Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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28.11.2008
 

Terror

Qaida-Strategen planten den Krieg in den Städten

Von Yassin Musharbash

Sie suchten in Hotels gezielt nach Amerikanern und Briten, stürmten ein jüdisches Zentrum: Die Taktik der Angreifer in Mumbai entsprach den Leitlinien des "urbanen Dschihad". Qaida-Theoretiker entwickeln diese Ideen seit Jahren - Terroristen in vielen Ländern lernen davon.

Berlin/Mumbai - Noch ist unklar, welche Organisation und welche Hintermänner die Terrorattacken in der indischen Metropole Mumbai zu verantworten haben. Aber eines ist gewiss: Es geht den Terroristen nicht nur darum, die Unfähigkeit der indischen Sicherheitsbehörden zu demonstrieren, das Land zu destabilisieren und den Tourismus zu schädigen. Sie wollen auch eine Botschaft nach Außen schicken und stellvertretend Rache nehmen: Sie rächen sich an den Juden Mumbais für die israelische Politik, in Hotels greifbare Amerikaner müssen für die Außenpolitik Washingtons büßen.

Begannen die Terroristen diese Aktionen spontan, waren sie von langer Hand geplant? Niemand kann das mit Sicherheit sagen.

Eine genaue Vorbereitung ist zumindest nicht auszuschließen. Denn das Terrornetzwerk al-Qaida und verwandte Organisationen haben seit Jahren Szenarien für den "Kampf in den Städten" entwickelt. Und die Terroristen in Mumbai verhalten sich - ob bewusst oder unbewusst - fast genau nach diesem Muster.

Das vermutlich einflussreichste Strategiepapier zu diesem Thema stammt von Abd al-Aziz al-Mukrin, dem ehemaligen Chef der saudi-arabischen Qaida-Filiale. Im März 2004 veröffentlichte er einem von ihm begründeten Online-Magazin für kämpfende Dschihadisten einen Aufsatz zum "Kampf in den Städten". Zur Einleitung schrieb er, Anschläge innerhalb von Städten seien "eine Art von militärischer Diplomatie, und diese Art Diplomatie wird oft mit Blut geschrieben."

"Menschliche Ziele, nach Grad der Wichtigkeit geordnet"

Darin gibt es einen langen Absatz über "menschliche Ziele, nach Grad der Wichtigkeit geordnet". Zunächst seien die anzutreffenden Juden zu töten, so Murkrin. Er ist auch Erfinder der Praxis, westliche Geiseln vor laufender Kamera ermorden zu lassen und die Bilder im Internet zu verbreiten.

Als zweites, forderte Murkrin, ermorde man die Christen und die "vom Glauben abgefallenen" Muslime. Unter den Juden wiederum gelte es, zunächst israelische und US-amerikanische, sodann "britische, französische und so weiter" zu töten. Eine weitere Unterordnung sieht vor, als erstes Geschäftsleute und Wirtschaftswissenschaftler, später Diplomaten und Gelehrte zu töten.

Diese Rangfolgen orientieren sich an politischen ebenso wie ideologischen Kriterien - mit Sicherheit aber spielte für Mukrin, den grausamen Meister der Inszenierung und Propaganda, auch eine andere Frage eine Rolle: mit welchen Opfern man am meisten Aufmerksamkeit erregt und damit Schrecken verbreitet werden kann.

Seine eigene Organisation, al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, demonstrierte die Umsetzung dieser Doktrin schon im Mai desselben Jahres, als ihre Kämpfer einen Wohnkomplex für ausländische Arbeiter in Saudi-Arabien angriffen. Über zwei Tage zogen sich die Kämpfe hin, 22 Menschen wurden ermordet - und al-Qaida berichtete im Internet fast in Echtzeit vom Versagen der saudischen Sicherheitsbehörden.

Vor allem aber wurden hier die Opfer selektiert, genau wie von Mukrin gefordert. In einem Interview mit dem eigenen Online-Magazin erklärte der Anführer der Terroristen, er habe zunächst die muslimischen Opfer von den anderen getrennt, damit ihnen nichts geschehe. Weiter sagte er: "Wir betraten (dann) ein Büro und fanden einen Amerikaner, der aussah, als sei er der Direktor… Ich verpasste ihm eine Kugel in den Kopf, und sein Kopf explodierte."

Al-Qaida und der "Kampf in den Städten"

Die saudische Qaida-Filiale war es auch, die ein einprägsames Bild für den "Kampf in den Städten" prägte: Die Mudschahidin, schrieben sie, müssten agieren "wie ein Floh, der einen Hund so lange an den empfindlichen Stelle beißt, bis er umfällt."

VIDEOCHRONIK

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Mukrins Schriften waren vornehmlich für den Gebrauch in Saudi-Arabien gedacht, aber es war klar, dass er sie allen Kämpfern an allen Fronten zur Verfügung stellen wollte. Bei vielen seiner taktischen und strategischen Aufsätze bediente er sich aus der "Enzyklopädie des Dschihad", den gesammelten Unterrichtsmaterialien al-Qaidas aus den afghanischen Trainingslagern aus der Zeit vor dem 11. September 2001.

Auch dort gab es schon erste Überlegungen zur urbanen Kriegsführung, die zum Teil aus öffentlichen westlichen Quellen ins Arabische übersetzt worden sein sollen. Dass Bin Ladens Männer sich mit diesem Thema überhaupt befassten, ist weniger absurd als zunächst scheinen mag. Denn al-Qaida hat nie nur Großanschläge gegen westliche Ziele wie bei 9/11 geplant, sondern stets auch Aufstände und Umstürze in der islamischen Welt - und da konnten entsprechende Kenntnisse durchaus von Nutzen sein. Mukrin etwa beschrieb ausführlich, wie man "tote Briefkästen" in einer urbanen Umgebung einrichtet, ein Objekt observiert, einen Anschlag plant.

Außerdem zeigte sich bei den ersten Haus-zu-Haus-Schlachten zwischen irakischen Aufständischen und US-Armee, wie wenig vorbereitet man war. Al-Qaida und Co. lernten schnell hinzu - und bereiteten den Amerikaner fortan wesentlich schwierigere und verlustreichere Gefechte. Heute wiederum ist dieses in der Praxis erprobte Wissen längst in Afghanistan und bei den Taliban angekommen.

Noch ist keineswegs belegt, dass die Terroristen von Mumbai überhaupt eine Beziehung zu al-Qaida haben. Unwahrscheinlich ist es nicht. Auch ohne eine solche Connection ist es vorstellbar, dass der Gedanke der Opfer-Selektion im Städtekampf sich bei ihnen selbständig entwickelt hat. Er entspringt schließlich der gemeinsamen Ideologie, die davon ausgeht, dass es so etwas wie unschuldige Zivilisten nicht gibt: Jeder Jude ist hier ein Unterstützer Israels, jeder amerikanische Wähler mitverantwortlich für die Politik seines Landes.

"Wir müssen Juden und Christen töten", schrieb Mukrin. "Alle Zellen auf der Welt sollten sich nicht um geografische Grenzen scheren, sondern die ungläubigen Länder zu Orten ihrer Operationen machen und sie damit und mit sich selbst beschäftigen."

ANSCHLÄGE IN INDIEN

29. Oktober 2005

Drei Tage vor dem populären Hindu-Lichterfest Diwali werden bei einer Bombenserie in der Hauptstadt Neu Delhi mindestens 60 Menschen getötet und mehr als 250 verletzt.

8. September 2006

11. Juli 2006

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