Aus Mumbai berichtet Sascha Zastiral
Erst allmählich werden die Hintergrunde dieses Angriffs klar. Angefangen hat offenbar alles am berühmten "Leopold"-Restaurant, wo noch jetzt Glasscherben auf dem Bürgersteig liegen, Blutlachen auf dem staubigen Asphalt zu erkennen sind, Verwesungsgeruch durch die Luftschlitze des Rollgitters nach außen zieht.
Unglaubliches soll hier am Mittwochabend gegen 21.30 Uhr geschehen sein, glaubt man Augenzeugen: Zwei junge Männer sollen in dem Lokal, das gern von Ausländern besucht wird, zu Abend gegessen haben. Dann seien sie auf die Straße gegangen, hätten Maschinengewehre aus ihren Taschen gezogen und wahllos auf Menschen auf der Straße und in dem Restaurant gefeuert. Am Ende seien sie weggerannt.
Zu diesem Zeitpunkt glaubten viele noch an eine Mafia-Schießerei, wie die Stadt sie bis vor wenigen Jahren häufig gesehen hat. Doch etwa zur selben Zeit steuerten ersten Ermittlungen zufolge zwei Dutzend Komplizen ein Schnellboot in einen Fischereihafen nahe des "Trident" und gingen schwer bewaffnet an Land.
Die Polizei stellte später das Boot sicher - und fand darin einen toten Mann, dessen Identität noch unbekannt ist. Eine indische Zeitung meint rekonstruiert zu haben, dass die Attentäter mit einem größeren Boot von Karatschi in Pakistan aus in den indischen Seeraum eingedrungen sind. Vor Mumbai habe dann dieses Mutterschiff die Angreifer in mehreren Schnellbooten ins Meer gelassen. Die Terrorgruppe Lashkar-i-Toiba ("Armee der Reinen") stecke vermutlich hinter den Anschlägen.
Genau hier wird es problematisch - denn genau hier beginnen die Vermutungen, Verdächtigungen, Spekulationen über die Hintermänner der militanten Islamisten.
Die indische Regierung wurde in ihren Schuldzuweisungen ebenfalls sehr deutlich. Außenminister Pranab Mukherjee sagte in Neu-Delhi: "Vorläufige Beweise und erster Augenschein verweisen darauf, dass Elemente mit Verbindungen nach Pakistan beteiligt sind." Premierminister Manmohan Singh warnte den jahrzehntelang verfeindeten Nachbarstaat vor "einem Preis", wenn es nichts gegen Terroristen auf seinem Boden unternehme - und forderte, der pakistanische Geheimdienstchef müsse zum Informationsaustausch nach Indien reisen.
Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari stimmte dem zu; er und Ministerpräsident Yousaf Raza Gilani telefonierten mit Singh. Zardari verurteilte die Anschläge und wies jegliche Verwicklung des pakistanischen Staates zurück: "Nichtstaatliche Kräfte wollen beiden Regierungen ihren Willen aufzwingen. Das darf nicht geschehen." Außenminister Shah Mehmood Qureshi, der gerade Indien besucht, äußerte sich zu einem Treffen mit Singh und der Opposition bereit.
Der Regierung des indischen Bundesstaates Maharashtra zufolge ist einer der gefassten Tatverdächtigen von Mumbai Pakistani. Womöglich sind unter den Attentätern auch zwei britische Staatsbürger pakistanischer Herkunft - Großbritannien will dies nun überprüfen, nachdem es von der indischen Regierung Hinweise darauf bekam.
Klar ist, dass Indiens Politiker und Medien nach Anschlägen geradezu reflexartig Pakistan verantwortlich machen - und dass Pakistan bis vor wenigen Jahren tatsächlich islamistische Terrorgruppen in seinem Nachbarland unterstützt hat.
Militärdiktator Pervez Musharraf protegierte diese Gruppen bis 2001 offen als "Freiheitskämpfer". Doch nach den al-Qaida-Anschlägen vom 11. September jenes Jahres in New York und Washington zwangen die USA Pakistan in ein Bündnis gegen islamistische Terroristen. Ein Anschlag auf das indische Parlament durch Lashkar-i-Toiba-Anhänger im Dezember 2001 brachte die beiden Atommächte Indien und Pakistan an den Rand eines Krieges. Musharraf verbot die Gruppen und ließ ihre Anführer medienwirksam festnehmen - zumindest kurzzeitig. Infolge umfassender Friedensgespräche zwischen beiden Ländern ab 2003 gab es immer weniger Angriffe durch pakistanische Terrorgruppen, selbst im umkämpften Kaschmir.
Die Terroristen von Mumbai könnten allerdings mehrheitlich auch aus Indien selbst stammen. Festnahmen nach einer Anschlagserie in Neu-Delhi im September legen nahe, dass Anhänger der verbotenen "Islamischen Studentenbewegung Indiens" (Simi) Terrorzellen gebildet haben. Viele junge indische Muslime haben sich in den vergangenen 15 Jahren radikalisiert - nachdem fanatische Hindus 1993 und 2002 in Mumbai und dem Bundesstaat Gujarat antiislamische Pogrome mit Tausenden Toten begangen hatten. Nur wenige der Täter wurden je vor Gericht gestellt. Hindunationalistische Politiker, die das massenhafte Töten zumindest geduldet haben sollen, nehmen bis heute wichtige Positionen in der indischen Politik ein.
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