Von Volkhard Windfuhr, Kairo
Kairo - Wie es sich für einen islamistischen Funktionär geziemt, wählte der bärtige Hamas-Aktivist Aiman Taha eine religiöse Formel, um am Mittwochabend die kurzfristig anberaumte Pressekonferenz im Méridien-Hotel im feschen Heliopolis nördlich von Kairo zu eröffnen. "Im Namen des barmherzigen Allerbarmers", sprach der Mittfünfziger salbungsvoll.
Hamas-Mitglieder Aiman Taha, Salah al-Bardawil: "Es wird nicht gelingen, das Selbstwertgefühl der Palästinenser zu vernichten"
Die Pressekonferenz war eine kleine Sensation, denn solche Veranstaltungen gehören nicht zum gewöhnlichen Repertoire der Hamas - und sind der Versuch, ihren Standpunkt zu den derzeit laufenden internationalen Vermittlungsbemühungen um eine Waffenruhe möglichst prestigeschonend deutlich zu machen. Natürlich nicht allzu deutlich. Denn jeder Schritt, jede Aussage muss so wirken, als würde die Hamas nicht nachgeben.
Entsprechend unbeholfen wirkten die beiden Kader, nicht wirklich vorbereitet auf die erste Begegnung von offiziellen Hamas-Sprechern mit der Weltpresse seit Beginn des Blutbads in Gaza. Die wenigen Journalisten, die es geschafft hatten, sich durch das abendliche Verkehrsgewühl durchzukämpfen und rechtzeitig einzutreffen, machten nur zwei Drittel der Anwesenden aus, der Rest waren palästinensische und ägyptische Sicherheitsleute.
Wie aus dem Drehbuch eines Thriller-Autors
Doch die erwartete "wichtige Neuigkeit", die der Chef der staatlichen ägyptischen Nachrichtenagentur Mena befreundeten Kollegen angekündigt hatte, ließ auf sich warten. Zunächst erging sich Hamas-Mann Aiman Taha in moralisch aufbauenden Koranversen und einer langatmigen Verurteilung des israelischen Massakers unter der unbewaffneten Zivilbevölkerung.
Was folgte, wirkte freilich wie aus dem Drehbuch eines Thriller-Autors: Um das arabische Publikum auf das seit Tagen erwartete Absitzen vom hohen Ross der Durchhalteparolen-Verkäufer halbwegs würdevoll einzustimmen, steigerte sich der Widerstandspolitiker zunächst in ein Tremolo: "Unser Volk wird weiterhin sämtliche Projekte des zionistischen Feindes ausschlagen, die uns erniedrigen und demütigen. Es wird ihnen nicht gelingen, das Selbstwertgefühl der Palästinenser zu vernichten."
Also doch nichts Neues? Mitnichten. Der bärbeißige Ton wurde freundlicher. Ruckartig. Die Blicke der Sendboten aus dem Kriegsschauplatz kreuzten sich in Sekundenschnelle.
Aiman holte tief Luft und bediente sich sorgfältig ausgewählter hocharabischer Formulierungen. Der Haudegen parlierte von "unseren ägyptischen Freunden" sowie vom "ehrlichen Bemühen seiner Exzellenz Staatspräsident Husni Mubarak", dem Gemetzel Einhalt zu gebieten - "und zwar sofort."
Ungläubig blickten sich die anwesenden Vertreter der ägyptischen Medien an. Solch ein abrupter Stilbruch im Hamas-Jargon gegenüber der sonst verteufelten Nilrepublik löste ungläubiges Kopfschütteln aus.
Und die ägyptisch-französische Initiative, welche die umgehende Feuereinstellung und einen "weiterführenden Waffenstillstand" verlangt, Israels grausame Aggression stoppen will, aber auch den gleichzeitigen Abbruch der Raketenabschüsse auf israelische Städte und Siedlungen fordert?
Sekundenlanges Schweigen, dann ein verkniffenes Lächeln: "Wir erörtern mit unseren Freunden in Ägypten alle Punkte, die uns, den Arabern und den Muslimen wichtig sind", bekundeten die Hamas-Politiker.
Die kämpferische Organisation habe mit Mubaraks Geheimdienstchef "Freund Omar Sulaiman", der die nervtötenden Verhandlungen mit Hamas, der palästinensischen Autonomieregierung und Israel führt, die "Vorstellungen" diskutiert, welche die Islamisten in Gaza mit der ägyptischen Initiative verbinden.
"Nur Ägypten vermittelt für uns"
Ein als Beobachter inkognito anwesender Diplomat der von Hamas des Verrats und nationalen Ausverkaufs bezichtigten palästinensischen Autonomieregierung grinste angesichts dieses Sinneswandels zynisch: "Die greifen Mubaraks Befriedungsvorstoß heute geradezu begierig auf, nachdem sie den Mann vorher als Komplizen Israels diffamiert hatten."
Ein direktes Jawort zur Initiative Mubaraks brachten die Hamas-Vertreter zwar nicht über die Lippen. Sie lobten erst einmal - es klang wie Teil einer Liturgie - die "weise Entscheidung des legitimen palästinensischen Regierungschefs Ismail Haniya (Hamas-Statthalter im Gaza-Streifen), alle Initiativen zu akzeptieren, die "unsere Ehre nicht verletzen und darauf abzielen, dass der Feind den besetzten palästinensischen Boden räumt und seinen Angriff einstellt".
Und dann gleich noch eine Schmeicheleinheit für die Gastgeber. "Die ägyptische Initiative ist die einzige Initiative, die an uns herangetragen wurde." Anderslautende Behauptungen seien falsch. "Nur Ägypten vermittelt für uns."
Doch diese neuen Töne stellen trotzdem nicht weniger dar als ein eindeutiges Signal dafür, dass sich maßgebliche Teile der Hamas einem ägyptisch verhandelten Deal nicht verweigern wollen. Sicher, Änderungen an dem Vorschlag aus Kairo werden gewünscht. Darüber wird auch noch verhandelt.
Fast jeden Tag wirken sie entkrampfter
"Die Gäste" von der Hamas seien inzwischen von der Notwendigkeit des ägyptischen Vorstoßes "voll überzeugt" - und der Hamas-"Premierminister" Ismail Haniya sei ebenfalls "positiv beeinflusst", gab am Mittwochabend jedenfalls ein gewöhnlich gut informierter Insider preis. "Die haben uns gebeichtet, dass sie die Strategie von Chalid Mischaal für gescheitert halten." Mischaal ist niemand geringerer als der Chef des Hamas-Politbüros in Damaskus.
Zumindest in Teilen der Hamas scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass man nicht mehr bis zum letzten Palästinenser kämpfen will. "Die Mudschahidin werden die Waffen wegstellen, sobald die Aggression aufhört und die Besatzer abziehen, darunter geht nichts", erklärten die Emissäre in Heliopolis. "Wir sind einer Meinung mit Ägypten."
Das "wir" bezieht sich in diesem Falle allerdings nicht auf die gesamte Hamas-Führung. Noch gibt es eine Kluft in der Islamisten-Organisation. Diese verläuft allerdings nicht, wie manchmal zu hören, zwischen pragmatisch handelnden Hamas-Funktionären in Gaza und Hardlinern in der in Syrien beheimateten verhandlungsfeindlichen Parteizentrale. Noch scheuten sich wichtige Parteibonzen, ihren Sinneswandel in Richtung Verhandeln und Vermitteln offen zuzugeben, heißt es.
Ein Indiz dafür: An dem noch vor einer Woche unvorstellbaren Pressetreff sollten eigentlich vier Hamas-Politiker teilnehmen. "Die beiden anderen haben aber noch Angst vor der eigenen Courage", wusste ein ägyptischer Geheimdienstler zu berichten. "Es sind alles gute Kerle, fast jeden Tag wirken sie entkrampfter und erkennen, was Sache ist."
Unterm Strich ist die Hamas-Wende wohl so zu lesen, dass die ägyptische Initiative noch am Leben ist. Die Signale der Islamisten passen zu positiven Andeutungen aus der EU und zu verhalten positiven Stimmen aus Israel. Dass in den nächsten Tagen doch noch eine Waffenruhe zustande kommt, ist am Mittwoch jedenfalls nicht unwahrscheinlicher geworden.
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