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29.11.2008
 

Todenhöfer in Iran

"Unnötig, bösartig, eine Schande"

Von Dieter Bednarz, Teheran

Ein Dutzend Mullahs, vergrätzte Diplomaten und der lange Schatten der Holocaust-Leugner: Jürgen Todenhöfer kam nach Iran, um den Dialog mit dem Westen zu beleben. Der Bestsellerautor, frühere Politiker und Medienmanager sagte dem Regime seine Meinung - nicht ganz ohne Effekt.

Teheran - Vielleicht hätte Jürgen Todenhöfer, 68, an diesem Morgen besser das Wolga-Lied gesungen, wie zuletzt in Isfahan. Dort hatte er schon nach den ersten drei Takten die Sympathien seines iranischen Publikums gewonnen. "Am Ende summten die meisten Zuhörer mit", schwärmt Todenhöfer von seinem Auftritt in der kleinen Teestube unter der berühmten 33-Bogen-Brücke Isfahans. Für seine spontane Gesangsprobe aus der Operette "Zarewitsch" hatte er "tosenden Beifall" bekommen.

Todenhöfer in Iran: "Am Ende summten die meisten Zuhörer mit"
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DER SPIEGEL

Todenhöfer in Iran: "Am Ende summten die meisten Zuhörer mit"

Hier in Teheran jedoch könnte sich der Hobbybarde an diesem Morgen die Kehle heisersingen – niemand würde begeistert aufspringen. Nicht nach diesem kritischen Vortrag, den Todenhöfer gerade vor gut 50 Studentinnen und Studenten der renommierten "Schule für Internationale Beziehungen" (SIR) gehalten hat. "Viele Ihrer Aussagen teilen wir überhaupt nicht", weist der Dozent Mohammed Scheich Holeslami den "geschätzten Gast" aus Deutschland zurecht. Und das ist, wie es sich für den Ausbilder künftiger Botschafter gehört, sehr diplomatisch formuliert.

Der Auftritt an der Kaderschule des Teheraner Außenministeriums im vornehmen Norden der Hauptstadt ist der Höhepunkt eines Erkundungstrips, der im Auswärtigen Amt in Berlin mit Skepsis verfolgt wird. Denn anders als vor zwei Jahren im malerischen Isfahan ist der langjährige Vorstandsvize des Burda-Medienkonzerns und ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete in diesen Tagen nicht als gewöhnlicher Tourist unterwegs.

Diesmal treibt den vor wenigen Wochen aus der Zeitschriftenbranche ausgestiegenen Top-Manager Weltbewegendes, im Wortsinne. In einer ebenso persönlichen wie heiklen Mission will Todenhöfer nicht nur "Missverständnisse abbauen" und "den Dialog zwischen Iran und dem Westen wieder beleben". Er will den Mullahs auch die Meinung sagen, "härter und deutlicher als die Politiker". Drei Tage hat sich Todenhöfer für das Levitenlesen Zeit genommen.

Das Vorhaben kann man als Zeichen eines geradezu bewundernswerten Glaubens an die Überzeugungskraft der eigenen Argumente bewundern, aber auch als ein wenig naiv geißeln. Haben nicht schon genügend andere Vermittler versucht, Teherans Misstrauen und Vorbehalte gegenüber Europa und den USA zu entkräften? Bemühen sich Abgesandte der EU und der Uno nicht seit Jahren darum, den Konflikt um das Nuklearprogramm des Gottesstaates zu entschärfen? Haben die Iraner wirklich auf den Mann aus München gewartet?

Richtig ist jedenfalls, dass Todenhöfer für den gerade in Berlin akkreditierten Botschafter Ali Resa Scheich Attar zu den wichtigsten Kontakten in die Politik zählt – auch wenn er schon seit 18 Jahren kein Bundestagsmandat mehr hat. An Gesprächspartnern bietet die iranische Regierung denn auch mehr auf, als das Protokoll eigentlich zulässt: In der heiligen Stadt Ghom erwarten Todenhöfer höchste geistliche Würdenträger, die sich mit Besuchern aus dem Westen sonst nicht abgeben, und zwei Vizeaußenminister stehen in der Hauptstadt auf dem Programm. Auch Studenten der Universität Teheran, mit denen der "liebe Freund" seine Thesen diskutieren könne, hatten die Organisatoren im Teheraner Außenministerium versprochen. Ihnen allen will Todenhöfer ins Gewissen reden und ihre "Bereitschaft zu Kooperation und Kompromissen" etwa beim Nuklearkonflikt ausloten.

Wie flexibel ist das Regime? Gibt es ein Zeichen der Hoffnung aus Teheran? Und wie aufgeschlossen sind die mächtigen Religionsgelehrten in Ghom?

Zumindest auf den ersten Blick erweisen sie sich als weltoffener und kritischer, als man von vermeintlich "lästigen Fortschrittsbremsern" (Todenhöfer) annehmen sollte. In der Bagher-al-Ulum-Universität können viele Professoren ein paar Studienjahre im Westen vorweisen; Dekan Ahmed Waesi war immerhin Gastdozent in Cambridge. "Neue Fragen, neue Perspektiven", sagt der Uni-Rektor, trieben ihn und seine Kollegen um. Wie zum Beleg ihrer Aufgeschlossenheit schwärmen die Gelehrten von Habermas, Hegel und Gadamers Hermeneutik. Auch würden sie die neue Datenbank gerne zeigen.

Die erhoffte Selbstkritik bleibt in Ghom aber aus. Auf Todenhöfers Klage über die "aggressive Rhetorik" des Präsidenten geht einer wie Ajatollah Sadegh Laridschani gar nicht erst ein. Der Mann ist nicht nur einflussreich, weil sein Bruder Ali als Parlamentspräsident zu den Tonangebern im Lande gehört. Der Religionsgelehrte selbst gehört dem Wächterrat an, einer Art islamischem Verfassungsgericht, das vor allen Wahlen unliebsame Kandidaten ausgrenzt. "Lassen Sie mehr liberale Stimmen zu", forderte der Gast aus Deutschland." Aber da lächelt der Ajatollah mild: "Wir halten uns nur an unsere Gesetze." Lieber lamentiert Laridschani über das "zweifache Maß", mit dem die Weltgemeinschaft in der Nuklearfrage messe: "Warum darf Israel die Bombe haben, und Iran wird schon die zivile Nukleartechnologie verwehrt?"

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