Es ist eine sorgfältig geplante, großangelegte Kommando-Aktion, mit der eine Gruppe schwerbewaffneter Terroristen Mumbai seit Mittwochabend im Kriegszustand hält. Noch immer ist unklar, wie viele Männer genau an der Aktion beteiligt waren und woher sie tatsächlich kamen. Fest steht jedoch, dass es sich um einen militärisch geplanten und durchgeführten Angriff handelt.
Wie kamen die Terroristen in die Stadt?
Die indischen Behörden gehen inzwischen davon aus, dass zumindest ein Teil der Angreifer mit Schlauchbooten an der Küste in Mumbai ankam. Indische Medien zeigten Bilder mehrerer am Ufer zurückgelassener Boote. Der israelischen Zeitung "Haaretz" zufolge fand man an Bord eines der Gummiboote auch Waffen und Handgranaten.
Die "Financial Times" zitiert einen Augenzeugen, der berichtet, wie ein Schlauchboot mit acht jungen Männern mit großen Taschen oder Rucksäcken in der Nähe der Fischer-Siedlung Cuffe Parade am südlichsten Zipfel Mumbais anlegte. Sechs der Männer seien ausgestiegen, die zwei übrigen weitergefahren. Auf Nachfragen hätten die bepackten Männer angegeben, sie seien "Studenten". Insgesamt, so die "Financial Times", seien 20 bis 25 Männer auf Booten in die Stadt gekommen.
Möglicherweise kamen die Täter oder ein Teil von ihnen an Bord eines indischen Fischer-Trawlers vor die Küste. Das Schiff sei dort von den Behörden verlassen aufgefunden worden, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen ungenannten Vertreter der indischen Küstenwache. Man habe an Bord eine Leiche sowie Kommunikationsausrüstung gefunden. Der indische Fernsehsender NDTV berichtete unter Verweis auf ungenannte Quellen, dass der Trawler vor zwei Wochen in pakistanischen Gewässern entführt worden sei. Die indische Marine untersuchte offenbar aber auch noch weitere Schiffe, zwei aus Pakistan stammende und ein in Panama registriertes.
"Mit dem Grundriss der Hotels bestens vertraut"
Dem indischen Sender NDTV zufolge sagte ein indisches Kabinettsmitglied, die Terroristen hätten bereits im Vorfeld der Anschläge "Kontrollräume" in den Hotels "Taj Mahal" und "Trident/Oberoi" eingerichtet gehabt. "Seit Monaten" seien die Ziele offenbar ausgekundschaftet worden. Die "Washington Post" zitiert einen ungenannten Geheimdienst-Vertreter, der berichtet, die Terroristen hätten eine CD-Rom mit Bildern aller Anschlagsziele bei sich gehabt.
Der vermummte Sprecher eines indischen Sondereinsatzkommandos sagte bei einer Pressekonferenz nach einem Einsatz im "Taj Mahal"-Hotel, es sei "offensichtlich, dass die Terroristen irgendwo ausgebildet wurden. Nicht jeder kann AK-Sturmgewehre so bedienen und Granaten so werfen". Verschiedenen Augenzeugenberichten zufolge trugen die Täter Beutel mit Mandeln als Energiespender bei sich. Bei den getöteten Terroristen habe man AK-Sturmgewehre, große Mengen Munition, verschiedene Typen von Handgranaten vermutlich chinesischer Herkunft, 1200 US-Dollar sowie indisches Bargeld, Kreditkarten mehrerer großer Banken und Dörrobst gefunden, sagte der Elitesoldat.
Die Terroristen hätten den Grundriss des Hotels besser gekannt als die Sicherheitskräfte, ja sogar besser als die Hotelangestellten, sagte der Offizier. "Sie waren mit dem Grundriss bestens vertraut, als ob sie ihn vorher vermessen hätten", zitiert der britische "Guardian" aus der Pressekonferenz. "Sie waren Leute ohne jede Gnade, sie schossen auf jeden, dem sie begegneten."
Wie die Täter angriffen
Zwischen 21.15 und 21.30 Uhr Ortszeit begann die erste der kleinen Terroristengruppen ihren Angriff auf das bei einheimischen Künstlern und internationalen Touristen beliebte Café Leopold. Dem "Guardian" zufolge betraten fünf Männer mit AK-47-Sturmgewehren im Anschlag das Café, eröffneten ohne Warnung das Feuer und warfen Handgranaten in den Raum. Anschließend bangen in der Küche und in Nebenräumen verschanzte Gäste stundenlang um ihr Leben, während sich andere durch Fenster ins Freie retten. Das kurz darauf ebenfalls attackierte Hotel "Taj Mahal" liegt in unmittelbarer Nähe des Café Leopold.
Gegen 21.45 Uhr betreten mehrere Täter den weiter nördlich gelegenen Bahnhof Chhatrapati Shivaji Terminus. Sie sind ebenfalls mit AK-Sturmgewehren, Sten Guns und Handgranaten bewaffnet. Der "Guardian" zitiert einen in einem Bahnhofscafé angestellten Mann mit den Worten, zwei schwarz gekleidete Männer seien in den Bahnhof gekommen, hätten Waffen aus ihren Taschen gezogen und sofort begonnen, auf die Pendler zu schießen: "Während einer ein neues Magazin in seine Waffe schob, feuerte der andere weiter. Sie schienen ruhig und gelassen. Sie waren kein bisschen in Eile. Sie schienen überhaupt keine Angst zu haben." Die Täter hätten am Fahrkartenschalter "einfach wahllos auf Leute gefeuert" und seien anschließend davongerannt, berichtete ein weiterer Augenzeuge. Auch auf einem Bahnsteig schießen die Täter auf Menschen.
Laut dem lokalen Nachrichtensender CNN IBN bewegten sich gegen 22.30 Uhr einige der Täter vom Bahnhof aus weiter zum Sitz der lokalen Verwaltung BMC.
Zeitgleich mit der Attacke auf den Bahnhof oder kurz darauf beginnen auch die Angriffe im Hotel "Taj Mahal", im Hotel "Oberoi" und dem Nariman House, dem Sitz der jüdischorthodoxen Gruppe Chabad Lubavitch. Insgesamt werden zehn verschiedene Ziele in der Stadt angegriffen, zudem gibt es verschiedene Berichte über Terroristen, die im Vorbeifahren von Autos aus auf Menschen schießen. Die Täter, die später das Nariman House besetzen, werfen vorher eine Handgranate auf eine nahegelegene Tankstelle, verfehlen aber das offenbar angestrebte Ziel, die dortigen Treibstofftanks in die Luft zu sprengen.
Zwischen 22.15 und 22.30 Uhr beginnen Terroristen, auf Polizei und Militär zu feuern, die vor dem "Taj Mahal"-Hotel Position bezogen haben.
Gegen 22.40 Uhr tauchen einige der Terroristen im in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhof Chhatrapati Shivaji gelegenen Cama-Krankenhaus auf. Wenig später treffen laut CNN IBN drei hochrangige Polizeibeamte im Cama Hospital ein, einer von ihnen ein auf bewaffnete Auseinandersetzungen spezialisierter Veteran. Alle drei tragen Schutzwesten. Dennoch sind sie wenige Minuten, nachdem sie das Gebäude betreten haben, tot, erschossen von den Terroristen. Die nutzen die Gelegenheit und stehlen das Polizeifahrzeug, in dem die Polizisten gekommen sind. Sie rasen davon, vorbei an einer großen Gruppe von Kameraleuten und anderen Journalisten, die sich an einer Straßenkreuzung postiert haben. Die vorbeifahrenden Terroristen schießen in die Menge und töten mindestens einen Menschen - ein IBN-Kameramann filmt die Attacke. Die Fahrt endet am südwestlich der Klinik gelegenen "Oberoi"-Hotel, wo die Männer in ein anderes Fahrzeug umsteigen. Kurz darauf werden sie CNN IBN zufolge von einem Polizeitrupp niedergeschossen.
Mittlerweile haben sich im "Oberoi"-Hotel, im Taj und im Bürokomplex Nariman House Terroristen verschanzt und Geiseln in ihre Gewalt gebracht. Zuvor haben sie zahlreiche Gäste getötet. Augenzeugen berichten, dass gezielt nach Hotelgästen mit britischen und US-amerikanischen Pässen gesucht wurde. Die überwiegende Mehrheit der über 150 bislang gemeldeten Todesopfer sind jedoch Einheimische.
Am Donnerstagmorgen, 27. November sind in beiden Hotels Brände ausgebrochen. Im "Taj Mahal" brennt es bereits seit drei Uhr morgens Ortszeit. Spezialkräfte gehen in den Hotels von Zimmer zu Zimmer, töten mehrere Terroristen, müssen aber auch selbst Verluste hinnehmen.
Am Freitag, 28. November, gelingt es den indischen Sicherheitskräften offenbar, das "Oberoi"-Hotel vollständig zu räumen. Später, nach einer langwierigen Operation, die auch den Einsatz von Hubschraubern einschließt, werden auch zwei Terroristen im Nariman House getötet. Mindestens fünf Geiseln kommen ums Leben.
Im "Taj Mahal" verschanzt sich weiterhin mindestens einer der Terroristen. Er soll zwei weitere Geiseln in seiner Gewalt haben. Einigen Berichten zufolge könnten sich dort aber auch noch mehrere der Täter aufhalten.
Bis zum Freitagabend Ortszeit seien mindestens neun der Terroristen getötet und einer verhaftet worden, sagte ein hoher Beamter der Nachrichtenagentur AP. Sollten wirklich 20 bis 25 an den Aktionen beteiligt gewesen sein, fragt sich, wo die übrigen geblieben sind.
Mit Material von AP und Reuters
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