SPIEGEL ONLINE: Die US-Geheimdienste zeichnen Amerikas Zukunft düster - hat sie deren Einschätzung überrascht?
Janning : Nein, gar nicht. Wir haben zwei große Befragungen unter dem Titel "Wer regiert die Welt?" durchgeführt, in denen es um die Weltmachtrollen im Jahr 2020 ging. Die Ergebnisse sind eindeutig: Bürger in den Staaten Europas, aber auch Ländern wie Indien, China oder Russland sehen die USA derzeit noch klar als führende Weltmacht - aber mit einer weit schwächeren Rolle in der Zukunft. China wird gleichziehen. Danach folgen mit etwas Abstand Indien, Japan und Russland.
SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?
Janning : Wir haben gefragt: Was macht eine Weltmacht eigentlich aus? Und die Bürger geben vor allem an: Stärke in Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung, ein attraktives Gesellschaftsmodell. Rein militärische Macht verliert hingegen an Bedeutung, die meisten Befragten geben sie sogar an letzter Stelle an. Und das ist nun einmal die Kategorie, in der die USA derzeit am klarsten dominieren.
SPIEGEL ONLINE: Teilen die Amerikaner selbst diese Einschätzung?
Janning : Sie sind etwas optimistischer. Rund drei Viertel von ihnen halten die USA auch 2020 noch immer für die relevante Weltmacht. Das ist aber nicht ungewöhnlich. In fast allen Ländern bewerten die Befragten die eigene Weltmachtrolle positiver, als es das Ausland tut. Allerdings sagen auch schon 60 Prozent der Amerikaner, dass China in zwölf Jahren eine dominante Rolle spielen wird.
SPIEGEL ONLINE: Die Kassandra-Rufe der Geheimdienste haben in Amerika kaum eine Diskussion ausgelöst. Warum?
Flugzeugträger "USS Intrepid" vor der Skyline Manhattans: "Was macht eigentlich eine Weltmacht aus?"
Janning : Mit der aktuellen Finanzkrise hat eine ziemliche Ernüchterung in den USA eingesetzt. Den Amerikanern ist schlagartig klar geworden, wie verletzlich ihr Land ist, wie sehr klassische Allianzen sich aufgelöst haben. Schauen Sie sich die Bilder vom G-20-Treffen gerade in Washington an. Enge amerikanische Verbündete wie Deutschland oder Großbritannien saßen da am Rand, neue Kräfte wie China, Russland, Indien oder Saudi-Arabien beherrschten die Bühne. Die Amerikaner lernen gerade: Wir brauchen die anderen - und sei es nur als Finanziers unseres Staatsdefizits. Amerikas exzeptionelle Rolle ist im Moment nicht mehr so außergewöhnlich. Deswegen fällt die Reaktion auf die düsteren Prognosen wohl auch verhaltener aus.
SPIEGEL ONLINE: Aber kann ein geschwächtes Amerika in Zukunft überhaupt noch führen?
Janning : Washington kann nicht mehr einfach ein neues "Bretton Woods" verkünden, wie es manche Stimmen als Antwort auf diese Krise vorgeschlagen haben. Dafür ist die moderne Finanzarchitektur längst viel zu multipolar. Aber die USA werden auch 2020 oder 2025 noch immer zu vielen Themen den Ton vorgeben können - etwa bei der Rüstungskontrolle. Wenn sie auf die Russen mit einem Angebot zugehen, das die einfach annehmen müssen, könnten sie diese Agenda weiter bestimmen. Anders sieht es bei neueren Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der Energiepolitik aus. Da können die Amerikaner zwar in Zukunft auch Zeichen setzen - doch sie müssen andere Regionen einbeziehen, um Erfolg zu haben. Vor allem die Europäer und Asiaten.
SPIEGEL ONLINE: Doch bei manchen Herausforderungen könnte die Welt bald ohne klare Ordnungsmacht dastehen.
Janning : Das birgt große Gefahren. Denken Sie nur an die weitere Ausbreitung von Atommächten. Wir haben dazu Studien durchgeführt: Die meisten Staaten wägen sehr vorsichtig ab, ob sich eine Nuklearbombe für sie lohnt. Doch diese Abwägung kann durch das Verhalten anderer Staaten massiv beeinflusst werden. Stellen sie sich vor, Iran testete erfolgreich eine Atombombe. Dann würden wohl Saudi-Arabien, Türkei, vielleicht auch Ägypten nachziehen - weil sie nicht akzeptieren können, dass die einzigen Nationen mit Nuklearwaffen in der Region die nichtarabischen Staaten Iran und Israel sind. So setzt sich eine Spirale in Gang. Wenn die Amerikaner wegen ihrer schwächeren Stellung gleichzeitig nicht mehr so aktiv gegen nukleare Expansion eintreten, können die Dämme in allen Weltregionen brechen. In unseren schlimmsten Szenarien kommt man dann auf 30-35 Nuklearstaaten in 15-20 Jahren. Das wäre eine viel, viel gefährlichere Welt.
SPIEGEL ONLINE: Oft übersehen wird: Die "Global Trends 2025" der US-Geheimdienste sagen auch Europa keine rosige Zukunft voraus.
Janning: Das deckt sich mit unseren Ergebnissen. Deutsche oder Briten sagen zwar mit breiter Mehrheit, die EU werde sich bis 2020 zur Weltmacht entwickeln. Doch diese Ansicht teilt in den USA nur jeder Vierte. Der Rest kritisiert vor allem, dass die Europäer auch in Zukunft mit der Nabelschau beschäftigt sein werden und die EU ein unübersichtlicher Moloch bleibt. Japaner, Russen oder Chinesen sind noch skeptischer, dass die Europäer in naher Zukunft global führen können.
SPIEGEL ONLINE: Also sind die großen Zukunftsgewinner China und Indien.
Janning: Laut den Daten eindeutig ja. Doch diese Einschätzung beruht auf den aktuellen Wachstumsraten in diesen Staaten. Es wird also immer davon ausgegangen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Das kann aber niemand voraussagen. Hier hilft wieder ein Blick auf die Kriterien für eine Zukunftsweltmacht. Dazu gehören neben Themen der internationalen Sicherheit neue Ansätze in der Energie-, Umwelt- oder Klimapolitik. Die Asiaten müssen erst noch beweisen, dass ihr Wachstumsmodell auch unter diesen Herausforderungen funktionieren kann.
Das Interview führte Gregor Peter Schmitz
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an ballballa: das was sie da alles auflisten ist aber nicht unbedingt nur schuld der usa. ausbeuter gibt es überall. tatsache ist aber, dass man in usa und auch west europa ein gewisses selbstverantwortliches und freies [...] mehr...
Oh, Gott! Wie Naiv Sie selber sind! "Undemokratische Länder" bla, bla, bla... Schlechtere, bessere Methoden... Schechtere als bei den USA gibt es kaum. Kriege, Mörde, Tausende von Toten, Millionen von Toten, [...] mehr...
So umstritten die USA und ihre Methoden auch sind: Wir werden Sie schmerzlich vermissen, wenn auf einmal ein paar sehr undemokratische Länder meinen, den Boss spielen zu können... Und auf die UNO zu setzen ist ja sowas von Naiv! mehr...
Sowohl als auch. Ein Mörder gehört ins Gefängnis, auch wenn seine Kindheit noch so schwer war... mehr...
So eine Weltpolizei wäre von der Idee her sicher eine gute Sache. Leider haben einige Politiker von Nixon bis Bush den Ruf der USA derart gründlich demontiert, dass das Image eher in der Nähe von Straßenräubern gelandet ist, [...] mehr...
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