Ein Kommentar von Claus Christian Malzahn
Armee und ISI verschlingen einen Großteil des Staatshaushaltes und führen ein fraktioniertes Eigenleben. Verbindungen zu den Taliban, zu islamistischen Gruppen in Kaschmir und in Indien sind historisch gewachsen.
Es ist nicht Pakistans einziges Problem. Der Internationale Währungsfonds musste dem Land gerade mit vielen Milliarden aushelfen. Es ist so gut wie bankrott. Die politische Führung ist stellenweise korrupt - und eher einflusslos, was den militärisch-geheimdienstlichen Komplex betrifft.
Und irgendwo im Land lagern Atomwaffen. Die USA versicherten zwar stets, die Massenvernichtungswaffen in den Bunkern zwischen Karatschi und Lahore seien sicher. Aber das war, bevor US-Kampfhubschrauber über pakistanischem Gelände von ihren angeblich engsten Verbündeten im Anti-Terror-Kampf beschossen wurden.
Pakistan ist in politischer Hinsicht beinahe ein "failed state", ein gescheiterter Staat. Das sagt nur kein westlicher Staatsmann laut - weil ein solch offenes Eingeständnis die Lage auch nicht gerade erleichtern würde.
Die Pakistaner müssten jetzt handeln
Der nächste US-Präsident scheint über die realen Kräfteverhältnisse in Pakistan immerhin Bescheid zu wissen. Barack Obamas Rhetorik hob sich in dieser Hinsicht schon während des Wahlkampfs überraschend deutlich von seinem Konkurrenten John McCain ab. Der Republikaner rückte diplomatische Gespräche mit der Regierung in Islamabad in den Mittelpunkt. Obama brachte offen eine militärische Intervention in den Stammesgebieten ins Gespräch. Dass die US-Armee dort stärker als bisher militärisch intervenieren wird als bisher, scheint fest zur Agenda des 44. Präsidenten zu gehören. Dem angepeilten US-Abzug aus dem Irak könnte in einem Worst-Case-Szenario tatsächlich der Einmarsch in Pakistan folgen. Das muss in seiner vollen Dimension nicht einmal so gewollt sein - auch Vietnam war ja nicht als jahrelanger Krieg geplant.
Mit der pakistanischen Regierung wird Obama natürlich reden. Aber die Tatsache, dass er auf eigene militärische Stärke setzt, zeigt, dass er die politischen Kräfteverhältnisse in der Armee und Regierung Pakistans ebenso pessimistisch wie nüchtern beurteilt.
Schon die kommenden Wochen werden zeigen, zu welchen Anstrengungen beim Anti-Terror-Kampf die Pakistaner selbst noch in der Lage sind. Wenn sie ein Auftrumpfen der Amerikaner verhindern wollen, müssen sie jetzt handeln.
Clausewitz würde verzweifeln
Die Chancen freilich, die Dschihad-Zone mit ein, zwei, drei Militäraktionen zu bereinigen, sind sehr gering. Wer auch immer den Kampf dort nun endlich angehen will, sollte sich auf einen langwierigen Kampf einstellen.
Denn es ist schwer, einen Krieg zu gewinnen, in dem die Gegenseite einerseits weder moralische, militärische noch staatliche Grenzen akzeptiert - sich andererseits aber ständig hinter ihnen verschanzt. Selbst Clausewitz würde hier fast verzweifeln.
Das Ziel eines Krieges sei es, den Feind wehrlos zu machen, schrieb er. Aber wo soll man da anfangen, wenn man in den Stammesgebieten oft nicht einmal zwischen harmlosen Bauern und getarnten Kämpfern unterscheiden kann?
Die Dschihadisten, die Mumbai in eine Killing Zone verwandeln wollten, haben Hindus, Juden, Amerikaner, Briten, auch Deutsche auf dem Gewissen. Ihre Gesinnungsgenossen töten auch Muslime, jeden Tag – in Pakistan traf es kürzlich bei dem verheerenden Anschlag auf das Marriott-Hotel viele Festgruppen, die das Fastenbrechen zum Ramadan zelebrierten.
Man wird diese Todesschwadrone nur besiegen können, wenn die politischen Akteure des Subkontinents das grenzenlose Spiel ihrer Gegner durchschauen, wenn sie gemeinsam handeln und sich gegenseitig in die Karten gucken lassen. Das freilich setzt Vertrauen voraus - ein Gut, das zwischen Pakistan und Indien seit langer Zeit nicht mehr gehandelt wird.
Indiens Regierung wurde von der Wucht der Anschläge zwar voll erwischt und weiß im Moment noch nicht genau, wo sie ihre Energien im Anti-Terror-Kampf bündeln soll. Allerdings ist sie im Gegensatz zu ihren pakistanischen Gesprächspartnern offenbar im Vollbesitz ihrer Kräfte. Auch ihr kommt nun besondere Verantwortung zu.
Bemerkenswert ist, dass Indiens Außenminister "Elemente mit Verbindungen nach Pakistan" für das Massaker verantwortlich gemacht hat. Vor ein paar Jahren hätte es vielleicht noch "pakistanische Elemente" geheißen. Das ist im Great Game gegen den Terror auf dem Subkontinent ein ebenso wichtiger wie feiner Unterschied – und bei den deprimierenden Aussichten der Region ist man ja dankbar für jede hoffnungsschimmernde Nuance.
Vielleicht entschließen sich die beiden Regierungen zu einer Notgemeinschaft. Immerhin haben sie denselben Gegner.
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