Von Dieter Bednarz, Teheran
Allerdings ist eine gewisse Einsichtsfähigkeit durchaus vorhanden, zumindest bei Nasser Makarem Schirasi, 85. Er zählt als Großajatollah zur Kaiserklasse der Geistlichkeit. Auf den Vorhalt, dass die Führung in Teheran an dem weltweiten Misstrauen nicht ganz unschuldig sei, antwortet er nur knapp: "Stimmt." Geduldig hört er sich die Kritik des Besuchers an und verspricht: "Ich werde mit unserem religiösen Führer darüber sprechen."
Bush und Blair sollen vor ein Strafgericht
Wirklich? Sollte die Aufforderung zum Dialog und zum Kompromiss tatsächlich bis zu dem politischen Erben des einstigen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini vordringen? Der Idealist Todenhöfer jedenfalls strahlt. "Ich bin glücklich, dass Sie mit Ajatollah Ali Chamenei sprechen werden."
Um auch die Jugend zu erreichen, will Todenhöfer am nächsten Tag vor Studenten in Teheran reden. Ihnen will er seine "Zehn Thesen zum Verhältnis der westlichen zur muslimischen Welt" vortragen. Die Leitsätze ("Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt", aber auch: "Die Muslime müssen dem Terrorismus die religiöse Maske vom Gesicht reißen") sind ein zentraler Bestandteil seines Buches "Warum tötest Du, Zaid?"
Der Bericht über den irakischen Widerstand gegen die US-Truppen ist ein Bestseller. Zum Entsetzen vieler Parteifreunde ist Todenhöfers Reisereportage in weiten Teilen eine schonungslose Anklage der "abendländisch-patriotischen Sofastrategen" und ihrer "völkerrechtswidrigen Angriffskriege" auf Irak und Afghanistan. "Wegen ihrer Lügen", so der Ehrenoberst der US-Armee, Todenhöfer, müsse man US-Präsident George W. Bush und dessen engsten Mitstreiter, den früheren britischen Premier Tony Blair, "vor ein internationales Strafgericht stellen".
Könnte sich die Regierung Ahmadinedschads einen glaubwürdigeren Kronzeugen für ihre Klagen über den "großen Satan" Amerika wünschen als Todenhöfer, der seit Monaten in nahezu jeder TV-Talkshow für ein "gerechteres Bild von der islamischen Welt" plädiert? Trotzdem lässt das Außenministerium als Organisator der Reise ihn nicht auf dem öffentlichen Campus der Universität Teheran sprechen. Angeblich aus Termingründen kann er nur vor Studenten der Diplomatenschule SIR auftreten. Die liegt auf einem weitläufigen Gelände nahe den alten Schahpalästen, gleich neben dem Institut für Politische und Internationale Studien (IPIS). Die Forschungsstätte hat als Veranstaltungsort der sogenannten Holocaust-Konferenz vor zwei Jahren ihren guten Ruf verspielt.
Den Gast ausgerechnet im Schatten der Schoa-Leugner auftreten zu lassen, hätte beinahe noch die ganze Reise gefährdet. Dass er in seiner Rede um so ausführlicher auf die "unnötigen und bösartigen 'antizionistischen', antiisraelischen Äußerungen Präsident Ahmadinedschads" eingeht, ist für Todenhöfer daher "selbstverständlich". Die Aufnahmebereitschaft der Botschafter in spe fördert das nicht.
Fast eine Stunde hören die Studenten dem Gast aus Deutschland mit wachsendem Unbehagen zu. Todenhöfer nennt die Holocaust-Konferenz "eine Schande". Er fordert die "völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau". Er verlangt "wahre Meinungsfreiheit, für alle". Und er appelliert an die Führung des Landes: "Geben Sie Gedanken- und Meinungsfreiheit." Es ist mucksmäuschenstill im Saal. Das Klatschen ist brave Pflicht. Dann äußern die angehenden Diplomaten ihr Unbehagen über die Ansichten Todenhöfers. Warum sollen die Palästinenser unter dem Holocaust leiden? Wir haben Israel nie mit einem Angriff gedroht! Warum macht uns der Westen zum neuen Feindbild? Lernen Sie den Unterschied zwischen Terrorismus und Dschihad! Bei seinem Auftritt "in der Höhle des Löwen" muss Todenhöfer aufpassen, dass seine Zuhörer ihn nicht zerfleischen.
"Die öffentliche Meinung wird manipuliert"
Eine Erklärung für all die Konflikte findet sich erst im Außenministerium, im Gespräch mit dem Vizeaußenminister für Europa-Angelegenheiten, Mehdi Safari, und dem früheren iranischen Botschafter in Berlin, Mehdi Mohammed Akhondzadeh Basti - der seit wenigen Tagen als Vize für Afghanistan, Pakistan und den Rest Asiens zuständig ist.
"Die Massenmedien sind schuld", sagt Safari beim Dreigängemenü, die "in den Händen bestimmter Gruppen" seien. Kritische Einwände wischt er weg wie den Tropfen Soße am Kinn. "Die öffentliche Meinung wird manipuliert."
Im Außenministerium bekommt der Dialogvermittler am nächsten Tag zwei Botschaften mit auf den Heimweg: "Ihr Land muss unabhängiger werden in seiner Politik", mahnt Mehdi Safari. "Sie verlieren hier einen wichtigen Markt." Und: "Wir wollen Israel nicht von der Landkarte radieren. Aber es wird untergehen, wenn es so weitermacht." Und von seinem langjährigen Gesprächspartner in Berlin, Mehdi Mohammed Akhondzadeh Basti, erhält "der Jürgen" einen ganz persönlichen Trost: "Auch für mich war es nicht leicht, in Deutschland Gehör zu finden."
Den Zuspruch hätte Todenhöfer nicht gebraucht. Ihm reichte nach seinem Vortrag die Geste einer jungen Studentin. In einem Land, in dem Berührungen zwischen Männern und Frauen eigentlich tabu sind, trat sie entschlossen nach vorne ans Rednerpult – und reichte dem Mann aus dem Westen die Hand. Und Todenhöfer ergriff sie dankbar.
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