Von Matthias Gebauer
Berlin - Die Taliban brüsteten sich kurz nach der Tat mit dem Anschlag. Ihr notorisch bekannter Sprecher Sabihullah Mudschahed, der immer wieder als Sprachrohr der Radikalislamisten auftritt, behauptete in einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE, die Attacke eines Selbstmordattentäters der Taliban habe sich gezielt gegen zwei deutsche Diplomatenfahrzeuge gerichtet, die auf der Straße vor der Botschaft unterwegs gewesen seien.
Alle Insassen der Jeeps seien ums Leben gekommen, so der Sprecher weiter. Seine Angaben sind stets übertrieben und sollen die Propaganda der Taliban unterstützen. Manchmal gibt er auch Kommentare zu Aktionen, über die er keine Details kennt.
Auch in diesem Fall sind Zweifel angebracht, ob sich der Anschlag wirklich gegen Deutsche richtete. Aus dem Auswärtigen Amt (AA) war zu erfahren, dass sich die Attacke vermutlich gegen die US-Armee richtete.
Gleich gegenüber dem schwer gesicherten Tor der Botschaft nämlich befindet sich eine amerikanische Militäreinrichtung, das "Camp Eggers", ebenfalls schwer gesichert von afghanischen und amerikanischen Sicherheitskräften. Auf den ersten Fotos vom Tatort scheint es, als ob die Explosion genau vor diesem Tor stattfand.
Keine US-Soldaten unter den Opfern
Die ersten Ermittlungen der Deutschen stützen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE diesen Verdacht. Demnach seien zwei amerikanische Fahrzeuge vor dem Eingang des Camps auf der Straße gewesen, als sich ein Attentäter mit seinem Auto zwischen sie drängte. Nachdem ihm dies gelungen war, zündete er umgehend seinen Sprengsatz.
Bei dem Selbstmordanschlag sind nach afghanischen und US-Angaben zwei Menschen getötet und mindestens 28 weitere verletzt worden. Unter den Verletzten seien auch einige Mitarbeiter der Botschaft, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Entgegen ersten Angaben befanden sich unter den Toten keine US-Soldaten. Die Nationalität der Opfer ist bislang unklar.
Die Druckwelle der Explosion war enorm und ließ in Sekundenbruchteilen alle gepanzerten Fensterscheiben der Botschaft zerbersten, die zur Straße gerichtet sind – auch die Zimmer des Botschafters und seines Stellvertreters liegen an dieser Seite des Gebäudes. Daneben entstand an der Außenmauer der Vertretung Sachschaden. Die Sicherheitskräfte der Deutschen Botschaft hatten bei dem Anschlag "unglaubliches Glück", so ein Beamter im AA. Demnach wurden nur drei afghanische Polizisten, die die Botschaft außen an der Straße sicherten, leicht verletzt.
Sicherheitsvorkehrungen wurden im Vorfeld verstärkt
In den letzten Monaten hat die deutsche Botschaft ihre Sicherheitsvorkehrungen immer wieder verstärkt. Vor dem Tor, einer Art Schleuse zur Kontrolle aller Fahrzeuge, dürfen normale Autos nicht mehr halten. Kommen Botschaftsfahrzeuge aus dem Gelände heraus, wird die Straße abgesperrt. Die Botschaft selbst und auch die Residenz des Botschafters liegen hinter einer hohen Mauer mehrere Meter von der Straße entfernt. Außen wird die Botschaft von einer afghanischen Sicherheitsfirma geschützt.
Warnungen vor Anschlägen gibt es in Kabul fast jeden Tag, gleichwohl sind sie nicht sehr hilfreich. Meist wird vor einem Toyota Corolla, dem Standardfahrzeug im ganzen Land gewarnt. Allerdings war der Zeitpunkt des Anschlags typisch für Kabul. Immer wieder finden Angriffe und Bombenanschläge am Morgen statt, wenn die Stadt voll mit Autos ist und man sich unauffällig bewegen kann.
Für die Botschaft selbst galt nach dem Anschlag höchste Sicherheitsstufe. Ein Krisenstab wurde im ersten Stock der Vertretung eingerichtet und alle Mitarbeiter auf das Gelände gerufen. Erst vor einigen Monaten hatte das AA aus Sicherheitsgründen entschieden, dass alle Mitarbeiter der Botschaft auf dem Gelände oder einer anderen Liegenschaft der Bundesrepublik untergebracht werden müssen. Nun werden die Diplomaten beraten, ob man diese Vorkehrungen noch einmal verschärfen muss.
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