Aus Bangkok berichtet Thilo Thielke
Bangkok - Zwei Tage war es vergleichweise ruhig geblieben - nun fielen in Bangkok Schüsse – in jenem schwülen Moloch, den sie hier sonst gerne "Stadt der Engel" nennen. Es war die erste Schießerei, seitdem die regierungsfeindliche "Volksallianz für Demokratie" (PAD) vor einigen Tagen zum letzten Gefecht gegen die "korrupte Marionettenregierung" gerufen hatte. Doch schon in der vergangenen Woche hatten eine Bombe und eine Granate zwei Oppositionelle getötet.
Und eine weitaus blutigere Schlacht um die Macht im Staate könnte jetzt folgen.
Die Auseinandersetzung begann am frühen Dienstagabend, als Regierungsfreunde von der "United Front of Democracy against Dictatorship" (UDD) einen Lastwagen voller Aufrührer angriffen. Die kamen gerade von der Belagerung des alten Don-Mueang-Flughafen, in dem derzeit die Regierung tagt, und wollten sich einer Gruppe von und 1000 Demonstranten vor dem Polizeihauptquartier anschließen, als sie in einen Steinhagel gerieten. Aus mindestens zwei Pistolen eröffnete man daraufhin das Feuer, zwei UDD-Leute blieben blutend auf dem Pflaster zurück.
Nicht der einzige Zwischenfall an diesem blutigen Dienstag. Zuvor war es zwischen Taxifahrern und PAD-Schlägern zu Zusammenstößen mit elf Verletzten gekommen - hier sollen ebenfalls Schüsse gefallen sein. Randale auch am internationalen Suvarnabhumi-Flughafen, der Abends ab neun Uhr Ortszeit vorübergehend gesperrt werden musste, nachdem Demonstranten in das Flughafengebäude eingedrungen waren. Ihr Ziel: den Flugverkehr lahmzulegen - und damit die Rückkehr des Premierministers Somchai Wongsawat zu verhindern. Der wird am Mittwoch wieder in Thailand erwartet, derzeit hält er sich noch als Gast des Asien-Pazifik-Wirtschaftsgipfels in Peru auf.
Doch der Regierungschef, ein Schwager des ehemaligen Premiers Thaksin Shinawatra, will partout nicht aufgeben. Seine Gruppierung, die "People’s Power Party", gewann im Dezember 2007 die Wahlen und führt seitdem eine Koalitionsregierung mehrerer Parteien an. "Der Premierminister besteht darauf, dass er gewählt wurde, und wenn er seinen Job verlieren muss, dann nur in Übereinstimmung mit den gesetzmäßigen oder demokratischen Prinzipien", ließ er seinen Sprecher ausrichten: "Er lässt sich nicht unter Druck setzen."
Thailands oberster General, Anupong Paochinda, erklärt derweil, ein Putsch käme als Lösung der verfahrenen Situation derzeit nicht in Betracht – zumal die Polizei versprochen habe, nicht gewaltsam gegen die Regierungsgegner der PAD vorzugehen. Und so taumelt Thailand im Moment von einer Gewalteskalation zur nächsten, ohne dass die Staatsgewalt in der Lage oder willens wäre, daran etwas zu ändern.
Schon seit dem 26. August halten Insurgenten das Regierungsgebäude besetzt. Ein paar halbherzige Versuche der Polizei, die Barrikaden zu räumen, scheiterten an der Unentschlossenheit der Ordnungskräfte und der Gewaltbereitschaft der gelb gekleideten Demonstranten. Was machte die Regierung in ihrer Not? Sie erklärte das "Government House" kurzerhand zur Demonstrationszone und quartierte sich in das Gebäude des alten Flughafens um.
Am Montag dann, gegen sieben Uhr morgens, waren einige zehntausend Demonstranten zum nahegelegenen Parlament gezogen. Große Schlachten, ein "Blutbad" ("The Nation") gar, wurden befürchtet. Was tat die Regierung? Sie ließ die Umstürzler gewähren und sagte einfach die Sitzung des Parlaments ab. Der Sturm lief in Ermangelung eines Gegners folglich erst einmal ins Leere – auch wenn sich die Führer der PAD nachher erwartungsgemäß zum großen Sieger erklärten.
Mit solchen Guerillataktiken beharken sich beide Seiten nun schon seit Monaten, ohne dass abzusehen wäre, wer diesen Nervenkrieg am Ende gewinnen wird. Bislang jedenfalls gibt es nur Verlierer in diesem bizarren politischen Drama: eine beschädigte Regierung, der Polizei und Militär beharrlich die Gefolgschaft verweigern; eine Opposition, die um jeden Preis an die Macht strebt, aber ein Glaubwürdigkeitsproblem hat, weil sie immer die Wahlen verliert (und sie deshalb abschaffen will, wenn sie einmal am Ruder sein sollte); und eine nationale Wirtschaft, die gleich doppelt geschlagen ist - von der Weltfinanzkrise und nun auch noch vom hausgemachten Chaos. Dazu kommt, dass inzwischen massenhaft Touristen ausbleiben - auch dies ein wichtiger Faktor beim Niedergang der Wirtschaft.
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