Von Thilo Thielke, Bangkok
Bangkok - Es ist ein bisschen wie am Morgen nach dem Schützenfest. Vor dem Suvarnabhumi-Flughafen, 30 Kilometer östlich von Bangkok, herrscht Katerstimmung. Die Halbstarken haben sich längst aus dem Staub gemacht und ihre Knüppel und Helme und den ganzen Stacheldraht liegengelassen - die Hausfrauen räumen den Dreck jetzt weg.
Emsig feudeln sie durch die Abflughalle und schleppen Plastiksäcke mit leeren Getränkedosen und anderem Unrat hinaus. Vor der Tür lungern noch ein paar desorientierte Besatzer herum, die nicht wahrhaben möchten, dass das schöne Happening vorbei ist.
Sie singen und lächeln entrückt, und einige haben Säuglinge auf dem Arm. Ein wenig verloren kauert die Ladenbesitzerin Nekapus, 45, an der Flughafenbalustrade. Sie muss wohl wieder nach Hause, zurück nach Udon Thani in Thailands Nordosten.
Vor einer Woche hatte sie ihre Familie im Stich gelassen, um in Bangkok die Regierung zu stürzen. Nun ist die Show vorbei, und Pui, wie sie gerufen wird, wird ihre Freunde verlassen. Auch Hausbesetzern tut das Scheiden weh. "Unsere Führer haben uns gesagt, wir müssten jetzt gehen", sagt Pui mit nachgerade soldatischem Pflichtbewusstsein, "dann gehen wir eben: Die Aktion ist beendet."
Den Drill hat sie von General Pathompong Kesornsook bekommen. Der zackige Offizier hat die siebentägige Blockade des Internationalen Flughafens organisiert. Jetzt lässt er sich von seinen Leuten feiern und schreibt fleißig Autogramme auf gelbe Tücher, die für zehn Baht (rund 20 Cent) erworben werden können.
"Alles ist wieder frei: die Flughäfen und auch das Regierungsgebäude", sagt Pathompong SPIEGEL ONLINE, "wir werten das Gerichtsurteil, das den Premierminister zum Rücktritt zwingt, als Erfolg, jetzt gehen wir alle nach Hause. Wir haben gesiegt und sind alle wieder ganz entspannt."
Aber die Abgeordneten der regierenden People's Power Party (PPP) werden doch auch den nächsten Premierminister bestimmen können, sie wechseln einfach den Namen ihrer Partei und stellen auch weiterhin die Mehrheit im Parlament?
"Wir werden sie sehr genau im Auge behalten. Wenn sie wieder eine Marionette des früheren Premiers Thaksin Shinawatra wählen, werden wir einfach erneut in Aktion treten."
Hat Ihr Protest dem Land nicht geschadet?
"Die Touristen werden wiederkommen."
Vielleicht hätte es des Protestes nicht bedurft
Warum die Flughafenbesetzer von der oppositionellen Volksallianz für Demokratie jetzt abziehen, ist nicht unbedingt verständlich. Viele Beobachter sind der Ansicht, dass das Verfassungsgericht des Landes die PPP auch ohne Massenproteste verboten hätte.
Im September schon stürzte es Somchais Vorgänger Samak Sundaravj, weil der zwei Kochshows moderiert hatte. Die obersten Richter gelten vielen Thais ohnehin als parteiisch. Um Somchai und die PPP loszuwerden, hätte es vielleicht all der Aktionen, die dem Land so großen wirtschaftlichen Schaden zufügen werden, gar nicht bedurft.
Oder wurde da hinter den Kulissen möglicherweise ein Deal zwischen der gerade gestürzten Regierung und der gelben Opposition ausgehandelt? Die Regierung, die sich unter anderem aus Furcht vor einem Militärputsch in ihre Hochburg Chaing Mai zurückgezogen hat, will davon nichts wissen.
Am Abend nach dem Urteil wimmelt es in Bangkoks Innenstadt von Rothemden, wie sich die Regierungsfreunde nennen. Auch Regierungssprecher Nattawut Saikua ist zum Aufmarsch gekommen. Ein wenig trübsinnig wirkt er schon nach dem Verbot seiner Partei, dennoch ist er zuversichtlich, dass sich nicht viel ändern wird. "Ich gehe davon aus, dass das Parlament bereits am achten Dezember einen neuen Premierminister ernennen wird", sagt er SPIEGEL ONLINE, "und der wird wieder aus unseren Reihen kommen. Die Koalition steht."
"Aus dem Ausland gab es Druck"
Ob er denn dann erklären kann, warum die Opposition die Blockade des Government House und der beiden Flughäfen beendet, obwohl sie ihrem Ziel, an die Macht zu kommen, keinen Schritt näher gekommen ist? "Wahrscheinlich hat sie einen Weg gesucht, aus der misslichen Lage, in die sie sich selbst gebracht hat, ohne Gesichtsverlust herauszukommen. Die tagelange Blockade der Flughäfen hat ihrem Ansehen sehr geschadet. Auch aus dem Ausland gab es Druck."
Das Urteil des Verfassungsgerichts gebe den Flughafenbesetzern nun wenigstens die Möglichkeit, ihre Aktionen wie einen Sieg erscheinen zu lassen. Doch noch immer sei die Lage extrem angespannt. "Wenn die staatliche Ordnung zusammenbricht, wird es immer gefährlich", sagt Nattawut Saikua, "denken sie an Weimar oder den Kongo. Das ist überall auf der Welt so."
Zunächst aber kehrt wieder Ruhe ein. Durch das Flughafengebäude streifen Polizisten mit Schäferhunden. Über dem Terminal kreist ein Helikopter. Die ersten Mitarbeiter von Thai Airways werfen ihre Computer an. Sicherheitsüberprüfungen werden durchgeführt, Schäden begutachtet.
Wie lange es dauert, bis der Normalbetrieb hier wieder läuft, weiß derzeit niemand genau. Am Mittwochmorgen (MEZ) flogen jedenfalls die ersten der 350.000 gestrandeten Touristen ab.
Besonders betroffen sind noch immer Individualreisende, die Linienflüge gebucht haben. Die großen Reiseveranstalter hingegen haben bereits einen Großteil ihrer Klientel über Ausweichflughäfen heimgebracht.
Auch der 60-jährige Makler Kong aus Bangkok kann jetzt nach Hause gehen. Drei Tage hat er sich Urlaub von der Arbeit genommen, drei Tage hat er Revolution gemacht, nun muss er wieder Häuser verkaufen. "Es waren aufregende Tage", sagt der Makler. Und wenn es erneut losgeht, will er wiederkommen.
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