SPIEGEL ONLINE: Wird der neue US-Präsident etwas Entscheidendes tun, um den Nahost-Konflikt zu beenden?
Butros Ghali: Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise nimmt die Amerikaner voll in Anspruch. 50 Prozent der Aktivitäten der neuen Administration sind damit ausgelastet. Andere Weltkrisen in Lateinamerika, Afrika und Asien, etwa die Konflikte in Somalia, Ostafrika, im Ostkongo, in Indien und Pakistan und im Kaukasus verlangen ebenfalls amerikanisches Engagement.
SPIEGEL ONLINE: Und der arabisch-israelische Konflikt?
Butros Ghali: Seit meiner Amtszeit als Uno-Generalsekretär ist in den USA vieles so geblieben, wie es war. Die amerikanische Öffentlichkeit ist an der arabischen Welt nicht sonderlich interessiert, und der Druck der jüdischen Lobby ist nach wie vor stark. Dennoch ist es leider so, dass Israel nur auf Druck von Washington reagiert. Angesichts der augenblicklichen Gaza-Katastrophe und der absoluten Aufspaltung des palästinensischen Lagers in die islamistische Hamas in Gaza und die immer noch zu Verhandlungen bereite palästinensische Autonomieregierung wird sich in Washington in den nächsten drei, vier Jahren nichts bewegen, was die Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen ermöglicht. Das Gaza-Geschehen hat uns alle um Jahre zurückgeworfen. Auf eine wirkungsvolle Rolle der Europäer zu hoffen, ist leider nur Wunschdenken.
SPIEGEL ONLINE: Ist die arabische Welt bereits soweit gespalten, dass sie sich zu keiner starken einheitlichen Position aufraffen kann?
Butros Ghali: Die Araber haben gemeinsam einen guten Friedensplan vorgelegt, der die Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967 im Gegenzug für die Unabhängigkeit eines palästinensischen Staates im Rahmen dieser Grenzen vorsah. Israel hat den Fehler gemacht, dieses Angebot zu ignorieren.
SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie für das Jahr 2009?
Butros Ghali: Für alle Länder des Nahen Ostens sehe ich eine pauschale Verschlechterung voraus. In der arabischen Welt werden die religiösen Extremisten mehr Zulauf bekommen, zumal über die Hälfte der Bevölkerung begeisterungsfähige Teenager sind, während in Israel die Extremisten an Boden gewinnen, die weiterhin auf Gewalt setzen. Die Extreme schaukeln sich hoch, Alles-oder-Nichts-Politiker werden kurzfristig zu falschem Heldenruhm kommen, doch die Masse der unbeteiligten Völker wird mehr leiden als zuvor.
SPIEGEL ONLINE: Welches Fazit zieht der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen aus den Konflikten, die Sie zu lösen angetreten waren?
Butros Ghali: Ich sehe keine Glück verheißende neue Ära für die kalkulierbare Zukunft. Denn obwohl der Fluch des kolonialen Zeitalters und des Kalten Krieges vor einem halben Jahrhundert verschwand, und Millionen Menschen auf eine bessere, sozial gerechtere und den technischen Fortschritt nutzende Welt warteten, stellte sich leider heraus, dass alte Menschheitsübel die Hoffnungen wieder trübten: wachsende soziale Unterschiede, aufflammende nationale und religiöse Ideologien, kulturelle Abschottung. Schade, dass ich den Anbruch einer wirklich besseren Welt wohl nicht mehr erleben werde.
Das Interview führte Volkhard Windfuhr
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