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06.11.2008
 

Republikaner im Richtungsstreit

Bush-Debakel hinterlässt zerschmetterte Partei

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Was für eine Demütigung: John McCains Niederlage ist eine Ohrfeige für George W. Bush und ein immenses Problem für die Republikaner. Sie sind bei Jungwählern gescheitert und intern zerrissen wie seit Jahrzehnten nicht mehr - moderne Konservative und religiöse Rechte ringen um die Macht.

Washington - Einen starken US-Präsidenten könnte man in diesen Tagen gut gebrauchen. Einen, der die globale Finanzkrise bewältigt, der die zwei Kriege unter amerikanischer Führung in den Griff bekommt. Stattdessen haben die USA George W. Bush. Einen der unbeliebtesten Präsidenten aller Zeiten, einen der schwächsten.

Erschütterte Konservative bei McCain-Rede nach der Wahl: Die alte Reagan-Koalition ist zerbrochen
AFP

Erschütterte Konservative bei McCain-Rede nach der Wahl: Die alte Reagan-Koalition ist zerbrochen

Wie schwach, das war am Mittwoch bei seiner Gratulation für Obama im Rosengarten des Weißen Hauses zu beobachten. Der Präsident kam fast auf die Sekunde pünktlich, nach fünf Minuten war er schon wieder verschwunden. Beinahe wirkte Bush wie ein Phantom.

"Alle Amerikaner können stolz auf die Geschichte sein, die gestern geschrieben wurde", sagte Bush. "Es wird bewegend sein, Präsident Obama, seine Frau Michelle und ihre wundervollen Töchter durch die Tür des Weißen Hauses treten zu sehen." Bushs sagte alles, was er sagen musste, vielleicht sogar noch mehr in den Passagen über Obama. Er kennt die Spielregeln, der designierte Präsident ist der neue Präsident, allen Wahlkampfattacken zum Trotz. Ein CNN-Moderator lobt Bush umgehend: "Deswegen ist unser Land so großartig. Nicht einmal ein Hauch von Parteikämpfen."

Doch natürlich ist gar nichts großartig für den Noch-Präsidenten am Ende einer Amtszeit, die von Parteikämpfen geprägt war - daheim und in der Welt. Zwar bleibt Bush noch 75 Tage offiziell der mächtigste Mann der Welt, bis zum 20. Januar 2009. Zwar empfängt Bush am 15. November noch die Führer der Welt, um vielleicht den Grundstein für den Entwurf einer neuen Weltfinanzordnung zu legen.

Doch eigentlich ist es vorbei. Schon überschlagen sich die US-Medien mit Gerüchten, wer Obamas rechte Hand im Weißen Haus wird (Favorit: Rahm Emanuel, bestens vernetzter demokratischer Kongressabgeordneter).

Bushs Ende kam nicht mit einem sanften Wimmern, sondern mit einem Knall. Je mehr Bundesstaaten Obama gewann, desto schallender wurde die Ohrfeige für den noch amtierenden Präsidenten.

Die meisten US-Experten sind sich einig: John McCain hat Fehler gemacht, seine Kampagne verlief nervös und unstetig. Doch sein größtes Problem hieß Bush. In Umfragen erklärten 70 Prozent der US-Wähler, sie seien mit Bushs Arbeit nicht zufrieden. Die stimmten überwältigend für den Demokraten.

Republikaner-Strategen analysieren bereits, McCain habe sich zu spät vom Amtsinhaber distanziert - und den radikalen rechten Parteiflügel, der Bush zweimal ins Weiße Haus trug, mit der Auswahl der unerfahrenen, aber stramm konservativen Sarah Palin zu sehr hofiert. Über die Spannungen McCains mit seiner Vize während des Wahlkampfs kamen nun neue Details ans Licht.

"Diese Wahl ist ein Referendum gegen Bush gewesen", sagt Michael Reagan, Sohn der Republikaner-Ikone Ronald Reagan. Colin Powell, einst Bushs Außenminister, berichtet im Fernsehen, am Wahlabend geweint zu haben. Es ist nicht mehr ganz klar, ob der Afroamerikaner Powell so gerührt war über die Wahl Obamas - oder so froh über die Ablösung Bushs. Immerhin hat sich Powell kurz vor der Wahl offen für Obama ausgesprochen. Die Begründung klang wie eine vernichtende Abrechnung mit Bush.

Reagan und Powell stehen für zwei Flügel der Republikaner, die Bush vergrault hat: traditionell Konservative vergrätzte der Ex-Präsident mit seiner desaströsen Budgetpolitik, die die Staatsverschuldung um rund fünf Billionen Dollar ansteigen ließ. Außenpolitik-Konservative wie Powell stieß er mit den Manipulationen und Planungspannen im Vorfeld und während der Irak-Invasion ab.

Dabei vertraute Bushs Partei dem Präsidenten lange blind, wenn es um die Kunst des Wahlkampfs ging. So umstritten Bush schon früh als Staatsmann war, so legendär war noch 2004 sein Talent für den Wählerfang. Nach der Wiederwahl in jenem Jahr träumte Karl Rove, Stratege hinter diesen Wahlkämpfen, laut von einer neuen dauerhaften Mehrheit für die Republikaner - aus sozial Konservativen, Wirtschaftskonservativen, Verteidigungsexperten und Wählern voller Terrorangst.

Rove allerdings erklärte Obama zum Wahlsieger, noch bevor die Wahllokale schlossen. Seine Traumkoalition ist zerfasert, sie ist nicht mehr groß genug - und sie ist zu abschreckend. Selbst der rebellische McCain, der sich so oft mit der republikanischen Rechten anlegte, konnte die Unabhängigen nicht mehr überzeugen. Palin erscheint nun vielen als Vertreter des sozial konservativen Flügels, der vom Wähler abgestraft wurde. Einen "Tumor" in der Republikanischen Partei nennen sie intellektuelle Konservative wie David Brooks. Allerdings gibt es Kollegen von Brooks, die Palin eine zentrale Rolle in der Zukunft der Republikaner voraussagen.

Die Partei sieht jedenfalls ganz schön alt aus. Zwei Drittel der jungen Wähler zwischen 18 und 29 Jahre stimmten für Obama. Selbst wahlkampftechnisch hinken die Republikaner hinterher: Noch vor vier Jahren galt ihre Graswurzelarbeit oder ihr "Micro-Targeting" der direkten Wähleransprache als wegweisend. Nun haben die Demokraten sie in Windeseile überflügelt, vor allem bei der Nutzung neuer Dienste wie MySpace, Facebook oder Twitter.

Von den Ideen ganz zu schwiegen. Der Republikaner-Führer im Repräsentantenhaus, John Boehner, betonte nach der Wahl zwar trotzig, der Konservatismus sei nicht tot, die USA blieben ein Mitte-Rechts-Land. Doch andere Parteigrößen sehen das nicht so. "Wir treten immer noch mit Ideen von vor 20 bis 30 Jahren an", schimpft Minnesotas Gouverneur Tim Pawlenty, der mal für McCains Vize-Posten im Gespräch war. Tatsächlich: McCains Schlussspurt mit dem Fokus auf niedrige Steuern und dem Kampf gegen Obamas angeblichen "Sozialismus" - aufgehängt an der Kunstfigur "Joe, der Klempner" - kam vielen Wählern eher albern vor.

Also hinterlässt Bush eine zerschmetterte Partei. Gewiss, schon nach dem Debakel des Kandidaten Barry Goldwater 1964, nach Nixons Watergate-Skandal in den siebziger Jahren oder Bill Clintons erstem Wahlsieg 1992 sah es ähnlich trübe aus für die Republikaner - mit einem Demokraten im Weißen Haus und einer klaren demokratischen Mehrheit im Kongress. Doch sie kehrten rasch zur Macht zurück, weil die Demokraten übermütig wurden.

Fest steht: "Die Zeit der Bush- oder McCain-Generation ist vorbei", sagt Republikaner-Kenner Fred Barnes vom "Weekly Standard". Kräfte wie Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney oder der erst 37 Jahre alte Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, dürften stärker in den Blickpunkt rücken. Schon an diesem Donnerstag wollen sich führende Republikaner zusammensetzen, um über die Zukunft der Partei zu beraten.

Vom Präsidenten erwartet dabei niemand mehr Impulse. Er werde mit seiner Familie nach Texas ziehen, sagte er am Mittwoch knapp über seine Pläne. "Ich werde bis zur Ziellinie sprinten", sagt Bush immer wieder über seine Schlussmonate.

Seiner Partei wird dieser "Sprint" eher wie ein schmerzhafter Marathon vorkommen.

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