Von Carsten Volkery, London
London - Es war noch einmal wie in alten Zeiten. Tony Blair bückte sich ein wenig nach vorn, und George W. Bush blickte ihm tief in die Augen. Tony zähle zu den Männern, "denen man ins Auge guckt, die ihr Wort halten und die die Wahrheit sagen", lobte der Noch-Präsident, als er seinem einstigen Kriegsgefährten die Freiheitsmedaille, den höchsten Orden des Landes, umhängte. Blair sei ein "wahrer Freund der Vereinigten Staaten".
Der Auftritt der beiden Staatsmänner diese Woche war die Abschiedsszene einer ganz besonderen Beziehung, die Großbritannien und die USA in den vergangenen Jahren verband. Während des Irak-Kriegs stand Blair unerschütterlich an Bushs Seite und wurde dafür weltweit als "Pudel" verspottet - bis ihn die Nibelungentreue schließlich seinen Job kostete.
An diese Zeiten möchte Gordon Brown lieber nicht erinnert werden. Blairs Nachfolger hat in den vergangenen Jahren alles getan, um sich von der Bush-Regierung zu distanzieren. Der Abzug der britischen Armee aus dem Irak wurde beschleunigt und der Mann im Weißen Haus immer ungenierter aus der ersten Reihe kritisiert - zuletzt am Donnerstag, als Browns Außenminister David Miliband den Bush-Slogan "Krieg gegen den Terror" als "irreführend und falsch" bezeichnete.
Neue Nüchternheit
Wenn Barack Obama am Dienstag als 44. Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen wird, wird ein neues Kapitel in der traditionellen "special relationship" der beiden angelsächsischen Nationen aufgeschlagen. An die Männerfreundschaft von Bush und Blair werden ihre Nachfolger kaum anknüpfen. Stattdessen ist eine gewisse Nüchternheit im bilateralen Verhältnis eingekehrt.
Zwar geben sich Brown und Obama alle Mühe, eine persönliche Ebene zu finden: Sie haben schon zusammen Tennis gespielt und nennen sich "Gordon" und "Barack". Auch wissen sie sich in vielen Fragen einig, zum Beispiel in der Frage eines neuen "New Deals", um die Rezession zu bekämpfen. Aber Beobachter sagen voraus, dass die Sonderrolle, in der insbesondere die Briten sich gerne sehen, an Bedeutung abnehmen wird.
"Es wird mehr Wettbewerb um das Ohr des Präsidenten geben", prognostiziert Adam Hug vom Foreign Policy Centre, einem Labour-nahen Institut in London. Obama werde stärker als sein Vorgänger auf die anderen großen EU-Länder zugehen, die unter Bush als "altes Europa" geschmäht worden waren. "Das Verhältnis der USA zu Großbritannien wird nicht schwächer, aber die Beziehung zu Frankreich und Deutschland stärker", sagt Hug. Infolgedessen werde die "special relationship" zwangsläufig an Prominenz verlieren.
Deutschland wird wichtiger
Einen Vorgeschmack darauf bekam Brown, als Obama auf seiner Europareise im Wahlkampf die zentrale Rede an der Siegessäule in Berlin und nicht in London hielt. "Obama ist mehr an einem guten Draht zur EU als zu Großbritannien interessiert", sagt Doug Stokes, Professor für Internationale Beziehungen an der University of Kent. In der EU spiele Deutschland die wichtigste Rolle, und in der Wirtschaftskrise gewinne Europas größte Volkswirtschaft zusätzlich an Bedeutung.
Obama wird auch nachgesagt, im Unterschied zu seinen Vorgängern im Weißen Haus keine anglophile Ader zu haben. Als Enkel eines von Briten misshandelten Kenianers sehe er die alte Kolonialmacht eher kritisch, notieren britische Medien aufmerksam. Diese These sei jedoch "vollkommen übertrieben", sagt Stefan Halper, Direktor des Programms für Atlantikstudien an der Universität von Cambridge. Obamas Politik gegenüber Großbritannien werde "pragmatisch und interessengeleitet" sein.
Der Mythos der "special relationship" speist sich aus der langen gemeinsamen Geschichte von Briten und Amerikanern, Kriegserfahrungen, Sprache und Grundwerten. Doch ist umstritten, ob sich dies auch in politischem Einfluss niederschlägt, ob also Downing Street besonderes Gehör in Washington findet. Selbst Blair habe nie wirklich Einfluss auf Bush gehabt, erinnerte sich Blairs früherer Nahost-Beauftragter später im Rückblick. Dennoch hält sich die Idee einer Wahlverwandtschaft auf der Insel hartnäckig. "Die special relationship wird so stark sein, dass uns keine Macht der Erde jemals auseinandertreiben kann", tönte Brown kürzlich.
Afghanistan und Finanzmarkt: Gemeinsame Interessen
Seit klar ist, dass Obama ins Weiße Haus einzieht, hat der britische Regierungschef eine Charme-Offensive gestartet. Der blasse Brown hofft, von Obamas Popularität zu profitieren - so wie alle seine Vorgänger sich gern als Juniorpartner im Glanz der Weltmacht sonnten. "Es ist der alte postimperiale Kater der britischen Außenpolitik", sagt Stokes. "Wer mit den Mächtigen kuschelt, auf den scheint die Sonne."
Zu Browns Glück bleiben noch genug gemeinsame Interessen, mit denen man Nähe demonstrieren kann. Zu Obamas erklärten Prioritäten zählen die Finanzkrise und der Anti-Terror-Kampf in Afghanistan und Pakistan. Auf beiden Feldern haben die Briten mehr Expertise zu bieten als andere europäische Länder. London ist immer noch der führende Finanzplatz der Welt, und Brown hat sich an die Spitze der Krisenbekämpfer gesetzt. Es ist kein Zufall, dass Obamas erste Europareise als Präsident in die britische Hauptstadt gehen wird - zum G-20-Gipfel im April, wo eine neue Weltfinanzordnung diskutiert werden soll.
Auch in Afghanistan dient Brown sich als Partner an. Um militärpolitischen Führungsanspruch zu zeigen, unternahm er im Dezember eine sechstägige Reise durch die Krisenherde Irak, Afghanistan, Pakistan und Indien. In Übereinstimmung mit Obamas Zielen erklärte er dort den Abzug der britischen Armee aus dem Irak bis Ende Mai und die Aufstockung der Truppen in Afghanistan von 8000 auf 8300 Soldaten.
Die britische Regierung setzt darauf, dass sie gemeinsam mit den USA den weiteren Weg in Afghanistan weisen wird. Die US-Linie scheint klar. "Obama und Brown werden gemeinsam den Druck auf die anderen Europäer erhöhen, mehr Truppen zu stellen", ist der Labour-nahe Experte Hug überzeugt. Der britische Verteidigungsminister John Hutton lehnte sich am Donnerstag bereits weit aus dem Fenster und zieh die europäischen Nato-Alliierten in einer geharnischten Rede der "Trittbrettfahrerei". Es reiche nicht, für militärischen Schutz immer auf die USA zu blicken, schimpfte er. Es dürfe keine Teilung zwischen "harten" und "weichen" Aufgaben geben. Alle müssten mehr tun in Afghanistan. Die Kritik zielte insbesondere auf Deutschland.
Doch könnten die Briten eine böse Überraschung erleben - und wieder einmal ins Grübeln über die "special relationship" geraten. Obama selbst ist sich nämlich nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee ist, die im Wahlkampf angekündigten 30.000 zusätzlichen GIs tatsächlich an den Hindukusch zu schicken. Das sei der kriegsmüden US-Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln, gibt Halper zu bedenken. "Obama sieht die Ankündigung inzwischen als Problem und denkt darüber nach, wie er da rauskommt." Aus Obamas Umfeld kommen ähnliche Signale. Zudem wird signalisiert, er wolle die Deutschen nicht mehr mit weiteren Truppenforderungen behelligen.
Für die britische Regierung könnte ein Meinungswandel Obamas in einer Blamage enden. Der Afghanistan-Einsatz ist auch in der britischen Öffentlichkeit unpopulär, und Brown muss unbedingt den Eindruck vermeiden, er lasse sich blind vor den Karren der USA spannen.
Sonst steht ganz schnell der Pudel-Vorwurf wieder im Raum - und darüber dürfte Brown auch keine Freiheitsmedaille der Welt hinwegtrösten.
cvo
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