Aus Athen berichtet Jörg Diehl
Die Männer haben zerschlagen, zerstört und gezündelt - und nun sind es die Athener Frauen, die an diesem trüben Donnerstagmorgen im Dunst noch immer beißender Tränengasschwaden die Bürgersteige fegen. Sie lesen Steine auf, sammeln Scherben ein und tragen keuchend die verkohlten Plastiktonnen fort. "Ich denke, es ist vorbei. Das Leben kann weitergehen", sagt eine von ihnen.
Fünf Tage und Nächte lang hat sich eine wütende Jugend auf den Straßen griechischer Großstädte austoben dürfen: Die Randalierer schleuderten Steine auf Polizisten, steckten Autos in Brand und schlugen Schaufenster ein. Sie sagten, sie hassten den Staat. Sie sagten, die Polizei sei brutal und korrupt. Sie sagten, sie wollten nicht länger in einem Land leben, in dem sie keine Zukunft hätten.
Manchmal klang es wie die Wahrheit.
"Wandere aus oder wehre dich", so die Mathematik-Studentin Angelina Stalimerou, "das sind die Alternativen meiner Generation." Die 19-Jährige beschreibt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein marodes Bildungssystem, gegen das es aufzubegehren gelte. Über neun Jahre ließen die Lehrer ihre Schüler generell unbehelligt, Leistungsdruck sei als neoliberal verpönt. Doch die Abiturprüfungen gerieten dann unvermittelt zu einer gnadenlosen Weichenstellung.
So entschieden die Resultate der Abschlussprüfungen darüber, welche Universität man werde besuchen können: je besser das Abitur, desto besser die Hochschule. Das Problem sei nur, dass man sich ausschließlich mit teurem Nachhilfeunterricht, dem sogenannten "Frondistirio", fit fürs Abitur machen könne. "In den Schulbüchern kommen die Prüfungsstoffe noch nicht einmal vor", sagt Angelina. 300 Euro monatlich hätten ihre Eltern - ihr Vater sei Konzertpianist und ihre Mutter Hausfrau - daher für den Zusatzunterricht aufbringen müssen.
Angelina hat noch drei Schwestern.
Es nimmt nicht Wunder, dass das griechische Bildungssystem den Pisa-Studien zufolge in fast allen Fächern letzte Plätze belegt. Doch selbst wenn man zu den wenigen Glücklichen gehört, die es mit einem Fabel-Abitur an die Kaderschmiede Polytechnische Hochschule schaffen, hat man längst nicht ausgesorgt.
Inzwischen ist es für fast jeden angehenden Akademiker selbstverständlich, neben seinem Studium arbeiten zu müssen, die meisten tun es täglich. Doch das größte Problem sei die hoffnungslose Situation auf dem Arbeitsmarkt, sagt Angelina. "Das macht uns Angst. Deshalb sind viele so wütend."
Jeder ihrer Freunde und Bekannten habe nach dem Ende seines Studiums mehrere Jahre lang in einem völlig anderen Beruf arbeiten müssen: Bauingenieure verkauften Schuhe, Lehrerinnen kellnerten, Anwälte übernähmen Botendienste. Jede Chance, in den "richtigen Job" zu wechseln, ergriffen die jungen Leute, sei sie noch so schlecht bezahlt: "Sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag für 700 Euro im Monat", sagt Angelina, "deswegen nennt man uns die 'Generation 700'."
Die Erinnerung an die Geschehnisse vom 17. November 1973, als die Militärjunta einen Studentenaufstand in der Polytechnischen Hochschule blutig niederschlug, ist auch bei den jungen Griechen sehr lebendig. Es gibt kaum einen Protestler, der sein Tun nicht mit dem Märtyrertum von damals vergleicht und legitimiert. Hinzu kommt, dass es unter Jugendlichen schick ist, links oder extrem links zu sein. Was die Gangster-Rapper in Neukölln, sind die Anarchisten in Exarchia.
Kaum einer ist daher von der vermeintlichen Gewissheit abzubringen, dass der am Samstag durch eine Polizeikugel getötete 15-jährige Alexandros Grigoropoulos "kaltblutig ermordet" wurde, wie man immer wieder hören kann. Das Misstrauen gegen die Ordnungshüter - nicht selten hat es sich zu unverhohlenem Hass ausgewachsen - ist in der griechischen Gesellschaft ebenso allgegenwärtig wie die Ablehnung der politischen Eliten. Auch deshalb tut der Staat sich so schwer, die Aufrührer in ihre Schranken zu weisen.
Doch was bleibt von diesen beispiellosen Ausschreitungen, was haben sie bewirkt, was wird sich ändern? Die bestenfalls pragmatische und wenig prinzipientreue Regierung des Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis ist unter erheblichen Druck geraten. Innerhalb seiner "Neuen Demokratie" formiert sich allmählich Widerstand gegen den 52-Jährigen, doch mit etwas Glück und viel Chuzpe wird er die nächsten Wochen im Amt überstehen.
Denn selbst Randalierer wie jener Vermummte, der sich Christos nennt und in den vergangenen Tagen zu den Frontkämpfern rund um die Polytechnische Hochschule gehörte, macht sich keine Illusionen über die Zukunft. "Die Regierung wird es aussitzen, Mann", flucht er auf die Frage, was nun geschehen wird, "sie werden den geschädigten Geschäftsleuten viel Geld geben, und alles geht so weiter."
Dann war alles vergeblich? Hunderte Millionen Euro Schaden nur für den Kick für den Augenblick? "Nein, nein", beschwichtigt der Straßenkämpfer a. D., "wir haben unserer Wut Ausdruck verliehen. Uns Luft gemacht. Dafür war es gut." Und überhaupt, man solle abwarten, bitteschön, denn schon sehr bald seien sie zurück. Nur verschnaufen, dann ginge es weiter: "Es wird wieder knallen."
Alles auf Anfang also in Athen.
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