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10.12.2008
 

Nächtliche Krawalle in Athen

Frust, Steine, Scherben

Aus Athen berichtet Jörg Diehl

Aufruhr statt Entspannung: Nach der Beerdigung des 15-jährigen Alexandros in Athen ist es in der Nacht erneut zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und Polizei gekommen. Es scheint, als wollten oder könnten beide Seiten die Konfrontation nicht beenden.

Steine liegen auf den Straßen, Tausende und Abertausende sind es, dazwischen Eisenstangen, Latten aus Holz und Geschosshülsen. Durch die Luft wabert der beißendscharfe Geruch von Tränengas und geschmolzenem Plastik. Mülltonnen brennen, ein japanischer Kleinwagen ist umgestürzt und die Schwarzvermummten hinter dem schützenden Zaun der Polytechnischen Hochschule brüllen sich die Seele aus dem Leib:

"Bullen, Schweine, Mörder!"

"Bullen, Schweine, Mörder!"

Ausnahmezustand in Athen: Polizisten versuchen, zum Gelände der Universität vorzudringen
AP

Ausnahmezustand in Athen: Polizisten versuchen, zum Gelände der Universität vorzudringen

Ihnen gegenüber, 10, vielleicht 20 Meter entfernt, ein Zug Bereitschaftspolizisten. Knüppel, Schilde, weiße Helme. Von der vielbeschworenen Deeskalationsstrategie ist in der Nacht zum Mittwoch nicht viel zu spüren: "Kommt doch, ihr Feiglinge! Kommt raus und kriegt uns", brüllt der Truppführer, greift sich einen Stein und schleudert ihn in Richtung Demonstranten. Seine Männer tun es ihm nach - Revolte andersrum.

Es ist die vierte Nacht, seit der Schüler Alexandros Grigoropoulos, 15, am Samstag durch einen Schuss aus der Waffe eines Polizisten getötet wurde. Und noch immer kommt die griechische Hauptstadt nicht zur Ruhe. Fast scheint es, als hätten beide Seiten auf eine unheilvolle Art und Weise inzwischen Gefallen an dem Ausnahmezustand gefunden: Aufruhr statt Stillstand.

"Polizisten und Autonome sind in einer tiefen Hassliebe miteinander verbunden", behauptet der Filmemacher Yannis, 35, der in dieser Nacht mit einem Kumpel durch die Straßen des Athener Rebellenviertels Exarchia zieht. "Sie brauchen einander und genießen die Gewalt."

In der Tat unternehmen die Beamten immer wieder provozierende Vorstöße gegen die Hochschule, deren Gelände sie nicht betreten dürfen. Sie strecken den Aufrührern ihre Mittelfinger entgegen oder feixen: "Daneben, daneben!" - wenn ein Steinhagel über sie hinweggeht. Warum aber ziehen sie sich nicht endlich weiter zurück, trüge das doch ganz sicher zur Entspannung der Lage bei?

Seit dem Studentenaufstand gegen die Junta vom 17. November 1973 sind die Hochschulen für Polizisten No-go-Areas. Die Randalierer können sich daher dort unbehelligt verschanzen. Offenbar hat die Universitätsleitung kein Problem damit oder kann sich nicht dagegen wehren, dass Straftäter bei ihr Schutz suchen.

Von den Autonomen hieß es bislang, sie kämpften gegen den verkrusteten, korrupten Staat, gegen die Perspektivlosigkeit der Jugend, die hohe Arbeitslosigkeit und das Immer-weiter-so-egal-was-noch-passiert.

Doch an diesem Abend in Exarchia hört und sieht man von den vermeintlichen Aufrührern nur plumpeste, politisch unverbrämteste Gewalt. Die jungen Randalierer sind kaum zu sehen - tragen Schwarz, beleidigen ihre Kontrahenten, werfen Steine, prügeln und zündeln. Keine politischen Slogans, keine bunten Transparente, keine Lieder. Auf einem Seiteneingang der Universität prangt der eine Satz, auf den sich ihr Protest - in dieser Nacht zumindest - zu reduzieren scheint: "Fuck the police!"

"Demonstrationen gehen in Griechenland sehr leicht in Ausschreitungen über, aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt", sagt Yannis. "Für mich sind nur zwei Szenarien denkbar: Entweder der Protest flaut am Wochenende ab. Oder die Regierung wird die Armee zu Hilfe rufen. Dann aber gibt es noch mehr Tote."

Yannis, der Mann mit dem Vollbart, der Schiebermütze und der Hornbrille, will sich nur ein Bild von der Lage machen, sagt er: "Ich kann doch nicht einfach zu Hause herumsitzen und zusehen, wie Athen abgefackelt wird." Aber in seinem Rucksack transportiert er gleich flaschenweise das Magenmittel Maalox, das - mit Wasser verdünnt - recht gut gegen Tränengas hilft.

"Viele Bürger unterstützen die Autonomen. Sie werfen von ihren Balkonen aus mit Gegenständen auf die Polizisten, legen Steinvorräte an oder geben die Positionen der Beamten durch", erzählt er.

Oder sie versorgen die Eingeschlossenen mit Medikamenten?

"Auch das kommt vor." Yannis grinst.

Er habe auswandern wollen, weil er die Unverfrorenheit der griechischen Politiker irgendwann nicht mehr ertragen habe, sagt er. "Sie stopfen sich die Taschen voll, alle wissen es - und was passiert? Nichts. Sie werden wiedergewählt." Allein aus "privaten Gründen" sei er in seiner Heimat geblieben. Mehr will er dazu nicht sagen, aber seine Augen tun es, sie zwinkern, so, wie sie nur zwinkern, wenn Männer von Frauen schwärmen.

Hinter ihm brennt ein Müllcontainer, er hat Tränen in den Augen, weil schon wieder eine Granate explodiert ist, Steine hageln auf Autos nieder, die Polizisten schreien, die Jugendlichen schreien, Menschen rennen - und Yannis zwinkert: "Das hier ist nicht das ganze Leben, mein Freund." Dann geht er, will noch "schnell etwas abgeben", jetzt, gegen Mitternacht, in der Universität.

Als die Polizei am Morgen Bilanz zieht, gibt sie bekannt, am Dienstag seien mehr als 40 Menschen festgenommen worden, mindestens sieben Polizisten seien verletzt. Von verletzten Zivilisten spricht sie nicht. Die Lage hat sich gegen Morgen etwas beruhigt. Doch für den Mittwoch drohen neue Auseinandersetzungen: Die Gewerkschaften haben zu einem landesweiten Generalstreik aufgerufen, vor Wochen schon, um gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung zu protestieren. In Athen soll die zentrale Kundgebung stattfinden.

Sie könnte der Auslöser für neue Krawalle werden.

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