sein Ton enthält es. Er will mitfühlen, zuhören, abwägen, das sind seine Versprechen. Mögen die anderen schneller und härter sein in ihren Entscheidungen, er wirkt nachdenklicher. Die anderen sagen "ich will", er sagt "wir werden".
Welch ein Kontrast zu seinen Vorgängern: Bill Clinton klang oft wie ein überdrehter Conférencier. George W. Bush hatte von Anfang an etwa metallisches in der Stimme. Den Ärger, den er bekam, hatte er gesucht. Zum Schluss seiner Amtszeit lieferte ein ergrauter Bush keinen Ton mehr, nur noch ein Geräusch.
Diese Wahl enthält auch eine Verpflichtungserklärung der Amerikaner an den Rest der Welt. Zweimal haben die Wähler, mit wachsender Mehrheit sogar, George W. Bush in das Weiße Haus gewählt. Gestern Nacht leiteten sie die Umkehr ein.
Obama ist Amerikas Angebot der Wiedergutmachung
Während in Deutschland nun der Tag beginnt, träumt Amerika einmal mehr den amerikanischen Traum. Es wird nach diesen unruhigen, traumlosen Jahren, in denen Terroranschläge, Frontberichte aus Bagdad und der Zusammenbruch der Wall Street ihnen den Schlaf und ihr Selbstbewusstsein raubten, ein tiefer und gefühlvoller Traum sein. Er handelt von einer Welt ohne Armut und Angst, von einem Leben voller Chancen und frei von George W. Bush.
Wenn die amerikanischen Wähler aufwachen, werden an ihrem Bett allerdings die alten Probleme stehen: Der nicht enden wollende Irak-Krieg, die sich ausweitende Finanzkrise, die parteipolitische und kulturelle Spaltung Amerikas. Bush zieht um, die von ihm verursachten Probleme sind hartleibiger.
Der neue Hausherr im Weißen Haus muss - bevor er die Welt verändert - sich selbst verändern. Er muss binnen weniger Monate vom Wahlkämpfer zum Regierungschef reifen. Der neue Ton ist sein großes Versprechen. Niemand weiß, ob er ihn dann halten kann.
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