Von Ulrike Putz, Aschkelon
Aschkelon - Es waren Worte, die ihm vermutlich gefallen hätten: "Das Blut Said Siams wird der Fluch der zionistischen Einheit sein", schwor ein Sprecher am Donnerstagabend Rache für den Tod des Hamas-Hardliners. Der war zu Lebzeiten bekannt für ebensolche markigen Worte, mit denen er bei Freitagsgebeten im Gaza-Streifen die Massen in seinen Bann zog. Am Donnerstagnachmittag starb Gazas Innenminister, als eine israelische Bombe das Haus traf, in dem er sich aufhielt.
Mit Siam hat die Hamas einen ihrer wichtigsten Männer verloren. Neben Isamil Hanije und Mahmud Zahar galt Siam als fester Teil der Führungstroika der Islamisten. Der Verlust einer ihrer charismatischen Führer muss für die Hamas schmerzhaft sein – kriegsentscheidend ist er nicht.
Schon oft hat die Hamas den Tod von Spitzenleuten hinnehmen müssen. Die Konsequenz: Es stehen immer mehrere Männer gleichzeitig der Organisation vor, um sich gegenseitig ersetzen zu können. Nachdem Israel in der Vergangenheit zwei Mal die offiziellen Chefs der Islamisten-Bewegung tötete, lässt die Hamas Medien und Bevölkerung inzwischen bewusst im Unklaren, wer tatsächlich die Fäden in der Hand hält. Bis zu fünf Männer sollen sich den Posten an der Spitze der Partei teilen.
Bei seinen Anhängern war der 50-jährige Siam, der vier Mal ohne Anklage in israelischer Haft saß, auch wegen seiner volksnahen Sprache sehr beliebt. Bei den palästinensischen Parlaments-Wahlen 2006 gewann er in seinem Wahlbezirk Gaza-Stadt über 170.000 Stimmen. Nach dem Wahlsieg der Hamas wurde Siam, der im Beirat der Islamischen Universität in Gaza saß, zum Innenminister der Hamas-Regierung ernannt.
Dem studierten Mathematiker unterstanden die Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde. Da diese von Fatah-Männern dominiert werden, gründete Siam eine eigene Polizei. Die Hamas-Sicherheitstruppe wurden unter dem Namen "Executive Force" bekannt. Dass sie in Gaza zwar nicht Recht, aber Ordnung durchsetzte, gestanden selbst Hamas-Kritiker ein.
Bei den politischen Gegnern war Siams Truppe gefürchtet, weil sie Abweichler und politisch Andersdenkende verhaftete und folterte. Bei den blutigen Auseinandersetzungen mit der Fatah, die im Sommer 2007 in der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen gipfelte, war die "Executive Force" einer der Hauptakteure. Ihr Chef Siam gilt deshalb als Drahtzieher des Machtkampfs um die Alleinherrschaft über Gaza. Im Kampf gegen den Erzfeind Israel sah Siam Selbstmord-Anschläge als "natürliche Reaktion auf die Besatzung", die Palästinenser seien das Opfer, das sich mit diesem Mitteln zur Wehr setze.
Hardliner und Pragmatiker
Trotz seiner militanten Einstellung galt Siam als Pragmatiker, der durchaus für Anregungen von außen offen war: Im April vergangenen Jahres reiste er nach Kairo, um dort den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter zu treffen. Während des bis Dezember geltenden Waffenstillstands der Hamas mit Israel war es Siam, der die Militanten des Islamischen Dschihad mit Gewalt zwang, die Feuerpause zu respektieren.
Die Verherrlichung des Getöteten als Märtyrer setzte unmittelbar nach Bekanntgabe seines Todes ein. "Israels Drohungen werden uns keine Angst machen. Unsere Führer haben sich dem Weg des Märtyrers verschworen. Deshalb fürchten sie den Tod nicht", sagt Mohammed Nazzal, ein in Damaskus im Exil lebender Hamas-Kader der Nachrichtenagentur AP.
Siam starb am Donnerstag, als die israelische Luftwaffe eine Rakete in das Haus seines Bruders lenkte. Fotos zeigen einen riesigen Krater im Sandboden des Stadtteils Scheich Raduan, wo zuvor das Gebäude gestanden hatte. Wie viele Tote es außer Siam gab, ob es sich bei ihnen um Zivilisten oder Hamas-Männer handelte, ist zur Stunde noch unklar.
Nach Angaben des Hamas-Fernsehsenders in Gaza kamen bei der Explosion neben Siam auch dessen Sohn, sein Bruder und dessen ganze Familie ums Leben. Palästinensische Sanitäter sagten, sie hätten die Leichen eines Mannes und zweier Kinder geborgen, sie suchten in den Trümmern nach weiteren Toten.
Die israelische Tageszeitung "Haaretz" schreibt unter Berufung auf palästinensische Quellen, der Chef der Sicherheitsbehörde der Hamas, Salach Abu Schrech, sei bei dem Angriff umgekommen, ebenso der Kommadeur des militärischen Flügels der Islamisten in Gaza-Stadt, Mahmoud Watfah.
Der Tod Siams im Haus seines Bruders wirft nebenbei auch Fragen über den Wahrheitsgehalt von Angaben des israelischen Militärs auf. Seit Tagen berichten israelische Zeitungen unter Berufung auf hochrangige Quellen in der Armee, die Hamas-Führung habe sich in Bunkern unter dem Schifa-Krankenhaus verbarrikadiert. Die Polit-Größen nutzten die Menschen im Hospital als menschliche Schutzschilde. Auch in ausländische Vertretungen in Gaza sollten sich Angehörige des Hamas-Kaders geflohen haben, berichteten Zeitungen. Said Siam war nicht unter ihnen.
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