Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington - Irgendwie werden die Amerikaner George W. Bush doch vermissen. Klar, da bleiben diese üblen Kriege, das Image der USA ist weltweit im Eimer, die Wirtschaft liegt am Boden. Aber für einen Lacher war der Präsident bei seinen Auftritten doch immer gut - wenn auch oft unfreiwillig. Mal fand er vor laufender Kamera den Türgriff nicht, mal bescheinigte er dem verdutzten Papst Benedikt eine "hammermäßige" Rede. Oft verdrehte er Wörter so, dass Englisch nur mühsam als seine Muttersprache zu erkennen war.
Und nun, mitten, da der Globus in Krisenstimmung versinkt, hat sich Bush als Ober-Spaß-Kommandeur selbst übertroffen.
Die Bilder von den Schuh-Geschossen der Größe 44, die ein irakischer Journalist auf den Präsidenten bei dessen Irak-Stippvisite schleuderte, halten das rezessionsgeplagte Amerika - und den Rest der Welt - seit Tagen bei bester Laune. Milliarden Menschen weltweit haben den Videobeweis des Schuh-Dramas schon gesehen. TV-Lästermaul David Letterman bescheinigt Bush, so flink wie den Wurfgeschossen sei er bislang nur dem Kriegsdienst in Vietnam ausgewichen. Im Netz kursiert bereits ein Videospiel namens "Bush's Boot Camp". In dem können die Spieler mit Pistolen auf heranfliegende Schuhe zielen, um Bushs Leben zu schützen. US-Komiker Jay Leno ätzt: "Hätte der Secret Service sich nicht wenigstens vor den zweiten Schuh werfen können?"
Dessen Agenten können über das Schuh-Drama freilich gar nicht schmunzeln. Der Secret Service, seit 1901 mit dem Schutz des Präsidenten betraut, ist ein Orden sehr ernst dreinblickender Menschen. Sie leben in einer Welt der sparsamen Gesten, mit Knopf im Ohr, seltsame Code-Wörter raunend. Die Agenten sind von Kopf bis Fuß auf Abwehr programmiert - und nun sieht es auf einmal aus, als ob Schuhe glatt durchschlüpfen könnten.
Denn die Videobilder entlarven unbarmherzig: Der erste Schuh fliegt an, Bush weicht aus, doch der irakische Journalist hat weiter freie Wurfbahn für den zweiten Streich. Der nächste Schuh fliegt, krachend landet er an der Wand. Danach erst wird der Angreifer niedergerungen - so entschlossen, dass dabei auch noch Bushs Sprecherin Dana Perino ein Mikrofon übergebraten bekommt. Aber da sind ja auch keine Schuhe mehr übrig.
Was, wenn die Wurfgeschosse gefährlicher gewesen wären?
Für den Secret Service ist die Attacke gar nicht witzig
Secret-Service-Sprecher Eric Zahren beschwichtigt: Es sei ja nur ein Mensch gewesen, der einen Schuh geworfen habe. Aber dann beginnt er ausschweifend zu versichern, alle anwesenden Journalisten bei Bushs Auftritt seien überwacht und abgetastet worden, mehrfach. Man habe Background-Checks für jeden Teilnehmer durchgeführt, die Identität überprüft. Sicherheitsexperten ergänzen: Die Agenten seien gedrillt, sich nicht gleich geschlossen auf einen solchen Angreifer zu stürzen. Denn ein Schuhwurf könne ja auch nur Ablenkungsmanöver sein, um eine gefährlichere Attacke von anderer Seite zu beginnen.
Das Murren aus Sicherheitskreisen verstummt trotz solcher Erklärungen aber nicht. Genüsslich vermelden Medien, der Werfer habe angeblich aus seinem Hass auf Amerikaner keinen Hehl gemacht und die Schuh-Attacke seit Monaten angekündigt. So gründlich kann die Sicherheitsüberprüfung im Vorfeld also nicht aufgefallen sein. In der "Los Angeles Times" mäkelt Patrick Lennon, einst ein Präsidenten-Schützer: "Ich hätte gedacht, sie reagieren schon nach dem ersten Schuh."
Klafft da etwa eine Sicherheitslücke in Größe 44? Witzig ist das eigentlich nicht. Der Secret Service trägt immer noch schwer am Trauma der Kennedy-Ermordung - und den Schüssen auf Ronald Reagan. Bush war selbst schon einmal in Gefahr, als 2005 in Georgien ein Mann mit einer Granate in seiner Nähe auftauchte.
"Wir sind selbst unser schärfster Kritiker. Wir werden uns das zu Herzen nehmen", versichert der Secret Service. Es heißt, nach dem Zwischenfall könnten Agenten noch enger an den Präsidenten rücken, damit sie auch im Schuh-Ernstfall schneller eingreifen können. Der Plan scheint klar: Kein Schuh mehr soll unbeaufsichtigt bleiben.
Und was sagt das Opfer selbst, der Präsident? Das sei schon eine komische Art gewesen, sich auszudrücken, wunderte sich Bush in einem Interview am Dienstag auf CNN - aber schaffte es spielerisch, den kleinen Schuh-Zwischenfall in seinen großen Kampf für eine freie Welt einzuordnen. Die Würfe zeigten doch, so Bushs Schuh-Trauma-Bewältigung, dass eine freie Gesellschaft entstehe. Die sei wichtig für Frieden und Sicherheit, also verspüre er keinen Zorn auf dieses System.
Wie gesagt, irgendwie wird man ihn doch vermissen.
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