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08.12.2008
 

Pakistan

Behörden bestätigen Festnahme von Drahtzieher der Mumbai-Anschläge

Von Matthias Gebauer

Der internationale Druck auf Pakistan wächst - jetzt greift Islamabad durch: Einsatzkräfte haben in Kaschmir mehrere Mitglieder einer islamistischen Terrorgruppe festgenommen. Darunter ist auch der mutmaßliche Chefplaner der Anschläge von Mumbai.

Hamburg - Pakistan greift offenbar härter gegen Extremisten im eigenen Land durch: Im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Mumbai haben die pakistanischen Behörden mehrere Mitglieder einer der radikal-islamischen Rebellengruppe Lashkar-i-Toiba nahestehenden Hilfsorganisation festgenommen. Zur Anzahl der Festgenommenen schwanken die Angaben von 3 bis 15 Personen.

Rechtsgerichtete Shiv-Sena-Aktivisten verbrennen im indischen Amritsar eine Puppe, die für Lashkar-i-Toiba stehen soll - die pakistanische Terrorgruppe, die hinter den Anschlägen von Mumbai stehen soll
AFP

Rechtsgerichtete Shiv-Sena-Aktivisten verbrennen im indischen Amritsar eine Puppe, die für Lashkar-i-Toiba stehen soll - die pakistanische Terrorgruppe, die hinter den Anschlägen von Mumbai stehen soll

Die Männer seien am Sonntag in einem Vorort von Muzaffarabad, der Hauptstadt des pakistanischen Teils von Kaschmir, festgenommen worden, sagte ein ranghoher Geheimdienstmitarbeiter am Montag. Behörden bestätigten am Montagnachmittag, dass ein mutmaßlicher Drahtzieher der Terroranschläge von Bombay gefasst worden sei. Der Mann gehöre zu den Verdächtigen, die von Indien gesucht würden. Zaki-ur-Rehman Lakhvi sei in dem Lager militanter Islamisten festgenommen worden, das am Sonntag von den pakistanischen Streitkräften ausgehoben wurde. Zuvor hatte bereits die Zeitung "Dawn" über die Festnahme Lakhvis berichtet.

Die Nachricht von den Festnahmen kam wenige Stunden, nachdem US-Außenministerin Condoleezza Rice Pakistan zum Handeln aufgefordert hatte. Es gebe Hinweise, dass die Anschläge auf pakistanischem Boden vorbereitet worden seien, sagte Rice am Sonntag.

Waren es zunächst nur vage Vorwürfe aus indischen Geheimdienstkreisen, sehen mehr als eine Woche nach den verheerenden Anschlägen auch die westlichen Sicherheitsbehörden eindeutig Lashkar-i-Toiba hinter dem Blutbad von Mumbai. "Es gibt kaum noch einen Zweifel, dass die Anschläge von Pakistan aus geplant wurden", sagte ein Geheimdienstmann, der an dem Fall arbeitet. Bei den Angriffen auf zwei Luxushotels, das Jüdische Zentrum, einen Bahnhof und weitere Ziele waren Ende November nach offiziellen Angaben 163 Zivilisten und Sicherheitskräfte sowie neun Attentäter getötet worden.

Mehrere Quellen, die Auswertung von elektronischer Aufklärung plus die Aussagen des einzigen lebend festgenommenen Attentäters fügten sich laut Aussage eines hochrangigen deutschen Geheimdienstmitarbeiters Ende vergangener Woche zu einem "schlüssigen Bild, das nur eine Täterschaft der Lashkar-i-Toiba zulässt". Allerdings fügte er auch hinzu, dass die Angriffe nicht ohne die Hilfe von "lokalen Kräften" organisiert worden sein könnten. Die Gruppe der Täter bezifferte der Experte auf "mehr als 40".

Die Terrorgruppe Lashkar-i-Toiba war Ende der achtziger oder Anfang der neunziger Jahre vom pakistanischen Geheimdienst mehr oder minder aufgebaut worden, um den Guerillakonflikt mit Indien um die umstrittenen Gebiete Kaschmirs anzuheizen. Seit dem Jahr 2002 ist die Lashkar-i-Toiba auch in Pakistan verboten. Die noch immer legale Wohltätigkeitsgruppe Jamaat-ud-Dawa allerdings gilt westlichen Geheimdiensten ausschließlich als Tarnung für die Lashkar-i-Toiba. Ihr Anführer, der 63-jährige Hafis Mohammed Said, hat sich den Ruf einer Legende im Kampf gegen Indien erworben und lebt völlig unbehelligt in der pakistanischen Metropole Lahore. Er selbst stritt in einigen Interviews mit westlichen Zeitungen jegliche Beteiligung ab. Recht selbstsicher behauptete er stets, dass es keine Beweise gegen ihn gebe.

Terrorinstruktionen per Smartphone

Außer den Aussagen des Festgenommenen sind es vor allem abgehörte Telefonate, die auf Drahtzieher in Pakistan hinweisen. So liegen westlichen Geheimdiensten Mitschnitte vor, in denen die Attentäter noch von Mumbai aus mit dem nun möglicherweise gefassten hochrangigen Lashkar-Mann, dem Kommandeur Zaki ur-Rehman Lakhvi, kommunizierten. Lakhvi soll die Täter konkret instruiert haben.

Außerdem hielten die Attentäter Kontakt mit einem weiteren Kämpfer der Gruppe, dessen Namen die verschiedenen Dienste entweder mit Yussouf oder Muzammil angeben. Bei ihm soll es sich um einen mit Operationen betrauten Lashkar-Mann handeln. Teilweise sollen die Attentäter auch per Smartphone mit ihren Anführern kommuniziert haben, ergab eine Auswertung aller Verbindungsdaten.

Mittlerweile haben westliche Geheimdienste, darunter auch der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND), eine detaillierte Rekonstruktion des Angriffs erstellt. Waren die Analysten am Anfang noch von den vielen Orten des Anschlags überrascht, zeigen sie sich mittlerweile fast schockiert von der konzertierten Aktion. Fast respektvoll sprach ein deutscher Analyst von einer "Tat, die wir so noch nie gesehen haben". Planung, Ausrüstung und Planung seien hochprofessionell gewesen.

"Das waren keine dummen Jungs"

Es sind vor allem die Details der Attacke, die den Diensten Sorgen machen. Allein die Ausrüstung - alle zehn Täter hatten AK-47-Gewehre russischer Bauart, Pistolen chinesischen Typs, die gleiche Menge Munition und die gleichen Handgranaten - weist laut Geheimdienstanalyse auf eine "straffe militärische Ausbildung" hin. "Die Schützen wussten, wie sie mit den Waffen umgehen mussten und wie tödlich diese sind", sagte der Geheimdienstmitarbeiter, "das waren keine dummen Jungs, sondern eine ganz neue Qualität von Terroristen".

Trotz der akribischen Planung der Anschläge sind sich europäische Geheimdienste recht sicher, dass es sich bei den Anschlägen nicht um das Werk von al-Qaida handelt. So führten mehrere Analysten gleichlautend an, die Lashkar-i-Toiba sei immer noch eine lokale Gruppe ohne wirkliche Schnittmengen mit dem internationalen Terrorismus. Auch das Einsickern von ausländischen Kämpfern habe man bisher nicht beobachtet. Zwar unterhalte auch Lashkar-i-Toiba Trainingslager im Grenzgebiet zu Afghanistan, doch bisher hat man keine Hinweise auf eine Internationalisierung der Gruppe.

Im Grenzgebiet zu Afghanistan ist es erneut zu schweren Unruhen gekommen. Terroristen haben in der zweiten Nacht in Folge ein Lkw-Depot in Pakistan angegriffen, von dem aus die Nato-Truppen in Afghanistan versorgt werden. Augenzeugen berichteten von einer Explosion. Anschließend hätten mehrere Kämpfer das Gelände in Peschawar gestürmt. Rund 50 Militärfahrzeuge brannten aus.

Erst am Sonntag war bei einem Überfall auf ein Lkw-Depot in Nordwestpakistan ein Polizist ums Leben gekommen. Die Angreifer setzten 62 Lastwagen der Einrichtung in Brand, die ebenfalls der Versorgung von Nato-Truppen in Afghanistan dient. Es wird vermutet, dass Extremisten der Taliban-Miliz den Nachschub für die internationalen Truppen in Afghanistan treffen wollen, der zu einem großen Teil von Pakistan aus über den Khyber-Pass geführt wird.

mit Material von AFP/AP/Reuters

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