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28.11.2008
 

Terroralarm in Mumbai

"Was diese Männer getan haben, ist eine Sünde"

Aus Mumbai berichtet Sascha Zastiral

Eine Horde Terroristen überrumpelt ein Land: Koordiniert und perfekt vorbereitet schlugen die Attentäter von Mumbai zu. Die Kämpfe dauern immer noch an. Indiens Wirtschaftsmetropole ist ein Kriegsgebiet, in dem Angst und Verzweiflung herrschen - und Pakistan verdächtigt wird.

Polizeiwagen rasen mit Blaulicht den Colaba Causeway hinunter zum Nariman House. Hubschrauber fliegen heran, an Seilen lassen sich schwarz gekleidete Bewaffnete auf das Dach herab: die "Black Cats", eine Sondereinheit. Maschinengewehrsalven hallen aus dem Gebäude.

Bewaffnete halten das Jüdische Zentrum besetzt, haben Geiseln in ihrer Gewalt - seit anderthalb Tagen. Die Umgebung ist abgeriegelt, Hunderte Schaulustige an den Absperrungen versuchen, einen Blick auf das Gebäude zu erhaschen.

Lautes Donnern. Wieder Schüsse. Wieder Explosionen. So geht das immer weiter. Stundenlang. Die Polizisten in ihren schusssicheren Westen an den Absperrungen werden unruhig, treiben die Menschen zurück.

Am Ende, als in Mumbai der Abend naht, hat die Sondereinheit es geschafft. Das Kulturzentrum ist nach Polizeiangaben weitgehend befreit. Die Terroristen kontrollieren die Lage dort offenbar nicht mehr. Aber fünf Geiseln, die sie genommen hatten, sind tot. Ihre Leichen werden im Gebäude gefunden.

Es sind dramatische Szenen, die sich gerade in dieser 20-Millionen-Einwohner-Metropole abspielen - Szenen, wie sie noch zwei Tage zuvor niemand für möglich hielt. Colaba war das ausgelassene Ausgehviertel in Indiens pulsierendster, liberalster Stadt. Nun hat eine Horde Terroristen es zum Kriegsgebiet gemacht. Die Geschäfte sind geschlossen, nicht einmal die unzähligen fliegenden Händler haben ihre Bauchläden geöffnet.

Zwei Tage lang weiß niemand in dieser Stadt genau, was gerade passiert. Wer im Kampf zwischen Polizisten und Attentätern die Oberhand hat. Wann dieser Kampf endlich enden wird.

Bleischwere Angst verdrängt die Lebensfreude, für die Mumbai so bekannt ist. Eine Metropole verfällt in Panik.

Zum Beispiel am Hauptbahnhof. Früh an diesem Freitag machen Gerüchte die Runde, erneut hätten Unbekannte in die Menge geschossen. Die Polizei dementiert umgehend: Man habe vor einem Krankenhaus in der Nähe drei Bewaffnete festgenommen, mehr sei nicht passiert. Doch die wenigsten trauen dieser Verlautbarung. Die Straßen leeren sich sofort. Die Menschen suchen Zuflucht in ihren Häusern.

Nur dort, wo die schwersten Kämpfe stattfinden, kommen zuhauf Menschen zusammen, um die Geschehnisse zu verfolgen. Am weltbekannten "Taj Mahal", dem historischem Hotel mit vielen Türmchen und Kuppeln, das teils in Brand gebombt wurde, stehen Schaulustige. Die Kämpfe dauern immer noch an, mindestens ein Bewaffneter harrt im Gebäude aus. Auch am frühen Samstagmorgen (Ortszeit) wurden der oder die Angreifer noch immer bekämpft. Auch waren immer wieder Schüsse zu hören. 30 Leichen von Geiseln wurden schon geborgen. Sie lagen in der Hotellobby.

Die Terroristen kannten sich in dem Komplex bestens aus. Sie hatten offenbar den Grundriss und beschossen permanent die Zugänge. Die Sondereinheiten kamen lange nicht durch.

Wie gut die Attentäter vorbereitet waren, zeigte eine Tasche, die die Polizei fand und angeblich einen Pass aus Mauritius, 1200 Dollar und 6000 indischen Rupien (umgerechnet 95 Euro) enthielt.

Das ist es, was hier kaum einer erwartet hatte: dass der Terror so koordiniert, so perfekt geplant und inszeniert und mit solcher Wucht über Indiens wichtigste Wirtschaftsmetropole kommen könnte. Das Land war auf derlei schlicht nicht vorbereitet.

Auch am "Trident"-Hotel, dem früheren "Oberoi", stehen Hunderte Schaulustige, die nicht fassen können, was hier passiert ist. Terroristen hatten sich wie im "Taj Mahal" mit Gästen als Geiseln verschanzt und hielten anderthalb Tage lang der Polizei stand.

Erst im Laufe dieses Freitags bekommen Sondereinheiten die Lage unter Kontrolle und setzen die Terroristen außer Gefecht. 26 Geiseln liegen tot in der Lobby und auf den Fluren des Hotels.

Noch während die Kämpfe andauern, sitzt Ahmed Kahn an einer Straßenecke in der Nähe in seinem Taxi und verfolgt die Kämpfe im Hotel. Er ist Anfang 40, Muslim, hat einen langen, leicht ergrauten Bart und hennagefärbte rote Haare. "Das hier ist so falsch. Das dürfte nicht sein", sagt er auf Urdu und bemüht sich, Tränen zurückzuhalten.

Khan ist wie viele andere Muslime in Mumbai aus dem Armutsstaat Uttar Pradesh in Nordindien hierher gekommen, um zu arbeiten. Um seinen Kindern "eine bessere Zukunft zu geben", sagt er. Alle Muslime, die er kennt, seien schockiert. "Der Islam soll Frieden bringen. Was diese jungen Männer hier getan haben, ist eine Sünde. Blut zu vergießen, ist eine Sünde."

Auch Steven de Souza, 31, aus Goa hat sich unter die Schaulustigen gemischt. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er in Mumbai, nun steht er da in seinem dunkelblauen T-Shirt mit seinen schwarzen Locken, hält die Arme verschränkt und sagt: "Ich weiß nicht, ob da nicht noch Bekannte von mir drin sind. Und ob sie überlebt haben." Er hat selbst einmal drei Jahre in dem Luxushotel gearbeitet. "Die Menschen sind in das Hotel gekommen, weil sie Schutz gesucht haben", sagt de Souza. "Was da passiert ist, ist sehr schlimm."

Viel mehr fällt ihm nicht ein. Die Menschen in Mumbai hatten noch nicht Zeit zu verarbeiten, was mit ihrer Stadt in den vergangenen zwei Tagen geschehen ist.

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