Von Joachim Hoelzgen
Hamburg - Der Vorschlag ist spektakulär - und trotzdem fand er neben den vielen Nachrichten zur Finanzkrise und der Präsidentschaftswahl in den USA kein Gehör: Experten des Royal United Services Institute, einer Denkschmiede der britischen Streitkräfte, haben vor kurzem eine neue Luftbrücke gefordert - allerdings nicht für Berlin, sondern für Afghanistan.
Im kommenden Winter drohe dem Land am Hindukusch wahrscheinlich eine Hungersnot, die ihm gefährlicher werden könne als die aufständischen Taliban, heißt es in einem Papier des Instituts. Deshalb sollten per Flugzeug Tausende Tonnen von Nahrungsmitteln dorthin transportiert werden, forderten die Experten. Wenn jetzt nichts geschehe, stehe "Afghanistan vor einer Kalamität, die all jene Fortschritte gefährden kann, die bisher dort gemacht" wurden, orakeln in London die Militärs.
Was dramatisch klingt, ist nicht übertrieben: Auch Hilfsorganisationen wie zum Beispiel Oxfam warnen vor einer Hungersnot, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes fürchtet gar Hunderttausende umherirrende Afghanen auf der Suche nach Essen.
Mondlandschaft in Bamian
Grund für die Befürchtungen sind neben den Kriegswirren und den weltweit gestiegenen Lebensmittelpreisen auch die Dürre, die Afghanistan seit Jahren im Griff hat. Selbst in den sonst fruchtbaren Tälern nördlich von Kabul waren im Sommer die Weizen- und Reisernte wegen Wassermangels praktisch ausgefallen – das gleiche gilt für die Zentralprovinz Bamian, die aussieht wie eine Mondlandschaft: Die Vegetation ist fast völlig verschwunden, die Trockenheit hat außerdem den Grundwasserspiegel absinken und massenhaft Felder ausdörren lassen. Weil Holzbarone und ausländische Händler ganze Wälder abgeholzt haben, fehlt vielerorts das Material zum Heizen.
Schon im vergangenen Winter hat der extreme Nahrungsmittelmangel die Bewohner der Provinz Ghazni gezwungen, in der Not das Viehfutter zu essen – und dabei hatten sie noch Glück im Unglück. Im Rest des Landes seien der Nahrungsnot und der Kälte über 2000 Menschen erlegen, vor allem Alte und Kinder, musste die Behörde zur Bewältigung von nationalen Katastrophen bilanzieren.
Die Regierung in der Hauptstadt Kabul ist deshalb alarmiert: "Wir brauchen zwei Millionen Tonnen Mehl und Reis für mehr als sechs Millionen Menschen," sagt Mohammed Sharif Sharif, der Vize-Landwirtschaftsminister.
Viel hat sein Appell nicht bewirkt. Bisher sind nur wenige Konvois in das Bergland von Zentralafghanistan und in noch einsamere Provinzen wie zum Beispiel Badakshan im Nordosten des Landes aufgebrochen. Wenn nicht Hilfe von außen kommt, geht der Wettlauf mit der Zeit verloren, riegelt meterhoher Schnee die Pässe ab, über die es in die zerklüfteten Gebiete geht.
"Schwächer als im letzten Winter"
Auch die Behörde zur Bewältigung von nationalen Katastrophen in Kabul weiß um die Gefahr einer Hungersnot. Die Beamten haben schon Anfang Oktober vor ihr gewarnt - mehr aber auch nicht. Um die Fähigkeit, schnell reagieren zu können, sei es nicht gut bestellt, räumt immerhin Abdul Matin Edrak ein, der Direktor des Katastrophenamts. Weil sich die Sicherheitslage verschlechtert habe, sei man "von der Kapazität her schwächer als im Winter letzten Jahres", sagte er dem Uno-Nachrichtendienst Irin. So hat etwa Habiba Saraby, die Gouverneurin von Bamian, bei der Regierung 10.000 Tonnen Weizen für den Winter angefordert, doch Kabul hat ihr nur die Hälfte zugesichert.
An dem Notstand ist auch die weltweite Preisexplosion für Weizen und Reis Schuld: Ein Sack Mehl, der vor zwei Jahren noch für 900 Afghani zu haben war, kostet jetzt mehr als das Doppelte – 1900 Afghani oder umgerechnet 37 Dollar. Für die Mehrzahl der Afghanen ist das unerschwinglich.
Ein weiteres Problem ist auch, dass der sonstige Hauptlieferant Pakistan die Ausfuhr von Mehl und Naturgetreide eingestellt hat - weshalb dem Nachbarland Afghanistan 1,5 Millionen Tonnen fehlen. Weizen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine konnte den Verlust nur teilweise ersetzen.
Und schließlich rächt sich, dass beim Wiederaufbau Afghanistans die Landwirtschaft vernachlässigt worden ist. Auf der Hälfte der nutzbaren Ackerfläche wurde in den letzten 20 Jahren nichts mehr angebaut – und das in einem Land, das sich früher selbst mit Nahrung versorgen konnte.
Doch trotz aller Warnungen hat die Nahrungsmittelhilfe für Afghanistan bisher nur zögernd eingesetzt. Von 404 Millionen Dollar, die Kabul bereits im Juli bei den Geberländern anmahnte, war bis Ende Oktober nur ein Zehntel der Summe eingegangen, meldet das Uno-Büro zur Koordination humanitärer Angelegenheiten.
Selbst das sonst spendenfreudige Saudi-Arabien hielt sich zurück und stellte den "muslimischen Brüdern und Schwestern Afghanistans" nur 8,65 Millionen Dollar in Aussicht.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH