Aus Aschkelon berichtet Ulrike Putz
Aschkelon - Es war ein Freitag, als der Krieg zu den Israels nach Hause kam. Der Wohnzimmertisch im Einfamilienhaus der Familie war festlich gedeckt: Ein Strauß Rosen, das gute Geschirr, das Brot, das sie nach Sonnenuntergang brechen würden. Familie Israel war bereit, den Beginn des Sabbat zu feiern. Dann heulten die Sirenen.
"Meine Frau und ich sind sofort in den Keller gelaufen, in den Schutzraum", erzählt Juda Israel zehn Tage später in seinem Garten. Unten angekommen, hörte das Ehepaar eine Detonation: Die Rakete ist anderswo niedergegangen, die Gefahr ist vorbei, da seien sie sich sicher gewesen. Also rannte der 62-Jährige hoch in die Küche. Die Israels haben einen geistig behinderten Sohn, der trotz seiner 28 Jahre noch bei ihnen zu Hause lebt. Er war auf der Straße, als der Alarm losging. Israel wollte herumtelefonieren, ob einer der Nachbarn ihn gesehen hätte. Das Telefon in der Hand, hörte Israel plötzlich ein Zischen, "als ob Gas austritt." Geistesgegenwärtig warf er sich auf den Boden, dann explodierte seine Küche: Eine Grad-Rakete hatte das nur wenige Meter entfernte Nachbarhaus getroffen, Splitter, Glas und Betonstücke flogen pfeilschnell durch die Gegend.
Ausgestorbene Straßen im südisraelischen Badeort
Aschkelon: Badeort im Süden Israels, mit rund 100.000 Einwohnern und muschelübersäten langen Sandstränden. In friedlicheren Zeiten landen hier Yachten in der Marina an, verbringen Israelis und Ausländer lange Tage an Hotel-Pools. Seitdem seine Eltern 1950 mit ihm aus Libyen nach Israel ausgewandert sind, lebt Juda Israel hier. Hier hat er geheiratet und mit seiner Frau Rachel drei Söhne groß gezogen, hier hat er seine Freunde, seine Wurzeln.
Das Leben der Israels war beschaulich, bis vor gut zwei Wochen. Am 27. Dezember vergangenen Jahres begann Israel seine Offensive gegen die Hamas im Gaza-Streifen. Der liegt nur etwa 15 Kilometer südlich von Aschkelon, das dadurch schlagartig zur Frontstadt wurde. Nur wenige Geschäfte haben in diesen Tagen offen, die Straßen liegen wie ausgestorben. Zwar trotzen ein paar Unerschrockene der Gefahr, gehen joggen oder abends in eine der wenigen geöffneten Kneipen. Den meisten Einwohnern von Aschkelon jedoch ist die Angst in die Knochen gekrochen. Wenn Alarm ausgelöst wird, rennen sie zum nächsten Bunker oder werfen sich, egal wo sie sind, flach auf den Boden: So rät es die Heimatschutzbehörde.
Seit Beginn des Gaza-Krieges sind etwa hundert aus dem palästinensischen Gebiet abgeschossene Raketen auf Aschkelon niedergegangen, sagt Yossi Greenfeld, Sicherheitsbeauftragter der Stadtverwaltung. Zuletzt am Wochenende: Ein Mann wurde verletzt, als eine Kassam-Rakete in seinem Apartment einschlug. Insgesamt wurde in Aschkelon seit Ende Dezember ein Mann getötet, etwa hundert verletzt, wobei bei der Mehrheit keine äußeren Wunden sichtbar sind. Viele erlitten einen Schock, als die Raketen dicht neben ihnen einschlugen.
"Die Front ist zu uns nach Hause gekommen"
Die Israels hatten Glück im Unglück: Weil sich Juda beim Einschlag die Hände über den Kopf hielt, drang das Schrapnell in seine Finger, nicht in seinen Schädel. Zehn Tage später sind beide Mittelfinger immer noch dick verbunden. Noch ist nicht klar, ob Israel seine Hände je wieder normal bewegen können wird. Doch beim Anblick der scharfkantigen Löcher, die in Kniehöhe in dem Kühlschrank klaffen, ist das Nebensache. "Hätte ich mich nicht hingeschmissen, wäre ich heute nicht mehr hier", sagt Israel mit einem Blick auf die zersiebten Elektrogeräte in seiner Küche. Dankbar ist er auch, weil sein Sohn nach dem Einschlag wohlbehalten wieder auftauchte. Das Kind hatte sich zu den Nachbarn geflüchtet, bevor die Rakete fiel.
Es sei schon verrückt, sagt Israel. 30 Jahre lang habe er als Berufssoldat gedient. Als Oberstleutnant in einer Panzerdivision habe er in mehreren der Kriege Israels gekämpft, ohne verwundet worden zu sein. "In diesem Krieg nun ist die Front zu uns nach Hause gekommen und ich kriege was ab." Als ehemaliger Offizier habe er sich lange mit dem Für und Wider des jetzigen Waffenganges beschäftigt, sagt Israel. Sein Fazit: "Der Krieg war unumgänglich, weil er uns aufgezwungen wurde." Tausende Raketen seien in den vergangenen Jahren auf Südisrael herab geregnet, vor einem dreiviertel Jahr sei erstmals auch Aschkelon unter Beschuss geraten. Das habe sich Israel nicht länger bieten lassen können.
"Ich habe nichts gegen die Araber, ich stamme doch selber aus Libyen", sagt Israel. Die Araber seien Cousins der Juden, Blutsverwandtschaft. "Mir tun die Leute in Gaza leid. Die Hamas missbraucht sie doch als menschliche Schutzschilde", sagt der ehemalige Militär, der heute bei der Stadtverwaltung von Aschkelon arbeitet. Israel nehme größte Rücksicht auf die Zivilisten im Gaza-Streifen, sagt Israel. "Wenn es nach der Armee gegangen wäre, hätten wir die Hamas längst erledigt. Die Politiker halten die Armee zurück. Sie wollen, dass man die Hamas-Männer mit der Pinzette herauspickt." Deswegen werde es mit einem Waffenstillstand auch noch eine Weile dauern.
Regierung kommt für Reparaturen nach Raketenangriffen auf
Zehn Tage nach dem Treffer aufs Nachbarhaus – die Nachbarn überlebten unverletzt in ihrem Schutzraum – sind die Renovierungsarbeiten im Haus der Israels im vollen Gange. Judas Blut ist von den Fliesen des Wohnzimmers aufgewischt. Die Fenster sind neu verglast, die Wohnzimmerwände frisch gestrichen, in zartviolett. Die israelische Regierung kommt für die Reparaturen auf, dafür haben die Israels wie alle Hausbesitzer jahrelang in einen Fonds eingezahlt. Nur von außen kann man die Wucht der Explosion noch erahnen. In der Fassade klaffen noch die Löcher, die die Grad-Rakete schlug: Etwa hundert, einige von ihnen handtellergroß. In die Äste eines Zitronenbaumes hat das Schrapnell tiefe Wunden gegraben, der Rasen ist immer noch mit Glassplittern übersät.
Ein paar Tage noch, dann wird das Haus der Israels wieder bezugsfertig sein. Doch bis das Leben der Familie wieder im Gleichgewicht ist, wird es dauern. Judas Frau Rachel ist eine von vielen, die einen Schock erlitten, als die Bomben fielen. Seitdem weint sie jedes Mal, wenn die Sirenen heulen, mehrmals am Tag. "Es ist schrecklich, das mitanzusehen", sagt ihr Mann. Der Arzt im Krankenhaus habe ihr keine Beruhigungsmittel verschreiben wollen, sagt Israel. "Er sagte, man muss die Dinge bereden, nur so käme man drüber weg." Sorgen macht ihm aber vor allem eine Aussage des Arztes. "20 Prozent der Menschen verwinden ein solches Trauma nie, hat der Arzt gesagt."
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