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01.01.2009
 

Schriftsteller Meir Shalev

"Selbst die Linke war für diesen Krieg"

Ein Schlag gegen die Hamas war nötig - aber ein Krieg, mit dem ihr der Garaus gemacht werden soll, sei unverantwortlich, sagt der Publizist Meir Shalev im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Israel müsse in Verhandlungen mit der islamistischen Organisation eine politische Lösung finden.

SPIEGEL ONLINE: Der Krieg Israels gegen die Hamas ist sechs Tage alt. Wann wird, wann soll er aufhören?

Shalev: Wenn es nach mir ginge, wäre die Sache nach einem halben Tag vorbei gewesen. Ich bin schon der Ansicht, dass es notwendig war, die Hamas zu warnen und zu strafen. Über die Jahre sind einfach zu viele Raketen auf Israel niedergegangen. Jerusalem hätte viel früher reagieren sollen, und mit einem besser definierten Ziel. Wie schon im Libanon-Krieg 2006 scheint das Ende des Waffengangs nicht gut geplant. Jetzt sieht es so aus, als sollte der Hamas der Garaus gemacht werden und auch noch das letzte Waffendepot im Gaza-Streifen ausgehoben werden. Der Krieg ist zum Selbstläufer geworden. Das ist falsch.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte das Ende der Operation "Gegossenes Blei" Ihrer Meinung nach aussehen?

Shalev: Am Ende muss eine politische Lösung gefunden werden, das ist doch klar. Israel muss mit der Hamas reden, die Hamas muss mit uns reden, und dann muss man sich auf einen gangbaren Weg verständigen. Ich begreife die Hamas beileibe nicht als freundliche Leute, aber Israels Haltung ist absurd. Wir benehmen uns, als sei es unser Hobby, nach neuen Gruppen Ausschau zu halten, mit denen wir unter keinen Umständen reden werden – um es später dann doch zu tun. Vor 20 Jahren war die PLO der Erzfeind, heute ist sie mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unser bester Freund. In fünf Jahren werden wir auch mit der Hamas reden – aber nur, wenn wir bis dahin einen neuen Feind ausgemacht haben, den wir schneiden können. Vielleicht ja der Islamische Dschihad?

SPIEGEL ONLINE: Der Krieg in Gaza findet ohne ausländische Zeugen statt: Israel lässt keine internationalen Journalisten in das Küstengebiet. Warum?

Shalev: Israel will nicht, dass ausländische Medien die Bilder des Krieges in die Wohnzimmer der Welt tragen. Die einzigen, die derzeit Nachrichten aus Gaza liefern, sind einheimische Journalisten. Israel kann deshalb behaupten, dass deren Lageberichte nicht akkurat sind. Das mag sogar stimmen. Journalisten, die selbst vom Krieg betroffen sind, zeigen vermutlich einseitige Bilder. Genau deshalb muss die internationale Presse nach Gaza: Damit die Welt erfährt, was wirklich los ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Aussperrung der Presse der Versuch, Zensur zu üben?

Shalev: Sie ist auf jeden Fall ein Fehler. Wer glaubt, er könne im Zeitalter von Handys und Internet die Medien zensieren, irrt sich gewaltig. Die Geschichten finden ja doch ihren Weg nach draußen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist von der israelischen Friedensbewegung so wenig Protest zu hören?

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SPIEGEL ONLINE

Shalev: Selbst die Linke, zu der ich mich zähle, war dafür, der Hamas einen Schlag zu versetzen. Uns mag nicht gefallen, wie der Krieg nun geführt wird, aber anfangs gab es eine sehr breite Unterstützung in der Bevölkerung. Nachdem sich Israel 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen hat, gab es bei der Linken eine tiefe Enttäuschung. Wir hatten unseren Teil der Abmachung erfüllt, trotzdem hörte der Raketenbeschuss nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Medikamente, Lebensmittel, Warenlieferungen, Rohstoffe: Alles, was Gaza zum Leben und Arbeiten braucht, muss über die Grenze mit Israel. In den vergangenen Monaten hat Israel nur ein Minimum des Lebensnotwendigen nach Gaza gelassen. Das war ein Verstoß gegen das Waffenstillstandsabkommen und laut der Hamas der Grund, die Feuerpause zu beenden. Warum hat Israel den Islamisten diese Steilvorlage geboten?

Shalev: Israel will den Gaza-Streifen loswerden, auch ökonomisch. Da hat man einen Feind, der einen beschießt, aber muss ihn gleichzeitig füttern: Diese Situation ist nicht haltbar. Wünschenswert wäre, dass Ägypten seine Grenze zu Gaza aufmacht, dann wäre Israel nicht länger verantwortlich. Doch Ägypten hat kein Interesse daran, der Hamas seine Türen zu öffnen. Kairo hat selbst genug Probleme mit islamischen Extremisten, die wollen sich nicht auch noch radikale Palästinenser ins Haus holen.

SPIEGEL ONLINE: Jeder neue Anlauf, den Nahost-Konflikt zu lösen, scheint zum Scheitern verurteilt. Was muss sich ändern, damit echte Fortschritte erzielt werden?

Shalev: Radikale Palästinenser sagen noch immer, dass die einzige Lösung ist, dass alle Juden ihre Koffer packen und dahin zurückgehen, wo ihre Großeltern hergekommen sind. Wenn es keine Juden mehr im Nahen Osten gibt, ist das Problem gelöst, so ihre Logik. So lange so gedacht wird, wird es keinen Frieden geben. Wir sind hier und wir werden bleiben. Erst wenn das allgemein akzeptiert ist, kann es vorangehen. Dann wird es hoffentlich zwei Staaten für zwei Nationen geben. Das ist die einzig vernünftige Lösung.

SPIEGEL ONLINE: In Israel stehen Wahlen an, jede Entscheidung der Jerusalemer Führung in diesem Konflikt wird auch vor diesem Hintergrund interpretiert. Wie weit spielt der Wahlkampf in die Kriegsführung hinein?

Shalev: Die Wahlen spielen eine Rolle, auch wenn der Waffengang lange überfällig war. Ich habe den Eindruck, dass Verteidigungsminister Barak und der Premier Olmert mit Außenministerin Livni Schlitten fahren. "Nun lass mal die Jungs ran, Krieg ist keine Mädchensache", das ist das Spiel, mit dem sie versuchen, sie auszubooten.

Das Gespräch führte Ulrike Putz

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insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.01.2009 von dreamtimer: Raum mit zwei Türen

Ich zitiere noch einmal den Zusammenhang, aus dem ich das Zitat entnommen habe. ---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: Medikamente, Lebensmittel, Warenlieferungen, Rohstoffe: Alles, was Gaza zum Leben und Arbeiten braucht, muss über [...] mehr...

02.01.2009 von Roque Spiegel: ..

Warum sollten die Palästinenser denn Raketen auf Ägypten schießen? mehr...

02.01.2009 von dreamtimer: Ägypten angreifen

---Zitat--- Wünschenswert wäre, dass Ägypten seine Grenze zu Gaza aufmacht, dann wäre Israel nicht länger verantwortlich. Doch Ägypten hat kein Interesse daran, der Hamas seine Türen zu öffnen. ---Zitatende--- Nun, dann kann [...] mehr...

01.01.2009 von backtoblack: Linke, welche Linke?

Wenn selbst die Linke in Israel für diesen Krieg war, dann kann man die israelische Friedensbewegung oder das, was von ihr übrig geblieben ist, getrost vergessen. Dieser Krieg wird in kürzester Zeit zu Massakern an der [...] mehr...

01.01.2009 von austromir: Leerlauf

Journalisten befragen Journalisten. Was soll dabei herauskommen? Fragender und Befragter wissen, wie man darüber schreibt, wissen aber nicht, wie man es macht - Politik. Interessanter wäre ein Gespräch mit einer der handelnden [...] mehr...

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